Erstmals in Europa: Waldbrände schüren gefährliche „Feuerwolke“
„Es ist ein kriegsähnliches Szenario, in dem wir unter ständigem Beschuss stehen“, sagt Eric Brocardi, Sprecher des Französischen Feuerwehrverbandes FNSPF: „Diese Rauchwolke erzeugt ihr eigenes Wettersystem und führt dazu, dass alles, was sich in ihrem Weg befindet, spontan in Flammen aufgeht.“
Brocardi beschreibt ein Phänomen, das in Regionen wie Australien, Kalifornien oder Teilen Kanadas seit Jahren bekannt und gefürchtet ist. In Europa waren „Feuerwolken“ dagegen noch nicht zu sehen – bis jetzt.
Aufnahmen der französischen Feuerwehr vom Samstag zeigen, wie sich über den Wäldern der Gironde im Westen des Landes eine gigantische, dunkle Wolke kilometerhoch in den Himmel streckt. Laut Meteorologen spricht vieles dafür, dass es sich um einen sogenannten Pyrocumulonimbus handelt: Ein gefährliches Wetterphänomen, das sich nur unter bestimmten Bedingungen über besonders schweren Waldbränden zusammenbraut. Diese Wolken erhöhen das Tempo, mit dem sich die Feuer ausbreiten, massiv.
Wie die Wolke entsteht
Derart schwere Feuer, wie sie derzeit in Europa zu beobachten sind, entstehen normalerweise, wenn drei Bedingungen zusammenkommen: hohe Temperaturen, Trockenheit und starke Winde, die Funken weitertragen.
Je größer der Brand, desto mehr umliegende Luft wird von den Flammen eingesaugt und desto stärker werden in unmittelbarer Nähe die Winde. Der heiße Rauch wird dabei immer stärker und weiter in den Himmel gewirbelt, in Extremfällen bis zu zehn bis 15 Kilometer hoch, an den Rand der Stratosphäre.
Dort erst kühlt er ab, der enthaltene Wasserdampf kondensiert und bildet eine Wolke – allerdings in unnatürlicher Höhe. Weil der Rauch viele Ruß- und Aschepartikel enthält, die Wasser binden, wird daraus schnell eine Sturmwolke.
Der entstehende Sturm heizt paradoxerweise die darunterliegenden Feuer weiter an. Dafür ist seine Höhe entscheidend: Regnet die Wolke ab, fallen die Tropfen ungewöhnlich lange durch die extrem heiße, trockene Luft rund um den Waldbrand – und verdampfen, noch bevor sie den Boden erreichen. Der verdampfende Regen kühlt die Luft jedoch ab, die dadurch schwerer wird und als starke, kalte Sturmböe vertikal in Richtung Boden peitscht – der sogenannte „Downburst“.
Der ist besonders gefährlich: Treffen die Böen auf den Boden, verbreitet sich der Wind schlagartig in alle Richtungen gleichzeitig, was zur Ausbreitung des Feuers beiträgt und Hilfskräfte gefährdet, die plötzlich von Flammen eingeschlossen werden könnten. Gleichzeitig entstehen durch die freigewordene Energie Blitze, die auf dem trockenen Untergrund neue Brandherde entstehen lassen.
Was das bedeutet
Auf dem Boden entsteht dadurch eine dramatische Situation: „Wir haben es mit einem sogenannten Konvektionsbrand zu tun, der seine eigenen Winde erzeugt – Winde, die ständig ihre Richtung ändern“, klagt Feuerwehr-Sprecher Brocardi.
„Die Wolke ist die Bestätigung, dass diese Brände sehr gefährlich sind“, erklärt der australische Waldbrand-Experte Rick McRae von der Universität New South Wales im Guardian. „Diese Gewitterwolken erreichen ein Volumen von etwa 10.000 Kubikkilometern in der Atmosphäre und haben daher erhebliche Auswirkungen.“ In Australien werden Pyrocumulonimbus-Wolken seit knapp 25 Jahren beobachtet, aufgrund des Klimawandels mit zunehmender Häufigkeit, wie McRae betont.
Laut Brocardi könne die Rettung „nur aus dem Himmel kommen“, in Form von heftigem Regen oder dadurch, dass man das Feuer gezielt ans Meer lenkt, wo es von selbst erlischt. Doch danach sehe es momentan nicht aus: „Wir sind an einem Punkt der operativen Ohnmacht angelangt.“
Wetterforscher McRae warnt davor, dass Frankreich eine neue Hitzewelle bevorsteht, die zur Entstehung weiterer „Feuerwolken“ beitragen könnte: „Die entscheide Frage ist, ob wir am Dienstag oder Mittwoch weitere Pyro-CBs beobachten werden können.“
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