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Politik Ausland
04/23/2019

Die Neue IRA und die tiefen Gräben in Nordirland

Bekenntnis der Terrorgruppe zum Mord an der Journalistin in Derry verschärft die Spannungen in der Unruheprovinz.

von Konrad Kramar

Es ist eine jener halbherzigen Entschuldigungen, die jeden Konflikt nur noch weiter anheizen. In einem Bekennerschreiben, ganz in der bewährten Tradition der historischen Terrorgruppe IRA, erklärte sich die "Neue IRA" für den Tod der Journalistin Lyra McKee am vergangenen Donnerstag verantwortlich. Wie einst die IRA bot die paramilitärische Guerilla ihre "vollständigen und aufrichtigen" Entschuldigungen für die Tat an, um quasi im gleichen Atemzug eine Kampfansage zu formulieren. Die Reporterin sei erschossen worden, weil sie neben "feindlichen Truppen der britischen Krone", gestanden sei, die "schwer bewaffnet einen Vorstoß auf Creggan" unternommen hätten.

Bewaffnete Gruppen

Die Tatsachen hinter solchen pseudomilitärischen Frontberichten sind weit nüchterner. Nordirlands Polizei hatte in der Woche vor Ostern Hinweise auf möglicherweise bevorstehende Terroranschläge katholischer Untergrundorganisationen erhalten. Ostern ist in Nordirland alljährlich ein heikles Datum für die Sicherheitskräfte. Schließlich war 1998 am Karfreitag das Friedensabkommen für Nordirland unterzeichnet worden. Jenes Abkommen, das der britischen Provinz nach 30 Jahren Bürgerkrieg zwischen pro-irischen Nationalisten und pro-britischen Unionisten Frieden gebracht hatte. Ein Frieden, gegen den sich bis heute radikale Gruppen auf beiden Seiten stellen. Und diese Gruppen sind bewaffnet und bereit, Terror zu verbreiten, sobald sich eine Chance bietet. Die Polizei führte also am Donnerstag eine Razzia in der Creggan-Siedlung durch, ein ärmliches katholisches Arbeiterviertel und eine Hochburg radikaler katholischer Gruppierungen. Deren Vertreter empfingen die Polizei am Donnerstag nicht nur mit einem Hagel von Molotow-Cocktails, sondern offensichtlich auch mit gezückter Waffe. Es kam zu Schusswechseln, und dabei wurde die junge Reporterin, die sich seit Jahren mit dem Nordirland-Konflikt beschäftigt hatte, tödlich getroffen. 

Jugendliche Kämpfer

Die "Neue IRA" ist derzeit die Kerntruppe der radikalen pro-irischen Untergrundbewegung. Sie umfasst nach Informationen der nordirischen Polizei mehrere hundert kampfbereite Mitglieder und verfügt über ausreichend Schusswaffen. Darin versammelt sind die Kämpfer der sogenannten "provisorischen IRA", die entstanden war, nachdem die eigentliche IRA endgültig der Gewalt abgeschworen hatte. Dazu kommen aber auch radikalisierte Jugendliche, viele von ihnen erst nach dem Karfreitags-Abkommen geboren. Die anhaltend schlechte Wirtschaftslage in Nordirland treibt den Radikalen in beiden politischen Lagern neue jugendliche Aktivisten zu. Auch bei den Protestanten ist die sogenannte "Ulster volunteer Force" UVF weiterhin aktiv. Wie gewaltsame Ausschreitungen vor ein paar Jahren in der Hauptstadt Belfast zeigten, bringt auch sie kurzfristig hunderte gewaltbereite Kämpfer auf die Straße. Lokalen Medienberichten zufolge besitzt auch die UVF Waffenlager.

Neue Aktivitäten erwartet

Der Streit um den Brexit hat auch den politischen Konflikt in Nordirland erneut verschärft. Schießlich steht die Frage der Grenze zwischen Irland und Nordirland dabei im Mittelpunkt. Diese ist ja seit Jahren fast zur Gänze abgebaut, Menschen und Waren strömen beinahe ungehindert in beide Richtungen.

Sollte sie durch den britischen EU-Austritt wieder zugehen, würde das den radikalen Kräften in Nordirland neuen Auftrieb geben, befürchten lokale Politiker. In Nordirland bemühen sich nach dem Tod der Reporterin sogar die ehemals radikalen Kräfte um versöhnliche Worte und stellen sich deklariert gegen die neue IRA und die mit ihnen verbündeten politischen Gruppierungen wie die Saoradh-Partei. Die Sinn Fein, ehemals politischer Verbündeter der IRA, sprach von einem "Mord, der ein Angriff auf unseren Friedensprozess und auf das Karfreitags-Abkommen" sei.

Die "Neue IRA" werde trotzdem ihre Aktivitäten im Untergrund fortsetzen, urteilt die Politologin  Marisa McGlinchey gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian. Wie diese Aktivitäten aussehen könnten, ließ ein Zwischenfall vor wenigen Wochen erahnen. Fünf Briefbomben wurden an Büros auf Flughäfen und Bahnhöfen in London verschickt, sowie an eine Universität im schottischen Glasgow. Die Bomben waren zu klein, um große Zerstörungen anzurichten und nur eine von ihnen explodierte tatsächlich. Für die britischen Behörden handelt es sich eher um ein Lebenszeichen der Terrorgruppe und ein Warnsignal, dass sie auch zu größeren Anschlägen bereit sei.  

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