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Analyse Wirtschaft
12/29/2019

Die 10er Jahre: Viel Potenzial für ein Krisenjahrzehnt in den 20ern

Über die Krise von 2008/2009, die in Europa noch nicht überwunden ist, China als führende Wirtschaftsnation und falsche Prognosen.

von Wolfgang Unterhuber

Die Geschichte der Menschheit ist ein gewaltiger Fluss, der sich aus vielen Quellen speist. So eine Quelle ist im Jahr 1793 ein Ereignis in der chinesischen Hauptstadt Peking. China ist damals die führende Wirtschaftsmacht weltweit. Im Jahr 1793 ersucht der Gesandte des britischen Königs Georgs III. in Peking um weitreichende Handelsabkommen zwischen den beiden Ländern.

China lehnt ab. Man hält an der Isolation fest. Über vier Jahrzehnte später kommen die Briten mit Waffen wieder. Das technisch komplett rückständige China wird für hundert Jahre ein Spielball ausländischer Mächte. Ein Trauma, das bis heute nachhallt und einer der Gründe ist, warum das Regime in Peking um jeden Preis den politischen und wirtschaftlichen Aufstieg an die Weltspitze schaffen will.

Prognosen zufolge wird China im Jahr 2028 die USA als führende Wirtschaftsnation ablösen. 200 Jahre nach dem Beginn des britischen Weltreichs und 100 Jahre nach dem Aufstieg der USA zur bis dato führenden Wirtschaftsmacht.

Es wäre jedoch falsch, die USA abzuschreiben. In puncto technologischer Innovationskraft bzw. Digitalisierung werden die USA auch im kommenden Jahrzehnt führend sein.

Negativzinsen

Europa hingegen läuft Gefahr, weiter an ökonomischer Power zu verlieren. Die EU, in der global gesehen 50 Prozent aller Sozialausgaben getätigt werden, hat wirtschaftsstrategisch die Langzeitfolgen der Krise von 2008/09 längst nicht überwunden (Griechenland-Krise inklusive).

Ein Ende der unkonventionellen Geldpolitik mit Negativzinsen wird zumindest am Beginn des neuen Jahrzehnts nicht stattfinden. Dabei unterliegen die Aktivitäten der Geschäftsbanken wegen der verrückten Zinswelt (und Regularien) schon jetzt permanenter Störfeuer. Besonders fatal: Die negativen Zinsen spülen Geld in die falsche Richtung. Wegen der ultraniedrigen Zinsen bleiben an sich tote Firmen am Leben. Wir werden also eine, wie es Experten nennen, „Zombifizierung“ der europäischen Unternehmenswelt erleben samt darüber gelagertem Wohlstand auf Pump.

Klingt irgendwie nach Tanz auf dem Vulkan. Wiederholt sich die Geschichte also doch? Die 2020er-Jahre bieten nach einer Analyse der amerikanischen Managementberatung Bain jedenfalls alle Voraussetzungen, um global betrachtet zu einem Krisenjahrzehnt zu werden. Ähnlich wie das wilde Jahrzehnt 100 Jahre zuvor. Allerdings weniger bezogen auf den Aufstieg von politischen Totalitarismen. Vielmehr verschmelzen nach Einschätzung der Studienautoren drei Megatrends zu einem unheilvollen Ganzen. „Die Digitalisierung wird ganze Volkswirtschaften neu formen, die Arbeitsmärkte in Tumult versetzen und die Spielregeln in vielen Wirtschaftszweigen verändern.“

Dazu kommen eine wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen in den meisten Industrieländern. Und gleichzeitig wird die Alterung der Bevölkerung die Sozialsysteme strapazieren wie nie zuvor. Frankreich zeigt ja bereits, was passiert, wenn die Politik versucht, die sozialpolitischen Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

Bei all den düsteren Prognosen lohnt sich aber auch ein Blick zurück. So wurde vor zehn Jahren von vielen Experten eine Hyperinflation vorhergesagt. Darauf warten wir noch immer.