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Politik Ausland
12/19/2021

Größte humanitäre Katastrophe der Welt: "Es wird immer schlimmer"

Seit sieben Jahren wird im Jemen ein Stellvertreterkonflikt auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen. Millionen sind auf der Flucht.

von Johannes Arends

Seit einigen Jahren schon herrscht im Jemen, auf der Südspitze der arabischen Halbinsel, die größte humanitäre Krise der Welt vor, darüber sind sich etliche internationale Hilfsorganisationen einig. Schuld daran ist ein Bürgerkrieg zwischen den radikal-islamistischen Huthi-Rebellen und der jemenitischen Regierung, der inzwischen zu einem Stellvertreterkrieg größerer Mächte der arabischen Welt geworden ist.

"Der Jemen braucht Hilfe in einer Größenordnung, die von NGOs nicht mehr gestemmt werden kann", heißt es vom Internationalen Roten Kreuz. Mehr als 24 Millionen Menschen vor Ort sind auf Hilfsleistungen angewiesen. Es sind enorme Zahlen, aber sie sind auch so unverhältnismäßig hoch, dass man sich darunter kaum etwas vorstellen kann.

Mehr als 15 Mio. Menschen
haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, mehr als 16 Mio. nicht genug zu essen.

Nur die Hälfte der Spitäler
ist noch funktionsfähig, infolge des Krieges sind mehr als 150.000 Menschen verstümmelt worden.

Vier Mio. Inlandsflüchtlinge
Die geografische Lage macht eine Flucht ins Ausland nahezu unmöglich: Westen und Süden gehören den Huthi, bis zum Oman im Osten sind es mehr als 1.000 Kilometer durch die Wüste, im Norden hat Saudi-Arabien die Grenze dichtgemacht.

"Ja, das ist das große Problem des Jemen“, sagt Christa Rottensteiner von der internationalen Migrationsorganisation der Vereinten Nationen (IOM). „Es ist das siebte Jahr eines Krieges, das langweilt vielleicht viele Leute. Aber es wird immer schlimmer."

Die Österreicherin leitet seit 2019 die Jemen-Mission ihrer Hilfsorganisation. Knapp 800 Mitarbeiter, der überwältigende Großteil selbst Jemeniten, versuchen für IOM gestrandete Flüchtlinge aus dem In- und Ausland zu unterstützen. Eine Herkulesaufgabe, nicht nur wegen der unzureichenden Mittel – denn Rottensteiner organisiert den Einsatz von der Hauptstadt Sana’a aus.

Alles hängt an einer Stadt: Ma'rib

Die knapp 2,5 Millionen-Einwohner-Metropole mit der zauberhaften Altstadt steht seit 2015 unter der Kontrolle der Huthi-Rebellen. Mit der tatkräftigen finanziellen und militärischen Unterstützung des Iran haben sie es geschafft, den Großteil der besiedelten Fläche im Jemen zu erobern. Von NGOs hört man immer wieder, dass sich die Zusammenarbeit mit den Huthi als besonders schwierig erweist. Offen will das aber kaum jemand sagen, um das angespannte Verhältnis nicht noch weiter zu verschlechtern.

Während die Rebellen weiter vorrücken, zerfällt das internationale Militärbündnis, das den ursprünglichen jemenitischen Präsidenten Hadi stützt, zunehmend. Wegen der aussichtslosen Situation zogen die Vereinigten Arabischen Emirate vor zwei Jahren ihre Truppen ab und drehten den Geldhahn zu.

Und auch das Königshaus von Saudi-Arabien, das als letzter großer Verbündeter übrig bleibt, sucht seither fieberhaft nach einem Weg, möglichst gesichtswahrend aus dem Konflikt auszusteigen. Die saudische Grenze ist für jemenitische Flüchtlinge schon lange geschlossen, Präsident Hadi wird dagegen Exil gewährt.

Als letzte Bastion der ursprünglichen jemenitischen Regierung verbleibt die mehr als 1.200 Jahre alte Wüstenstadt Ma’rib, wo sich der Konflikt seit Anfang 2020 zuspitzt. Offiziell zählt sie nur etwa 21.000 Einwohner, während die Kriegsfront immer näher rückt, dürften dort heute aber deutlich mehr Menschen leben – Schätzungen zufolge mehr als eine Million.

Auch Rottensteiner meint: "Ich war in den letzten zwei Jahren regelmäßig in der Region, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Die Flüchtlingszahlen haben sich im letzten Jahr verzehnfacht." Vor allem seit Ende September stoßen die Huthi immer weiter vor und verschlimmern die Lage in Ma’rib. Die Flüchtlinge leben dort in aus Stöcken und Tüchern improvisierten Zelten.

"Ich habe erst letzte Woche mit einer jungen Frau gesprochen, die mit ihren vier Kindern in diesem Krieg schon zum fünften Mal geflüchtet ist. Jetzt lebt sie in diesem schrecklichen, überfüllten Camp in einem durchlöcherten Zelt mit 40 Menschen", erzählt Rottensteiner. Und weiter: "Der Jemen ist eigentlich ein warmes Land, aber diese Zelte stehen in der Wüste – und da ist jetzt Winter, in der Nacht wird es also bitterkalt."

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