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Politik Ausland
12/28/2021

Großbritannien: Wo Postkästen mit Wollhauben bestrickt werden

Ein neuer Trend sorgt in Großbritannien für Lächeln – und offene Geldbörsen.

von Georg Szalai

 "Lovely, isn’t it?", sagt die ältere Dame in Stevenage, nördlich von London, und zeigt lächelnd auf den Postkasten, den sie gerade bestaunt hat. Sie ist keine Touristin und bewundert nicht den roten britischen Designklassiker selbst, sondern seinen fotogenen "postbox topper". Der Aufsatz, eine Art Wollhaube, ist mit Weihnachtssänger- und Schneemann-Figuren bestückt. Mit Handy und QR-Code kann man sogar eine Kleinkindergruppe aus der Gegend "We Wish You a Merry Christmas" singen hören.

Diese sehr britische Variante des "yarn bombing" (Versuch, mit Wolle, Garn oder Textilien ein Zeichen zu setzen, Anm.) will Objekte im öffentlichen Raum mit gestrickter oder gehäkelter "Street Art" verschönern und ist im Instagram-Zeitalter zum Trend geworden. Die Covid-Lockdowns brachten einen wahren Boom. Von Manchester, Oxford und London bis zum schottischen Edinburgh und Rhyl in Wales verpassten fleißige Handarbeiter Briefkästen bunte Aufsätze und umgarnten so ihre Mitbürger. Ihre Kreationen brachten willkommene Ablenkung von Corona-Sorgen und halfen Spenden zu sammeln. Die Fadenkünstler agieren oft heimlich, also sprechen Medien gerne von "Geheimgesellschaften".

Hasen, Eier und Kürbisse

Auch nach dem Ende der Lockdowns gingen in manchen Teilen Großbritanniens weder Kreativität noch Wolle aus. So formierten sich die Stevenage Postbox Knitters über eine private Facebook-Gruppe im November 2020. Seither tauchen hier regelmäßig neue Hauben-Modelle auf. Hasen, Küken und Eier aus Wolle zu Ostern, Geister und Kürbisse zu Halloween, Schlümpfe beim Wintersport im Dezember und mehr schmückten 2021 etwa 30 der rund 100 Postkästen der Stadt.

Als der KURIER die Knitters via Facebook kontaktiert, meldet sich eine Frau mittleren Alters, die sich als eine der Gründerinnen vorstellt und bittet, ihren Namen nicht zu nennen. Anfangs kamen Strickgruppen und Einzelpersonen, vor allem Frauen, als "Lockdown-Projekt" zusammen, erzählt sie. "Es brachte uns positive Beschäftigung, Ablenkung und neue Verbindungen." Mit der Handarbeit wollte man zur Adventzeit zu Spenden für gute Zwecke motivieren – und brachte etwa 1.000 Pfund (1.165 Euro) zusammen. Mittlerweile seien rund 30 bis 40 Menschen in der losen Gruppe aktiv. Topper werden von Einzelpersonen, einem Tochter-Mutter-Großmutter-Team und auch größeren Gruppen gefertigt. Warum die Geheimhaltung? "Wir fliegen ein bisschen unter dem Radar, weil wir für alle offen sein und nicht beurteilen wollen, wessen Arbeit besser ist. Alle Kreationen sind schön und bringen Leuten ein Lächeln." Auch der britische Postdienst mag die Wollhauben und würde sie laut BBC nur abnehmen, wenn sie Einwurfschlitze verdecken.

"Lovely, isn’t it?", sagt auch ein Briefträger in Stevenage, der einen mit Elfen, Christbäumen und Weihnachtspaketen verzierten Postkasten leert. Dass die Kunstwerke den Alltag bunter machen, sei, was zählt, meint die Frau von der Strick-Aktionsgruppe: "Was man mit einem Haufen Fussel alles machen kann."

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