Anatomie einer Eskalation: Wieso sich Trump für den Krieg im Iran entschied

Wer wollte den Iran-Krieg? US-Präsident Donald Trump oder doch Israels Premier Benjamin Netanjahu? Ein Blick hinter die Kulissen zeigt die Abläufe.
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Zusammenfassung

  • USA und Israel planten seit Wochen gemeinsam eine Militäraktion gegen Iran, wobei Netanjahu auf einen Angriff drängte und Trump öffentlich zwischen Diplomatie und Konfrontation schwankte.
  • Ende Januar begannen massive militärische Vorbereitungen der USA im Nahen Osten, während parallel indirekte Atomgespräche mit Iran liefen.
  • Nach internen Beratungen und politischem Druck gab Trump Ende Februar den Befehl zum umfassenden Angriff, abgestimmt mit Israel.

Seit Wochen schon sollen die USA und Israel laut New York Times geheim über eine Militäraktion gegen den Iran beraten haben. Am 11. Februar traf Israels Premierminister Benjamin Netanjahu den US-Präsidenten Donald Trump im Oval Office. Netanjahu wollte sicherstellen, dass neue diplomatische Gespräche der USA mit dem Iran über dessen Atomprogramm keine bereits geplanten militärischen Schritte untergraben. Drei Stunden lang sollen Trump und Netanjahu über die Aussicht auf Krieg, mögliche Angriffstermine und die – aus ihrer Sicht unwahrscheinliche – Möglichkeit eines Abkommens mit Teheran diskutiert haben.

Mitte Februar: Öffentliche Skepsis gegenüber Diplomatie

Kurz nach dem Treffen äußerte sich Trump öffentlich skeptisch über Verhandlungen mit dem Iran und sprach von jahrelangem „Reden und Reden und Reden“. Auf die Frage nach einem Regimewechsel sagte er, das erscheine ihm als „das Beste, was passieren könnte“. Öffentlich wechselte Trump zwischen der Option eines Deals und der eines Sturzes der iranischen Führung, ohne die US-Bevölkerung überzeugend auf einen Krieg vorzubereiten. 

Zwei Wochen später autorisierte Trump einen anhaltenden Angriff auf den Iran. Erstes Ziel: Das Töten des Obersten Führers Ayatollah Ali Khameneis. Laut New York Times stützten sich er und seine Berater dabei auch auf falsche Behauptungen über eine unmittelbare Bedrohung durch den Iran. Wie aber kam es dazu?

Hinter den Kulissen: Der Weg in den Krieg

Einige mit der Causa betrauten Insider rekonstruierten den Pfad zur Kriegsentscheidung für die New York Times. Sie erklärten, dass der Kurs Richtung Krieg hinter den Kulissen stetig wuchs, während sich Trump öffentlich noch zögerlich gab. Netanjahu aber drängte seit Monaten auf einen Angriff gegen das seiner Ansicht nach geschwächte iranische Regime. Trumps Zuversicht speiste sich auch aus der erfolgreichen US-Operation im Jänner, die zum Sturz des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro geführt hatte.

Dezember bis Jänner: Israels Vorbereitungen und US-Zögern

Bereits im Dezember soll Netanjahu Trump in Mar-a-Lago um Zustimmung für israelische Angriffe auf iranische Raketenstellungen gebeten haben. Mitte Jänner soll er Trump gebeten haben, militärische Schritte zu verschieben, da Israel mehr Zeit für Verteidigungsvorbereitungen benötigte. Trump stimmte zu. Zu diesem Zeitpunkt soll auch das US-Militär laut New York Times noch nicht für einen längeren Krieg in der Region gerüstet gewesen sein.

Ende Jänner: Militärischer Aufbau

Ende Jänner begannen massive militärische Vorbereitungen: Zwei Flugzeugträger und ein Dutzend Begleitschiffe wurden in den Nahen Osten verlegt, dazu Kampfflugzeuge, Bomber, Tankflugzeuge und Luftabwehrsysteme. Bis Mitte Februar verfügten die USA über Kräfte für einen mehrwöchigen Krieg. Parallel liefen indirekte Atomgespräche mit Iran, geführt von Trumps Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner.

16.–21. Februar: Zweifel an Verhandlungen

Außenminister Marco Rubio äußerte am 16. Februar Zweifel an der Verlässlichkeit Irans und verwies auf die Rolle radikaler schiitischer Geistlicher im Staat. Am 21. Februar sagte Witkoff in einem Interview mit Fox News, Trump frage sich, warum Iran unter massivem militärischem Druck nicht „kapituliert“ habe. Für Trumps Umfeld wurde laut New York Times deutlich, dass er ernsthaft einen militärischen Angriff erwog.

18. Februar: Entscheidungsvorbereitung im Situation Room

Am 18. Februar sollen Trump, Vizepräsident J.D. Vance, US-Außenminister Marco Rubio, CIA-Direktor John Ratcliffe und Stabschefin Susie Wiles militärische Optionen diskutiert haben. Generalstabschef Dan Caine soll vor hohen US-Verlusten und regionaler Destabilisierung bei einem groß angelegten Angriff gewarnt haben. Vance sprach sich gegen einen begrenzten Schlag aus und plädierte dafür, im Falle eines Angriffs „groß und schnell“ vorzugehen. Ein Sprecher von Vance hat diese Aussage dementiert.

Die CIA soll mögliche Folgen der Tötung des obersten Führers Ali Khamenei dargelegt haben. Die möglichen Szenarien reichten von einer noch härteren geistlichen Führung über einen Volksaufstand bis hin zur Machtübernahme pragmatischerer Teile der Revolutionsgarden. Einige Regierungsvertreter sahen laut New York Times in letzterem eine Chance auf ein Entgegenkommen Irans. Die Analyse der CIA soll zudem nahegelegt haben, dass solange die USA nicht in die Quere des wirtschaftlichen Flügels kommen, etwa in deren Einfluss auf die Ölindustrie, könnten einige Gruppen an Offizieren geneigt sein, das Nuklearprogramm aufzugeben oder Proxy-Gruppen von einem Angriff auf die USA zu hindern. 

23.–24. Februar: Letzte Warnungen und politische Kritik

Der Trump-nahe Podcaster Tucker Carlson warnte den Präsidenten mehrfach vor einem Krieg und warf Israel vor, die USA hineinzuziehen. Trump erklärte ihm jedoch, er habe keine Wahl, da Israel ohnehin angreifen werde. Am 24. Februar informierten Rubio und Ratcliffe führende Kongressmitglieder („Gang of Eight“) über die Lage, ohne zu erwähnen, dass ein Regimewechsel erwogen wurde. (Mittlerweile will Trump von dem Ziel eines Regimewechsels nichts mehr wissen Anm.) Rubio argumentierte, die USA müssten gemeinsam mit Israel handeln, da Iran ohnehin reagieren würde. Demokraten kritisierten laut New York Times, Netanjahu diktiere damit die US-Politik.

Ende Februar: Der Befehl zum Angriff

In der Nacht von Freitag auf Samstag, drei Tage nach dem Kongressbriefing, auf dem Weg zu einer Veranstaltung in Texas, gab Trump den Befehl zu einem umfassenden Angriff. Ein möglicher Angriff soll von Trump und Netanjahu aber bereits am Mittwoch besprochen worden sein, also einen Tag vor den geplanten diplomatischen Gesprächen mit dem iranischen Außenminister Abbas Aragachi in Genf. Der Angriffsplan soll zunächst auf Donnerstag, dann auf Freitag verschoben worden sein. Die CIA erfuhr, dass Ayatollah Ali Khamenei gemeinsam mit ranghohen Mitgliedern von Staat und Militär am Samstagmorgen in Khameneis Residenz in Teheran zusammentreffen würden. Israel und USA beschlossen den Angriff. 

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