Demonstranten in Hong Kong ausgerüstet mit Smartphones

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Politik Ausland
12/31/2019

Die 10er Jahre: Smartphone, Twitter und andere Hypes der Weltpolitik

Die Welt schaut auf Trump und Greta – und übersieht, wohin sie sich eigentlich dreht.

von Andreas Schwarz

Die smarten 10er-Jahre – das lässt sich im Rückblick taxfrei auch auf die Weltpolitik umlegen. Nicht nur, weil uns diese Dekade zwei neue Generationen von Politikern beschert hat: die slim-fitten, smarten Posterboys à la Emmanuel Macron oder Sebastian Kurz; und die der gnadenlosen Populisten wie Donald Trump oder Boris Johnson, die ihre eigene Großmutter für den kurzfristigen politischen Erfolg verkaufen würden (manche sagen ja, der eine oder andere Posterboy tät’s auch) .

Nein, smart sind die 10er-Jahre wortwörtlich, nämlich smartphonetechnisch. Vor allem der amerikanische Präsident hat eine Hüftschuss-Politik per Smartphone begründet – seine Tweets vor, während oder nach der Morgentoilette sind Legion und haben, wie einst im Römischen Reich, den Charakter des Daumen-rauf oder Daumen-runter in der Arena der Weltpolitik.

Das Smartphone hat die politische Entwicklung aber auch abseits der Trump’schen Tweets geprägt:

Der Massenaufbruch von Flüchtlingen vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch im Bürgerkriegsland Syrien oder in Afghanistan hat viel mit den via Smartphone verbreiteten Bildern einer besseren Welt (und mit Schlepper-Nachrichten auf ebendiesem) zu tun.

Der Schrecken des IS-Terrors vor allem in Europa verbreitete sich über Social Media ungleich schneller und bedrohlicher als je zuvor, auch wenn die Terror-Opferzahlen in den 1970er- und 80er-Jahren ungleich höher waren.

Der russische Zar mit einem nicht einmal pseudo-demokratischen Anstrich, Wladimir Putin, lässt die Destabilisierung des Westens und den Eingriff in Wahlen dort über Internet und Social Media und damit auch über das Smartphone betreiben.

Greta Thunberg und die umweltbewegte Freitagsjugend hätte ohne Smartphone nicht annähernd eine Mitteleuropa-umspannende Verbreitung gefunden, und wer weiß, vielleicht reicht’s ja noch für die ganze Welt.

 

Und die Demokratiebewegung des „Arabischen Frühlings“, die ab Dezember 2010 die Regime von Tunesien bis Syrien (dort dann doch nicht) wegzuschwappen begann, wäre ohne die Aufstandskultur und den Hype via Smartphone so wohl nicht möglich gewesen.

Apropos: Die medialen, sozialmedialen und smartphone-getriebenen Hypes verzerren unser Rückwärtsbild – und manchmal nicht nur dieses – gerne. Die 10er-Jahre waren solche des Donald Trump? Mitnichten. US-Präsident zu Zeiten besagten „Arabischen Frühlings“ (mit dem irrigen Glauben, Demokratie einfach so in die arabische Welt verpflanzen zu können) war Barack Obama. Er war’s bis 2017 und damit länger als der Twitterant Trump bisher.

Die 10er-Jahre waren auch nicht überwiegend die der Posterboys – vor Emmanuel Macron (ab 2017) oder Christian Kern (ab 2016) regierten die Anti-Posterboys François Hollande und Werner Faymann.

Und wer jetzt einwendet, aber die Rechtspopulisten hätten Europa in den 10er-Jahren geprägt: Ein Herr Salvini war genau von Juni 2018 bis September 2019 Innenminister Italiens. Und unbeschadet der Orbàns und Kaczynskis im Osten Europas: Der Griff der viel beklagten (und zu viel hochgeschriebenen) Rechtspopulisten nach Europa ging gerade Ende der 10er-Jahre (EU-Wahl) ins Leere.

Nummer zwei

Vielleicht war das wichtigste Datum der 10er ja ein ganz anderes: der 14. März 2013. Da wurde Xi Jinping zum Präsidenten Chinas gekürt und später mit einer Machtfülle ausgestattet, wie keiner seit Mao Zedong. Seither sind die konsumorientierte Erziehungs- und Überwachungsdiktatur, der Sino-Kapitalismus, auf der Überholspur dieser Welt – und erpresst diese nicht nur mit seinem Smartphone- und 5G-Giganten Huawei. China begründet einen Neo-Kolonialismus in Afrika und Europa, dominiert Asien und ist wirtschaftlich längst die Nummer zwei der Welt, hinter den USA.

Ein Rückblick in zehn Jahren? Wird einer auf den Durchmarsch Chinas an die Weltspitze sein, in fast allen Belangen bis hin zur Rettung der Umwelt. Aufreger wie eine am Zugboden sitzende Greta Thunberg oder ein im Bad twitternder US-Präsident werden uns wie Kinkerlitzchen vorkommen.