© APA/dpa/Boris Roessler

Interview
12/03/2020

Antisemitismus bei Corona-Protesten: "Das driftet immer mehr ab"

Meron Mendel, Leiter der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, über alte Feindbilder und Täter-Opfer-Umkehr bei den Corona-Demonstrationen.

von Sandra Lumetsberger

Ein Mann trägt gestreifte Kleidung, die an die Uniform eines KZ-Häftlingen erinnert. In der Hand hält er eine Tafel mit der Aufschrift "Maske macht frei" - angelehnt an den Spruch über dem Torbogen des Vernichtungslagers Auschwitz "Arbeit macht frei". Andere wiederum haben Armbinden übergestreift mit der Aufschrift "ungeimpft" oder stellen sich, wie kürzlich in Kassel, auf die Bühne und vergleichen sich mit Widerstandskämpfern der Weißen Rose.

Immer öfter mischen sich unter den Protest gegen die Corona-Maßnahmen antisemitische Feindbilder und Elemente, die den Holocaust relativieren. Verfassungsschutzämter in mehreren deutschen Bundsländern orten dazu eine hohe Gewaltbereitschaft und warnen vor der Entstehung einer neuen Form des Extremismus. Der Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, stellte gar ein Erodieren der hart erkämpfte Erinnerungskultur fest, gleichzeitig würde dies die tatsächlichen Opfer verhöhnen. "Sie zeugen entweder auch von einer perfiden, bewussten Strategie oder einem Mangel von Empathie und Bildung auf vielen Ebenen", sagte er kürzlich mit Blick auf die Demonstranten.

Was dahinter steckt und welche Strategie mit der Täter-Opfer-Umkehr verfolgt wird, erklärt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, im Gespräch mit dem KURIER.

KURIER: Herr Mendel, eine Elfjährige vergleicht bei einer Demo in Karlsruhe ihren Geburtstag unter Corona-Bedingungen mit der Lage von Anne Frank. Eine junge Frau spricht in Kassel bei einer Veranstaltung der Gruppe "Querdenken" davon, sich wie Sophie Scholl zu fühlen. Demonstranten tragen Davidsterne mit der Aufschrift "ungeimpft": Immer wieder gibt es seitens der Corona-Proteste Verweise auf Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Meron Mendel: Ich habe fast ein bisschen Mitleid, dass sich diese Menschen in so einer Lage fühlen und auf absurde Vergleiche zurückgreifen. Ich bezweifle, dass das Mädchen aus Karlsruhe je das Tagebuch der Anne Frank gelesen hat. Auch die Frau aus Kassel weiß vermutlich nichts Substanzielles über die Geschichte der Weißen Rose. Abgesehen davon halte ich das alles für sehr gefährlich. Diese Opfer-Inszenierung als Verfolgte, Widerstandskämpfer und die Diskreditierung der deutschen Demokratie soll eine Ideologie bzw. Widerstand gegen die Regierung rechtfertigen. Damit wird letztlich auch Gewalt legitimiert, wie in Halle und Hanau. Beide Attentäter haben sich in ihren Manifesten als Opfer dargestellt, die so handeln mussten.

Diese Täter-Opfer-Umkehr mit Blick auf Juden wird ja auch von politischen Parteien betrieben.

Jene, die hetzen, versuchen sich ebenfalls als Opfer zu inszenieren. Rechte Parteien gehen hier schon sehr routiniert vor. Wenn eine AfD-Politikerin wie Erika Steinbach etwa sagt, die Kinder von AfD-Mitgliedern wären die "neuen Judenkinder", ist das ein Versuch, sich von der NS-Ideologie zu distanzieren im Sinne von: Wenn wir die neuen Juden sind, dann können wir doch keine Nazis sein. Das ist ein plattes Argumentationsmuster, ein Trick. Da die Leugnung des Holocaust strafrechtlich verfolgt wird, versucht man ihn zu bagatellisieren. Genauso wie bei den Corona-Demos, wo es heißt: Die Shoah und der Nationalsozialismus seien zwar "schlimm gewesen", aber das "was gerade passiere, sei genauso schlimm".

Die Menschen, die dort demonstrieren, wirken auf den ersten Blick unterschiedlich: ein Mix aus Esoterikern, Friedensbewegten, die eher dem linken Milieu zuzuordnen wären, sowie Rechtsextremen und Reichsbürgern. Was eint sie und welche Rolle spielt Antisemitismus?

Die Menschen fühlen sich als Opfer eines angeblichen Terror-Regimes, einer Diktatur. Das erklärt auch, warum sie den Antisemitismus teilen. Er ist ausgezeichnet dafür geeignet, um sich selbst als Opfer zu sehen: Dahinter steckt die Vorstellung von jemandem, der unsichtbar, aber sehr wirkmächtig ist. Juden wird viel Macht zugeschrieben. Sie sind die Bösen, die hinter den Kulissen alles beherrschen. Man sieht sie nicht, aber man hört von ihnen.

Und macht sie für Krisen verantwortlich …

Ja, das hat schon mit der Pest, der Spanischen Grippe und der Wirtschaftskrise in den 1920er-Jahren funktioniert. Das knüpft auch an eine weit verbreitete Vorstellung an. Es gibt Umfragen, wonach viele Deutsche glauben, dass ein Fünftel der Bevölkerung jüdisch ist. Die Wahrheit ist: Weniger als 0,1 Prozent sind Juden.

Sicherheitsberater warnen vor einer Radikalisierung der Corona-Proteste. Wie beobachten Sie das?

Ich bin oft bei solchen Demos, um die Szene zu verstehen. Was vor Monaten noch vereinzelt im Publikum zu hören war, wird jetzt offen auf einer Bühne ins Mikro gesagt. Die Parolen werden radikaler, die Menschen aggressiver. Das driftet immer mehr ab.

Was könnte dies beschleunigt haben?

Die Corona-Krise dauert an. Menschen, die sich schon im Mai und Juni in diesen Kreisen bewegt haben, fühlen sich dadurch bestätigt. Wobei ich nicht glaube, dass sich diese Bewegungen mit dem Ende der Pandemie auflösen. Faktenzweifel und Verbindungen zu Verschwörungsideologien werden uns noch lange begleiten – die Gruppen werden sich wandeln und weitere Themen finden, die ihre Angst bestätigen.

Was ist mit den Teilnehmern, die bei den Protesten "mitlaufen", weil sie die Entscheidungen der Politik kritisch sehen?

Natürlich gibt es dort Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind, dennoch frage ich mich: Warum muss ein normaler Mensch, der die Maßnahmen kritisch sieht, mit Verschwörern und Rechtsextremen zusammen marschieren? Ich würde diese Mitläufer nicht aus der Verantwortung ziehen. Das sind mündige Personen. Wenn sie entscheiden, mit diesen Menschen auf einer Linie zu stehen, ist davon auszugehen, dass sie das bewusst machen.

Welche Möglichkeiten gibt, es um diese Menschen zu erreichen?

Wir arbeiten mit Bildung und Beratung. Bei jungen Menschen versuchen wir, ihr Medium zu nutzen. Wir haben etwa ein digitales Spiel entwickelt, wo man eine kritische Haltung zu Verschwörungstheorien entwickelt. Im Dezember starten wir die Testphase, im Frühjahr wollen wir das Spiel im großen Umfang vertreiben - in Schulen wie im Handel.

Sehen Sie auch Hoffnung bei Erwachsenen bzw. älteren Menschen, die tief in ihren YouTube- oder Telegram-Kanälen festhängen?

Das ist schwierig. Wenn man bei den Demonstrationen versucht, mit den Menschen zu reden, kommt man nicht sehr weit. Unsere Hoffnung ist, sie anders zu erreichen – durch gemeinsames arbeiten und reflektieren. Wir machen Seminare in Unternehmen, zum Beispiel bei Fraport, dem Betreiber des Frankfurter Airports, oder bei Behörden wie den hessischen Finanzämtern oder wir schulen städtische Mitarbeiter. Wenn man die Menschen am Arbeitsplatz antrifft, kann man von einer heterogenen Gruppe ausgehen und davon, dass der eine oder andere solche Ideologien vertritt. Wir bieten einen geschützten Raum, indem die Teilnehmenden über sensible Themen – auch über die eigenen Stereotype – offen sprechen können. Einstellungen von erwachsenen Personen lassen sich nicht einfach ändern, aber wir schaffen es, Probleme besprechbar zu machen.

Zur Person:

Meron Mendel, geboren 1976 in Ramat Gan/Israel, ist Pädagoge und seit 2010 Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main.

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.