© Andy Wenzel/BKA

Politik Ausland
05/06/2021

"Wir dürfen beim Grünen Pass den Westbalkan nicht vergessen"

Sicheres Reisen von und nach Österreich sei essenziell, erklärt Europaministerin Karoline Edtstadler in Albanien.

von Karoline Krause-Sandner

Die Cafés im Zentrum der albanischen Hauptstadt Tirana sind voll. Die Pandemie erkennt man an den Masken, die manchmal über Mund und Nase, manchmal am Kinn getragen werden. Und an einem großen weißen Zelt auf dem Skanderbeg Platz, in dem derzeit Über-65-Jährige und Risikogruppen geimpft werden. Gerade erst am Mittwoch hat die EU rund 5.000 Pfizer-Dosen nach Albanien geliefert. 155.000 (aus einem Kontingent von 651.000 Dosen für die ganze Region) sollen es bis August noch werden.

Albaniens Außenministerin Olta Xhaçka kann beim Besuch der österreichischen Europaministerin Karoline Edtstadler erfreuliche Corona-Daten präsentieren. Mit 92 offiziellen Neuinfektionen und einem registrierten Covid-bezogenen Todesfall in den vergangenen 24 Stunden ist Albanien auf einem „Rekordtief“ angekommen.

Das weiß auch die junge Frau, die in der Tourismusinformation am Skanderbeg Platz arbeitet. „Wir haben kaum Kranke“, sagt die Angestellte stolz. „Aber nicht, weil wir so gute Corona-Maßnahmen hatten, sondern weil das Immunsystem von Albanern einfach stark ist!“

Touristenzahlen

Doch während man sich über gute Gesundheitsdaten freut, macht der Blick auf die Wirtschaft – und insbesondere auf die Touristenzahlen – schon weniger glücklich. Der Fremdenverkehr macht mit 26 Prozent einen großen Teil des Bruttoinlandsprodukts aus. Das merkt jeder Einzelne, etwa auch die Frau, die am Eingang des Uhrturms am Hauptplatz Eintrittskarten für die kleine Aussichtsplattform verkauft: „In einem normalen Sommer kommen pro Tag 100 bis 200 Gäste aus aller Welt. Heute sind Sie die ersten drei“, sagt sie zu den Journalisten aus Österreich.

Familiäre Verbindungen

„Albanien verfolgt die Debatte in der EU um die Lockerungen der Reiserestriktionen und den Grünen Pass sehr genau“, sagt Außenministerin Xhaçka und weist auf die Wichtigkeit des Reisens zwischen Westbalkan und EU hin – „nicht nur für Wirtschaft und Tourismus, sondern auch für Familien“.

Bundeskanzler Sebastian Kurz will am Wochenende bei dem EU-Treffen in Portugal auch den Grünen Pass ansprechen, der Geimpften, Getesteten und Genesenen ab Mitte Juni das Reisen wieder erleichtern soll. Und Edtstadler machte auf ihrer dreitägigen Westbalkan-Tour klar, dass für sie diese Region ein Teil der Planung sein müsse: „Wir dürfen den Westbalkan beim Grünen Pass nicht vergessen.“ In Österreich bestünden vor allem wirtschaftliche und persönliche Verbindungen, da sei sicheres Reisen entscheidend. Ein Indiz: Die Austrian Airlines meldeten zuletzt starke Nachfrage nach Südosteuropa-Flügen. „Für jeden Staat in Europa sind andere Drittstaaten wichtig – für uns ist es der Westbalkan“, sagt Edtstadler.

Die EU-Erweiterungsländer auf dem Westbalkan sollten sich bei den Zertifikaten und den technischen Gegebenheiten an den EU-Staaten orientieren, damit deren Bürger sicher nach Österreich reisen könnten. "Aber auch umgekehrt: Es steht die Sommersaison vor der Tür. So sehr es auch Spaß macht, in Österreich Urlaub zu machen, kann ich verstehen, wenn man im Sommer das Meer sehen will. Da liegt der Westbalkan sehr nahe", so die Europaministerin.

Die Nähe äußert sich auch in der Fürsprache der Ministerin für den EU-Beitritt der Westbalkan-Staaten, insbesondere Albanien und Nordmazedonien. „Es ist notwendig, darüber zu sprechen. Auch in einer Zeit, in der die Gesundheit im Vordergrund steht“, sagt Edtstadler.

“Lücke schließen”

Man sei in Sachen Erweiterung schon sehr weit gekommen, auch wenn es – vor allem bei der Frage Nordmazedoniens – immer wieder Rückschläge gibt. „Aber wenn wir hier jetzt stoppen, dann verlieren alle Beteiligten.“ Die EU müsse die „Lücke“ in der Landkarte zwischen Griechenland und Kroatien füllen, so die Europaministerin.

In der Tourismusinfo am Skanderbeg Platz ist die junge Angestellte zu Scherzen aufgelegt. Ein Wegweiser in der Auslage zeigt nach Verona, Bari und Venedig. Aber Europa, sagt die Frau, sei derzeit nur für „EU-Europäer“. „Wir Albaner sind Europäer zweiter Klasse“, sagt sie Lachend. Doch sie sei optimistisch, dass es „irgendwann“ mal etwas wird mit dem Beitritt.

Das Zeichen nach Wien noch nicht aufgestellt - aber “bald” sagt sie. Europa ist derzeit nur für “EU-Europäer”, wir sind Europäer zweiter Klasse, aber vielleicht wird es bald mal was.

Premier Rama bestätigt 

Erst wenige Tage vor dem Besuch der Delegation aus Österreich wurde in Albanien gewählt. Der amtierende Premier Edi Rama konnte sich nach der Wahl am 25. April eine dritte Amtzeit – mit absoluter Mehrheit – sichern. Die Beziehung zur Opposition ist– nicht zuletzt nach dem schmutzig geführten Wahlkampf – mehr als angespannt, der Premier wird zunehmend für seinen autokratischen Kurs kritisiert. Für einige der Reformen – vor allem auch solche, die für die Beitrittsverhandlungen mit der EU wichtig sind – ist seine Sozialistische Partei aber auf die Stimmen der anderen Parteien angewiesen.

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