So sehen die Straßen Sarajevos aus: Volle Schanigärten, kaum Masken, wenig Abstand.

© EPA/FEHIM DEMIR

Politik Ausland
03/06/2021

Der bosnische Weg: Wie die Malediven des Balkans mit Corona umgehen

Bars und Geschäfte sind offen - kaum Masken, kaum Tests, kaum Impfungen. Lange ging das gut, nun scheint sich das Blatt zu wenden.

von Karoline Krause-Sandner, Mirad Odobasic

Das Coronavirus scheint um Bosnien einen Bogen gemacht zu haben. Anders sind die Bilder aus Sarajevo nicht zu erklären: volle Lokale und Shoppingzentren im Zentrum, reges Treiben auf den umliegenden olympischen Bergen. Zu hören sind kroatische und serbische Touristen, die sich auf den „Malediven Balkans“ (so der mit Neid belegte Ton in den sozialen Netzwerken, sieh Facebook-Posting unten) eine Corona-Auszeit gönnen.

„Ich bin stolz darauf, dass unsere Grenzen für alle offen geblieben sind. Diejenigen Länder, die sich abkapseln, irren sich gewaltig. So wird man das Virus nicht besiegen können“, sagte Goran Čerkez vom bosnischen Gesundheitsministerium noch vor wenigen Tagen im KURIER-Gespräch.

Doch so rosig sieht es mittlerweile nicht mehr aus. In der gesamten Westbalkan-Region steigen die Zahlen immer schneller, von der dritten Welle ist die Rede. Bosnien mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern verzeichnet knapp 1.000 Neuinfektionen täglich. Tatsächlich dürfte die Dunkelziffer noch deutlich größer sein. „Nur ein Bruchteil der Infizierten werden überhaupt getestet“, sagt Vedran Džihić vom Österreichischen Institut für Internationale Politik. Wer nur milde Symptome hat, wird aufgefordert, zu Hause zu bleiben, in der Apotheke gibt es dafür einen Medikamentencocktail. Die meisten Infizierten tauchen in der Statistik gar nicht auf.

Trotzdem - die Geschäfte sind offen, die Gastgärten voll. Masken sieht man kaum. Mangelware sind auch Coronatests und -Impfungen.

Personalmangel 

Zu Beginn der Pandemie, vor einem Jahr, hat man in den Ländern des Westbalkan zunächst auf härteste Maßnahmen gesetzt. Ausgangsverbote, die sich über den Abend und mancherorts über das gesamte Wochenende streckten. Doch nach wenigen Wochen wurde klar, dass diese Härte unmöglich durchgehalten werden kann: „Die Regierungen der Region können sich das einfach nicht leisten“, sagt Alida Vračić, Politologin am IWM in Wien. Man musste die wirtschaftliche und gesundheitlichen Ressourcen gegenüberstellen. „Das Gesundheitssystem Bosniens ist schlecht ausgestattet, vor allem, was das Personal betrifft“, sagt Džihić. In den vergangenen Jahren konnte man einer Auswanderungsbewegung - vor allem von Ärzten und Pflegekräften - regelrecht zusehen.

Auf der anderen Seite die budgetäre Situation: „Der bosnische Staat kann nicht – wie etwa Österreich – alles zusperren und ständig Geld hineinpumpen“, sagt Džihić. Man könne sich nicht weiter verschulden, Reserven gibt es kaum.

Das Aprés-Ski-Problem

Im November, dem Monat, in dem Čerkez den Corona-Peak ansiedelt, soll das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps gestanden sein. Augenzeugen aus den Krankenhäusern größter Städte Bosniens berichteten von kriegsähnlichen Zuständen. "Die älteren Kollegen behaupten, derzeit würden mehr Menschen eingeliefert werden als damals im Krieg", verriet Adna O., eine junge Ärztin aus der zentralbosnischen Stadt Zenica, im Oktober dem KURIER. In Banja Luka, dem Zentrum der Republika Srpska (Anm.: Eine von zwei Entitäten in Bosnien-Herzegowina), hatte man vor allem wegen des Personalmangels Angst. "Es sind so viele Krankenhausangestellte entweder mit Corona infiziert oder auf dem Sprung in die begehrten westeuropäischen Länder, wo das bessere Leben wartet, dass man sich kaum vorstellen kann, wer hier in einem halben Jahr die Kranken versorgen soll", erklärte Krankenhausschwester Sanja Z. 

Bis zuletzt beschränkte sich der Staat darauf, Appelle an die Bevölkerung zu richten – aus Mangel an Alternativen. Mit geringem Erfolg. Čerkez, der als Sprecher des Gesundheitsministers der Bevölkerung regelmäßig Corona-Updates liefert, gibt zu: „Wir bekommen langsam ein Aprés-Ski-Problem“. Die Touristen aus den Nachbarländern würden das Virus einschleppen. Schon am Freitag zitierten die Landesmedien Čerkez: „Nur wenige Tage trennen uns vom Lockdown.“ Nun etwa doch?

Es sei ein „Sinnbild des Zustandes von Staatlichkeit“ in Bosnien-Herzegowina, dass es offenbar keine Strategie gibt, sagt Politologe Džihić. Die Steuerungsfähigkeit des kompliziert strukturierten Staates ist massiv eingeschränkt. In einer Krise wie bei Corona, wird das schmerzlich deutlich, so Džihić und Vračić unisono.

Die Kommunikation ist extrem schlecht, sagt Vračić. Sie nennt ein Beispiel: Der bosnische Botschafter in Russland stellte einen Deal über den Kauf von Sputnik V Impfstoff für einen - vergleichsweise - guten Preis von knapp 10 Dollar pro Dose auf und sendete das Angebot an die Regierung. Eine Antwort erhielt er nicht. Der Deal verfiel.

Dritte Welle

Bosnien-Herzegovina verzeichnet rund 900 Neuinfektionen täglich. Da aber extrem wenig getestet wird (oft nicht einmal Patienten mit Symptomen),  geht man von einer wesentlich höheren Zahl aus.

Hohe Sterblichkeit

5.200 Corona-Tote scheinen in der Statistik auf. Die Sterblichkeit liegt bei rund 3,8 Prozent (Ö: 1,9 %). Das liegt einerseits an der Dunkelziffer, andererseits am schlecht ausgestatteten Gesundheitssystem.

Kaum Impfungen

32.000 Impfdosen wurden bisher geliefert. Von Russland (22.000) und Serbien (10.000). Geimpft wurden erst ein paar Tausend Menschen

Trotz und Resilienz

Doch wenn die Lage so bedrohlich ist und der Staat so gehemmt, warum merkt man es der Bevölkerung nicht an?

„Die Wahrnehmung dessen, was eine Bedrohung ist, ist hier geprägt durch den Krieg, aber auch die Mentalität“, versucht Džihić eine Analyse. „Es ist eine Mischung zwischen Trotz, Durchhaltevermögen und Lust am Leben, die man auch schon im Krieg gesehen hat.“ Auch wenn es viele gibt, die die Lage selbstverständlich ernst nehmen, herrscht im Schnitt die Einstellung: „Im Vergleich ist Corona harmlos.“

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Immerhin soll jetzt die erste Lieferung an Impfungen über den COVAX-Fonds kommen. Sie waren verzögert worden, weil Bosnien offenbar nicht die Infrastruktur für die notwendige Kühlung des Impfstoffes bieten konnte.

Inzwischen hatte der serbische Präsident Aleksandar Vučić die Chance, sich in der Region als „Retter“ aufzuspielen. Auch nach Bosnien lieferte er diese Woche – höchstpersönlich – ein paar Tausend Ampullen. Für Bisera Turković ein Hohn: „Die Impfungen, die uns Vučić mitgebracht hat, werden in armen Ländern verabreicht“, kritisierte die Außenministerin. Es folgte ein Shitstorm in sozialen Medien - für Turković. Sie leide an Realitätsverlust, so der Tenor. Gehöre Bosnien doch auch offiziell zu den Ärmsten in Europa.

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