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Wissen Gesundheit
08/26/2020

Vergiftung Nawalnys: Was hinter Cholinesterase-Hemmern steckt

Cholinesterase-Hemmer nutzt man als chemische Kampfstoffe, Insektizide – und als Alzheimermedikament.

von Ingrid Teufl

Hinweise auf „Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ machen die Ärzte der Berliner Charité – wie berichtet – für den Gesundheitszustand von Alexej Nawalny verantwortlich. Das ist keine unbekannte Substanz, erklärt der Toxikologe Rainer Schmid. „Es sind wichtige Transmitter im Nervensystem. Sie werden ausgeschüttet, wenn man sich bewegt.“

Um diesen Vorgang zu stoppen, schüttet der Körper ein Enzym – Acetylcholinesterase (AChE) – aus. „Wird dieses gehemmt, hört die Wirkung nicht mehr auf.“ Im Grunde handelt es sich dann um eine Überstimulation. Die Folge: Muskelkrämpfe bis hin zur Atemlähmung. „Es ist eine sehr potente Substanz. Cholinesterase-Hemmer wirken eben generalisiert auf allen Muskelebenen.“

Gegenmittel

Als Gegenmittel wird bei einer derartigen Vergiftung Atropin verabreicht. Beim Augenarzt werden mittels Tropfen mit der Substanz die Pupillen erweitert, um die Netzhaut untersuchen zu können. In hoher Dosierung hemmt Atropin die Überstimulation der Nervenzellen. Allerdings müsse das früh passieren, sagt Schmid. „Als Folge der Vergiftung kann es zu Organschäden kommen. Diese kann man damit nicht mehr stoppen.“

Cholinesterase-Hemmer zählen zu den organischen Phosphorverbindungen. Dazu gehören neben Insektiziden auch eine Reihe chemischer Kampfstoffe, etwa das Nervengift Sowitschok, mit dem etwa der Doppelagent Sergej Skripal 2018 vergiftet wurde. Medizinisch werden diese Wirkstoffe in dosierter Form bei Alzheimer-Patienten eingesetzt, um die verlangsamte Reizübertragung zu verbessern.

Angriffspunkt: Nervenenden

Grundsätzlich gebe es eine Menge an Substanzen, die in diese Richtung wirken, betont Toxikologe Schmid. Warum diese Wirkstoffgruppe gerade bei Vergiftungsanschlägen so oft eine Rolle spielt, liege an ihren Angriffspunkten an den Nervenenden und über die Hemmung des Enzyms AChE. „Das sind nicht selten Substanzen aus der Cholinesterase-Hemmer-Gruppe“, sagt der Experte.

Aber auch die hohe Giftigkeit spielt wohl eine Rolle. „Bei Vergiftungen kommt es stets darauf an, was man bewirken will. Die Frage ist immer, wie der Verlauf aussehen soll. Man wird versuchen, etwas zu finden, das das Enzym sehr effizient bindet, damit die Wirkung nicht so schnell aufhört.“ Was auch eine Rolle für die Entscheidung spielen könnte: „Je wirksamer ein Giftstoff ist und je kleiner die benötigten Mengen sind, desto schwieriger ist der Nachweis.“

Derart hochpotente Wirkstoffe nachzuweisen, ist nicht einfach, betont Schmid. „Heute ist zwar viel mehr möglich als vor 20 Jahren. Aber man muss zumindest wissen, in welche Richtung man untersucht.“ Das geschieht meist über die jeweiligen Symptome, die ein Patient aufweist. Doch auch die Untersuchung des Blutplasmas von Alexej Nawalny könnte in der Berliner Charité den Verdacht auf Cholinesterase-Hemmer erhärtet haben.ingrid teufl

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