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Außenminister Wang Yi: Chinas „Wolfskrieger“ ist grau geworden

Österreichs Außenministerin wird heute vom wohl mächtigsten Außenminister seit Jahrzehnten empfangen. Wer ist der Mann, der seit 13 Jahren Chinas Ton nach außen vorgibt?
Johannes Arends aus Peking
China's Foreign Minister Wang Yi arrives for a meeting with Canada's Prime Minister Mark Carney in Ottawa

Er gilt als „Gentleman“, als „Sir“, doch als eine Journalistin ihn während eines Staatsbesuchs in Kanada zu Menschenrechten befragen will, zeigt Chinas Außenminister Wang Yi Zähne. „Ihre Frage trieft vor Vorurteilen und Arroganz“, knurrt er. „Kennen Sie China überhaupt? Waren Sie jemals dort? Wissen Sie, dass unser Staat 600 Millionen Menschen aus der Armut befreit hat?“ Der Vorfall trug sich bereits 2016 zu, doch er zeigt, warum Wang als Architekt der sogenannten „Wolfskrieger-Diplomatie“ gilt: jener scharfen Rhetorik, mit der chinesische Diplomaten das neue Selbstbewusstsein der Volksrepublik nach außen tragen.

Heute, zehn Jahre später, gibt Wang noch immer Chinas außenpolitischen Ton vor. Doch er ist sanfter geworden. Wenn der 72-Jährige am Donnerstag Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger empfängt, ist er nicht nur Außenminister, sondern zugleich außenpolitischer Chefstratege der kommunistischen Partei. Eine Doppelrolle, die ihn zum mächtigsten Mann an der Spitze der chinesischen Diplomatie seit Zhou Enlai macht, Maos einstigem Wegbegleiter.

Chinas Chefstratege

Einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Aufstiegs hat Wang seiner Ehe zu verdanken. Sein Schwiegervater Qian Jiadong war einer von Zhou Enlais engsten Vertrauten gewesen, er verschaffte dem Schwiegersohn seinen ersten Job im Außenministerium. Unqualifiziert war der junge Wang dennoch nicht: Er hatte Japanisch studiert und machte sich in der Asienabteilung schnell einen Namen, war an der Botschaft in Tokio und Leiter des Büros für Taiwan-Angelegenheiten. Beim zwölften Nationalen Volkskongress im Jahr 2013 ist Wang Yi dann am Ziel und wird unter dem neuen Staats- und Parteichef Xi Jinping Außenminister.

Schon bei seiner ersten Pressekonferenz im neuen Amt gibt er den neuen Ton vor: China müsse die Welt „auf dem Weg zu einer gerechteren, multipolaren Ordnung anführen“. Seither inszeniert Wang die Volksrepublik regelmäßig als Stimme des „Globalen Südens“. Er kritisiert etwa schon früh Israel für sein militärisches Vorgehen im Nachbarstaat Libanon, wohlwissend, dass diese Haltung in afrikanischen Staaten und im Nahen Osten populär ist.

Zur eigentlichen Machtprobe für den „Wolfskrieger“ wird aber erst der Fall seines Nachfolgers. Nach zehn Jahren im Amt übergibt Wang an den jüngeren Qin Gang – bis dahin chinesischer Botschafter in Washington mit nachgesagtem Näheverhältnis zu Parteichef Xi Jinping. Doch nach nur einem halben Jahr verschwindet Qin Gang im Sommer 2023 spurlos aus der Öffentlichkeit. Bis heute hat Peking nicht erklärt, warum. Die Spekulationen reichen von Korruption bis hin zu einem unehelichen Kind mit einer bekannten TV-Moderatorin.

Wang, der das Ministerium längst verlassen hat und zum Direktor der außenpolitischen Kommission der kommunistischen Partei aufgestiegen war – dem eigentlich mächtigeren außenpolitischen Apparat in China –, wird inmitten des Skandals kurzerhand zurückgeholt. Mit 69 Jahren – einem Alter, in dem Parteikader früher strikt in den Ruhestand geschickt wurden – tritt er damit als erster chinesischer Außenminister eine zweite Amtszeit an.

Neue Rolle: Friedensstifter

Davon abgesehen hat sich sein Auftreten aber verändert, der „Wolfskrieger“ ist zahmer geworden. Immer öfter versucht er, China als Friedensstifter in der Welt zu positionieren. Zuletzt im Iran-Krieg, wo es laut pakistanischen Angaben Wang höchstselbst war, der im April in Teheran anrief und die Führung dazu drängte, den US-Vorschlag zur ersten Waffenruhe zuzustimmen.

Wang Yi neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der zuletzt im 19. Mai in China war.

Wang Yi neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der zuletzt im 19. Mai in China war.

In Asien versucht er mitunter leidenschaftlich, die westlich orientierten Nachbarn Japan und Südkorea von den USA loszulösen. „Egal, wie blond wir unsere Haare färben oder wie spitz wir unsere Nasen formen, wir werden niemals Europäer oder Amerikaner sein“, sagte er 2023 bei einem Forum im chinesischen Qingdao. Im Westen würden die Menschen dagegen „den Unterschied zwischen Chinesen, Japanern und Koreanern gar nicht kennen“.

Der Wandel ist strategisch: Während die USA unter Donald Trump mit Zöllen und Drohungen reihenweise Verbündete vor den Kopf stoßen, gibt China den verlässlichen, geduldigen Partner. Wang ist das Gesicht dieses Kurswechsels. Es ist kein Zufall, dass alleine in diesem Jahr schon 21 Regierungschefs in Peking zu Gast waren. Für die meisten dieser Besuche hat Wang zuvor persönlich eine Einladung ausgesprochen.

Knackpunkt Ukraine-Krieg

So auch in Österreich. Im September kam Wang für ein mehrstündiges Gespräch mit Außenministerin Meinl-Reisinger nach Wien. Dabei sprach er eine Einladung für einen Staatsbesuch nach China aus, der sie in dieser Woche nachkommt. Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar setzten sich die beiden erneut zusammen. Im Wiener Außenministerium wird Wang als „ruhiger“ und „gewissenhafter“ Gesprächspartner beschrieben, der sich viel Zeit nehme. Auch am Donnerstag sind für das Gespräch im Pekinger Staatsgästehaus Diaoyutai ganze drei Stunden anberaumt.

Ganz altersmilde ist Wang dennoch nicht geworden. So soll er der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas bei einem Treffen in Brüssel im Vorjahr unverblümt erklärt haben, dass China kein Interesse an einer Niederlage Russlands im Ukraine-Krieg habe. Meinl-Reisinger will das Thema am Donnerstag erneut anschneiden und Chinas Chefdiplomaten dazu bewegen, Druck auf Moskau auszuüben, um den Krieg zu beenden.

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