Der "Anti-Söder" im Münchner Rathaus

Dominik Krause, der neue grüne Münchner Oberbürgermeister, verkörpert all das, was Markus Söder eigentlich ablehnt. Anders als der CSU-Chef überzeugt er mit überraschend viel Nüchternheit.
Dominik Krause und Markus Söder bei ihrem ersten Zusammentreffen nach der Wahl am 16. April 2026.

Das erste Treffen nach den bayerischen Lokalwahlen zwischen dem designierten grünen Münchner Oberbürgermeister und dem CSU-Ministerpräsident fand gleich auf besonders heiklem Terrain statt: am Fußballfeld. Und zwar, der Zufallslosung geschuldet, nebeneinander auf derselben Tischfußballtischseite. "Wir haben überraschenderweise auch gleich gewonnen. Das würde im Landtag den einen oder anderen verunsichern", erzählte Markus Söder später im Bayerischen Landesparlament. Lachen unter den anwesenden Parlamentariern. 

Für Söder, der alles andere als bekannt dafür ist, seine politischen Gegner sanft zu behandeln, sind das versöhnliche, ja fast schon freundschaftliche Worte. In der Union gibt es kaum jemanden, der schärfer und populistischer gegen die Ökos schießt. Eine Regierung mit den "linksgrünen Pseudomoralisten" schließt er konsequent aus und warnt vor einem "Verbotssozialismus". Unvergessen ist auch seine Aussage: "Das einzige Grüne, das ich gerne umarme, sind Bäume."

Erster grüner Stadtchef

Doch künftig wird so ein Grüner, der all das verkörpert, was Söder bekämpft, knapp zehn Gehminuten von der Bayerischen Staatskanzlei entfernt, im Münchner Rathaus am Marienplatz sitzen – Dominik Krause zieht am 1. Mai als erster Grüner in der Geschichte ins Rathaus ein. Und wird, in Söders Augen wohl noch schlimmer, mit einer von Söder dämonisierten Ampel-Koalition aus Grünen, SPD und FDP regieren.

Eigentlich ist der 35-jährige Krause der personifizierte "Anti-Söder", dem Ministerpräsidenten könnte er nicht unähnlicher sein: jung, progressiv, offen homosexuell – bei der Pride 2025 tanzte er auf dem Wagen der Grünen als "Bürgaymeister", fährt lieber Rad und Öffis, verzichtet auf einen Dienstwagen. Im Wahlkampf zeigte er sich mit der ehemaligen Grünen-Ikone Robert Habeck und legte als DJ in einem Club auf.

Auf Social Media nennt er sich ein "Münchner Kindl", gendert "Münchner*innen" mit Sternchen. Urban, gebildet, liberal, recht gut situiert – Krause verkörpert das Bild jenes Großstadtpolitikers, vor dem in der CSU immer gewarnt wird. Das Vorurteil, er sei zu jung für das Amt des Stadtchefs der 1,5-Millionen-Einwohner-Metropole, kommentierte Krause im Wahlkampf selbstironisch in den sozialen Medien. 

Große Gefühle: Dominik Krause dankte am Wahlabend vor allem seinem Partner.

Große Gefühle: Dominik Krause dankte am Wahlabend vor allem seinem Partner.

Breite Aufmerksamkeit hatte Krause vor der Kommunalwahl erlangt, als er kurz nach seinem Amtsantritt als Zweiter Münchner Bürgermeister 2023 das Münchner Oktoberfest als "weltweit größte offene Drogenszene" bezeichnete. Krause wollte damit für eine Cannabislegalisierung werben, die Wiesnwirte reagierten empört. Mittlerweile hat Krause die Aussage revidiert, Söder, als bekanntlich großer Liebhaber der "bayerischen Tradition", ihm verziehen.

Krause selbst sagt von sich und Söder, man käme gut miteinander aus – Kritik, etwa an weniger Geld von Integrationsmaßnahmen vom CSU-Innenminister Alexander Dobrindt, scheut der Grünen-Politiker trotzdem nicht. 

Nüchtern auf Social Media

Was ihre Social-Media-Aktivität angeht, können sich Krause und Söder die Hand geben – und auch wieder nicht. Denn während Söder mit bewusst inszenierten, manchmal sogar Meme-artigen Posts und vor allem seinen Essgewohnheiten eine enorme Reichweite aufgebaut hat – der CSU-Chef hat auf Instagram über 800.000 Follower, mehr als doppelt so viele wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) –, ist der Account von Krause insgesamt eher sachlich-politisch gehalten. Auch seine Wahlversprechen klangen, abgesehen von 50.000 neuen Wohnungen im wohnraumknappen München, eher bürokratisch, wenig sexy und wenig außenwirksam: Er will leer stehende Büroflächen in Wohnflächen umwidmen, die Zuständigkeiten der Öffis bündeln und mit einer Kommission Vorschriften und Bürokratie prüfen.

Die einzige Brezn, die man in Krauses Social-Media-Videos findet, war die, die er im Wahlkampf an die Taxifahrer Münchens verteilte. Gerade diese Nüchternheit dürfte überraschend gefruchtet und sogar die politischen Gegner beeindruckt haben – vergangene Woche hat Söder ein Ende seines Hashtags "söderisst" verkündet. Dafür sollen auch kritische Stimmen aus der eigenen Partei verantwortlich gewesen sein, insbesondere nach den vielerorts verlorenen kommunalen Stichwahlen im März. 

In der Öffentlichkeit wirkt Krause ähnlich wie seine Wahlversprechen eher unaufregend – und stach damit besonders den 67-jährigen, langjährigen Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) aus, dem kurz vor der Wahl ungenehmigte Gelder aus dem Verwaltungsbeirat des FC Bayern auf die Füße fielen. Apropos politische Erfahrung: Krause hat Reiter in den vergangenen Jahren mehrere Male genauso geräusch- und pannenlos vertreten – unter anderem vor der Stichwahl, als Reiter Urlaub statt Wahlkampf machte, und genauso seit der geschlagenen Wahl Mitte März. Reiter war danach aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr ins Amt zurückgekehrt.

Traditionelles Anzapfen

In Richtung CSU, die in München nun in der Opposition sitzen wird, kündigte Krause vor seiner Angelobung an: "Ich will in der künftigen Stadtratsarbeit eine harte Konfrontation zwischen Regierung und Opposition vermeiden." Doch die wahre Bewährungsprobe als Münchner Stadtchef folgt für Krause erst im September: das Anzapfen des ersten Fasses auf der Wiesn. Söder wird dann zum ersten Mal in seinem Leben die erste Maß von einem grünen Oberbürgermeister gereicht bekommen.

Er werde den Sommer zum Üben nutzen, versprach Krause in einem Interview vor der Angelobung, habe auch schon "das ein oder andere Angebot bekommen". Der einstige Oberbürgermeister Thomas Wimmer soll beim ersten Mal 17 Schläge gebraucht haben – zuletzt waren es üblicherweise allerhöchstens drei Schläge. Söder, der als damaliger Finanzminister bisher nur einen Anstich, nämlich jenen im Hofbräuhaus 2016, vornahm, brauchte damals zwei.

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