Venezuela ohne Diktator Maduro: Die seltsame Normalität danach
Beten und hoffen auf die Freilassung der vielen hundert politischen Gefangenen in Venezuela
Von Matheo Thaller aus Caracas
„Noch ist nichts wirklich klar, aber ich vertraue darauf, dass die Dinge besser werden. Der erste Schritt ist getan, wir sind auf dem richtigen Weg“, hofft Mayra, eine der Händlerinnen auf dem beliebten Markt Quinta Crespo im Zentrum von Venezuelas Hauptstadt Caracas. Der Markt wird vom Bürgermeisteramt Libertador verwaltet – eigentlich eine der Hochburgen des Chavismus, also jener linken Kräfte, die das südamerikanische Land seit mehr als 20 Jahren in ihrem eisernen Griff halten. Und doch ist möglich, was bis vor Kurzem undenkbar war: laut und deutlich Kritik üben.
Mayras Ehemann Luis sprich trotzdem lieber leiser, kann aber sein Lächeln nicht verbergen: „Ich sehe das, was passiert, als etwas Gutes. Wir müssen nur abwarten. Die Wirtschaft ist noch nicht gut, aber wir sind hier glücklich.“
Mehr als drei Wochen sind vergangen, seit die USA Venezuela bombardierten und Präsident Nicolás Maduro sowie seine Ehefrau Cilia Flores nach New York entführten – und dort vor Gericht stellen. Seitdem ist Unsicherheit ein ständiger Begleiter der Menschen in Venezuela. Sie wissen nicht, wer das Land wirklich regiert und auf welche Weise – während gleichzeitig Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimt.
Venezuelas Präsidentin Delcy Rodriguez und US-Präsident Donald Trump
Wie auf dem Markt von Quinta Crespo verläuft das Leben auch in anderen Teilen von Caracas in einem seltsamen Gefühl von Normalität. Obwohl der Chavismus weiterhin die staatlichen Institutionen kontrolliert und willkürliche Verhaftungen von Kritikern gemeldet werden, beginnen die Menschen allmählich, offener auf den Straßen zu sprechen.
Nach dem plötzlichen Verschwinden von Maduro und seiner einflussreichen Flores von der Macht wurde Delcy Rodríguez, die bisherige Vizepräsidentin des Landes, als amtierende Präsidentin vereidigt. Sie bezeichnete den US-Einsatz zunächst als „illegitime militärische Aggression“.
Unterwürfige Rodríguez
Doch schon bald wechselte sie von ihrem schrillen Ton gegenüber der Regierung Donald Trumps zu einer geradezu unterwürfigen Annäherung an die Vereinigten Staaten. Aus Washington kommende Anweisungen für Venezuela setzt Rodríguez umgehend um. Die diplomatischen Beziehungen zur USA wurden rasch wieder aufgenommen – und nach dem Verkauf von 50 Millionen (konfiszierter) Barrel Öl erhielt Venezuela nun erstmals 300 Millionen Dollar aus den USA, meldete die Präsidentin in der Vorwoche zufrieden.
Aus Washington war zuletzt gar zu hören, dass Delcy Rodríguez demnächst ins Weiße Haus eingeladen werden könnte. Es wäre der ultimative Beweis, dass die Trump-Administration in Venezuela lieber mit den Resten der Maduro-Führung kooperiert als mit der oppositionellen Friedensnobelpreisträgerin María Machado.
Anhänger des entführten Präsidenten protestieren für die Freilassung von Maduro
Rodríguez’ entgegenkommende Haltung gegenüber den USA ließ Gerüchte laut werden, dass sie es gewesen sein könnte, die das Präsidentenpaar verraten und Informationen geliefert hat, um deren Festnahme zu ermöglichen. Diese Theorie wurde noch durch Kabinettsumbildungen gestärkt, als sie Strohmänner Maduros von der Macht entfernte.
Innerer Machtkampf
Doch nach wie vor gibt es in Caracas mehrere Machtgruppen; die einstigen Zirkel rund um Ex-Präsident Maduro zeigen sich wenig eingeschüchtert.
Auf der einen Seite steht das Duo um Delcy Rodríguez und ihren Bruder Jorge Rodríguez, den derzeitigen Parlamentspräsidenten. Auf der anderen Seite will Diosdado Cabello nicht von der Macht weichen. Der Innenminister und langjährig eigentlich starke Mann der Regierung könnte ein massives Hindernis für den Übergang darstellen. Hinzu kommt noch Vladimir Padrino, Verteidigungsminister, der wegen des Ausbleibens einer starken militärischen Reaktion Venezuelas auf die US-Angriffe allerdings stark an Ansehen verloren hat.
Politische Gefangene
Drei Tage nach Maduros Entführung hatte US-Präsident Trump angekündigt, Venezuela werde ein Folterzentrum in Caracas schließen – ein möglicher Schritt hin zur Freilassung der rund 1.000 politischen Gefangenen. Daraufhin versammelten sich Hunderte Angehörige vor den Gefängnissen des Landes.
Ihre anfängliche Freude wich jedoch rasch purer Verzweiflung: Nur etwa 165 politische Gefangene kamen frei – und auch sie nur unter Auflagen. Viele dürfen weder das Land verlassen noch mit der Presse sprechen, und müssen regelmäßig vor Gericht erscheinen. „Ich halte das nicht mehr aus. Ich gebe Ihnen mein Leben für die Freiheit meines Sohnes“, fleht die Mutter eines Häftlings, der im Hauptquartier der bolivarischen Nationalpolizei in Boleíta in Caracas festgehalten wird. Wie viele andere bleibt sie Tage und Nächte vor dem Gefängnis, schläft auf Kartons und Decken im Freien, und hofft auf die Freilassung ihres Kindes.
„Maduro ist weg, aber die anderen sind noch da“, schimpft Lucrecia Pérez, 72 Jahre alt. „Wir sind der Freiheit nähergekommen, aber der Weg ist noch lang. Wir wollen, dass die Gefangenen frei sind, und wir wollen unsere Familien zurück.“ Ihre inhaftierten Enkel kennt sie nur vom Bildschirm ihres Handys.
Auf dem Markt von Quinta Crespo, im Zentrum von Caracas, erklingt plötzlich ein Afrohouse-Song von Kilómetro, einem venezolanischen Influencer, der das Land wegen Morddrohungen verlassen musste: „Und wo sind sie, wo sind sie? Die Kommunisten, die sie retten wollten – wo ist China? Wo ist Russland?“, heißt es im Song.
„Warum haben sie nicht gehandelt? Was ist die Ausrede? Maduro sitzt in einem Bundesgefängnis.“
Die meisten Zuhörer feiern das Lied, und Walter, ein Kunde auf dem Markt, redet so laut, als wolle er seine Gefühle mit allen Umstehenden teilen: „Ihr werdet sehen, wie alles besser wird. Der Chavismus regiert uns noch, aber sie können nicht mehr machen, was sie wollen – sie müssen tun, was Trump sagt.“
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