Familie starb an Vergiftung in Istanbul: Angeklagten droht 22 Jahre Haft
Die Blaue Moschee in Istanbul: Der Fall ist für das Image der Bosporus-Metropole verheerend.
"Vorübergehend geschlossen", lautet der knappe Hinweis online, wenn man nach dem Harbour Suites Old City Hotel in Istanbul sucht. Das Hotel liegt mitten im Istanbuler Stadtteil Fatih, nahe der prächtigen Hagia Sophia und dem Topkapi-Palast, der Blauen und der Süleymaniye-Moschee und dem Großen Bazar. Alles Sehenswürdigkeiten, die sich eine vierköpfige, deutsch-türkische Familie im November des Vorjahres wohl ansehen wollte. Doch stattdessen verstarb sie nach wenigen Tagen in einem Krankenhaus. An den Giften, die ein Pestizid, das verbotenerweise in besagtem Hotel verwendet worden sein soll, ausgelöst hatte.
Der tragische Fall erregte sowohl in der Türkei als auch international großes Aufsehen. Insbesondere der Vater des verstorbenen 38-jährigen Mannes sucht die öffentliche Aufmerksamkeit. Am Dienstag war er zum Prozessbeginn eigens aus Hamburg nach Istanbul gereist, um der Verhandlung im Stadtteil Çağlayan beizuwohnen. "Diese Familie existiert nicht mehr", sagte Yilmaz Böcek, der als Nebenkläger auftritt, vor dem Prozess gegenüber dem deutschen Sender RTL.
Zuerst hatte man eine mögliche Lebensmittelvergiftung vermutet – die Familie fuhr wegen Übelkeit und Erbrechens ins Krankenhaus, wurde aber weggeschickt. Noch am selben Tag wurde sie erneut eingeliefert. Erst starb die 27-jährige Mutter, dann die drei- und fünfjährigen Kinder. Nach mehreren Tagen auf der Intensivstation erlag auch der 38 Jahre alte Vater der Vergiftung. Am selben Wochenende wurden auch zwei Touristen, die im selben Hotel wohnten, sowie eine Angestellte mit Übelkeit und Erbrechen ins Krankenhaus gebracht. Sie überlebten.
Widerrechtlich verwendetes Pestizid
Im Hotel soll die Chemikalie Aluminiumphosphid verwendet worden sein, die laut Deutschem Schädlingsbekämpfer-Verband nicht zur Bekämpfung von Bettwanzen geeignet ist. In Verbindung mit Feuchtigkeit entstand daraus das tödliche Gas Phosphin, das die Zellatmung blockiert. Über undichte Stellen an den Heizungsrohren soll das Gas in das Zimmer der Familie gelangt sein. Auch in den Handtüchern des Hotels habe man Phosphin gefunden.
Die Firma habe weder die nötigen Genehmigungen noch Sicherheitsvorkehrungen getroffen, so die Kläger. Der damalige Justizminister Yılmaz Tunç versprach kurz nach dem Tod der Familie im November: "Wer auch immer für den Tod dieser Familie verantwortlich ist, wird sich vor Gericht verantworten müssen. Insbesondere in dieser Branche muss man besonders vorsichtig arbeiten. Es geht immerhin um wertvolle Menschenleben."
Sechs Personen sind angeklagt: der Hotelbesitzer, ein Hotelmitarbeiter, der Besitzer und Angestellte der Schädlingsbekämpfungsfirma, die schon einmal wegen unerlaubten Einsatzes von Giften Strafe zahlen musste und gegen die auch im Zusammenhang mit dem Tod eines dreijährigen Jungen im Frühling 2025 ermittelt wird. Die Anklage lautet "fahrlässige“ bzw. "bewusste fahrlässige Tötung" – letzteres kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 22,5 Jahren geahndet werden. Die Staatsanwaltschaft und Familie der Todesopfer fordern dieses für pro Todesopfer für jeden Angeklagten. Der Anwalt der Angehörigen will auch die zuständigen Ärzte und Pfleger vor Gericht bringen.
Kein Einzelfall
Besonders schwer wiegt, dass das nicht der erste Todesfall in Verbindung mit einem Schädlingsbekämpfungsmittel in der Türkei war. 2024 war eine 21-jährige Studentin, ebenfalls aus Hamburg, während ihres Auslandsstudiums in Istanbul gestorben. Auch ihr Tod war zunächst mit einer Lebensmittelvergiftung erklärt worden. Erst ein forensischer Bericht legte nahe, dass die junge Frau auch mutmaßlich durch Pestizide, die gegen Bettwanzen in der Nachbarwohnung verwendet worden waren, vergiftet worden sein könnte. Im August wurden zwei junge Niederländer in einem Hotel tot aufgefunden, als Todesursache wurde eine Lebensmittelvergiftung vermutet. Das Hotel befand sich laut Medien in unmittelbarer Nähe zu dem Hotel der Hamburger Familie.
Ob und wann im Prozess ein Urteil gefällt wird, ist unklar; er kann über Monate bis sogar Jahre dauern.
Die türkischen Medien gaben sich am Dienstag in ihrer Berichterstattung auffällig zurückhaltend. Der Fall ist nicht nur für das Image der Bosporus-Metropole verheerend – Istanbul verzeichnete im Vorjahr geschätzt 19,7 Millionen internationale Touristen, sechs Prozent mehr als im Jahr davor. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete im Februar "trotz geopolitischer Herausforderungen" von "Rekordeinnahmen und Rekordbesucherzahlen“ in der Türkei.
Behörden in Kritik
Nach dem Tod der Familie wurde angekündigt, dass Pestizidkontrollen in Hotels verschärft werden sollen. Doch den türkischen Behörden werden immer wieder unzureichende Kontrollen oder Bestechlichkeit vorgeworfen. Schon beim verheerenden Beben von Gölcük 1999 stürzten Wohn- wie Kartenhäuser zusammen; nach dem Erdbeben rund um die Provinz Hatay im Februar 2023, bei dem allein in der Türkei 53.000 Menschen starben, wurden Baufirmen Nachlässigkeit und Pfusch vorgeworfen. Behörden wurden kritisiert, sie hätten Baumängel, etwa den Ausbau eines Hotels ohne Genehmigung, geduldet. Ein Hotelbesitzer und ein Architekt wurden in einem darauffolgenden Prozess zu hohen Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt.
Auch der Hotelbrand im türkischen Skigebiet Kartalkaya im Jänner 2025, bei dem 78 Menschen ums Leben kamen, wurde auf mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen und falsche Bauweisen zurückgeführt. Der Hotelbesitzer, seine Familie, der stellvertretende Bürgermeister der Gemeinde und andere wurden zu dutzendfacher, lebenslanger Haft verurteilt. Diese Vorwürfe treffen auch die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der die Bauwirtschaft als Wirtschaftsmotor besonders forciert – was jahrelang gut funktionierte, laut Kritiker jedoch zulasten von Sicherheitsvorschriften. Genehmigungsverfahren würden beschleunigt, Kontrollen seien oft unzureichend, Schutzmaßnahmen würden teilweise umgangen oder nicht konsequent durchgesetzt.
"Ich will die ganze Wahrheit, was da genau passierte, und was sie zu ihrer Verteidigung sagen", so der Großvater der verstorbenen Kinder, Yilmaz Böcek.
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