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Selbst China glaubt nicht mehr an Russlands Sieg: Wie Xi sich leise von Putin emanzipiert

Russland verliert nicht nur an der Front, nun scheint selbst Xi Jinping Zweifel am Sieg zu haben. Für den Kreml ein Albtraum.
Xi und Putin  in Pekings Machtzentrum Zhongnanhai – auch Trump war kürzlich dort.

Pekings Führung liebt es, der Nabel der Welt zu sein. Vergangene Woche führte Xi Jinping Donald Trump durch einen geheimen Garten in Zhongnanhai, Pekings politischem Machtzentrum. Seit Dienstag empfängt Chinas Staatschef nun Wladimir Putin, mit ihm will er am Mittwoch Tee trinken – harmonischer geht es kaum.

Weniger Freude erzeugte in Peking die Schlagzeile, die kurz vor Putins Landung in der Financial Times erschien. Xi hätte Trump bei ihrem Treffen anvertraut, dass Putin seinen „Krieg gegen die Ukraine noch bereuen wird“, hatte das Londoner Blatt unter Verweis auf gut informierte Quellen berichtet. Zwar dementierte das Außenministerium in Peking umgehend, dass Xi das je gesagt habe („das ist völlig aus der Luft gegriffen“). Beim angeschlagenen Kremlchef dürfte das dennoch ankommen wie ein Dolchstoß: China ist diplomatisch und wirtschaftlich der weltweit wichtigste Verbündete Russlands – verliert Moskau die Unterstützung Pekings auf der Weltbühne, wäre das ein strategischer Albtraum für Putin.

Rückschläge an der Front

Dass Russland massiv von China abhängt, ist seit Kriegsbeginn kein Geheimnis – hätte Peking nicht die Öl- und Gas-Ausfälle Richtung Europa kompensiert, wäre Russlands Wirtschaft rasch in die Knie gegangen. Bisher hatte das Reich der Mitte aber kein gesteigertes Interesse daran, dass der Krieg bald endet. Russlands zunehmende Schwäche nutzte dem Riesenreich, das dadurch Energie zu Dumpingpreisen bekam. Zudem profitierte Chinas auf dem Schlachtfeld unerfahrene Armee von den Erfahrungen russischer Soldaten – einige sollen sogar in chinesischen Kasernen ausgebildet worden sein, wurde nun publik.

Nun scheint sich Pekings Haltung leise zu wandeln. Das mag damit zu tun haben, dass Putin tatsächlich schwächer wird – er hat nicht nur mit einer Wirtschaftsflaute und massiver Unzufriedenheit im eigenen Land zu kämpfen, sondern auch mit Rückschlägen an der Front.

Neben den Drohnen Kiews, die nun auch Moskauer Häuser in Brand stecken, setzen Moskau vor allem die menschlichen Verluste zu. Dort sterben täglich mehr Soldaten, als die Streitkräfte neu verpflichten können. Zudem hat Russland das erste Mal seit drei Jahren substanzielle Geländeverluste zu verzeichnen – die Ukraine hat zuletzt das erste Mal seit der erfolgreichen Gegenoffensive 2023 wieder erheblich Land zurückgewonnen.

Pekings eigene Waffen

Für viele Beobachter ist das ein möglicher Wendepunkt im Krieg – und eröffnet die Möglichkeit für Gespräche. Dass Putin bei der Siegesparade am 9. Mai, die er dank der Drohnen Kiews ja massiv abspecken hatte lassen, zumindest Gesprächsbereitschaft signalisierte und auch Wolodimir Selenskij erstmals mit Namen ansprach, ist für Experten ein weiteres Indiz seiner Schwäche – bisher nannte er den ukrainischen Präsidenten stets den „illegitimen Führer eines Nazi-Regimes“.

Aus Chinas Sicht kommt noch hinzu, dass man sich aus der eigenen Abhängigkeit von Russland mittlerweile hat befreien können. Einst war das Reich der Mitte der weltweit größte Abnehmer russischer Waffen und auf die technische Unterstützung Moskaus angewiesen. Mittlerweile produziert Peking den Großteil seines Militärgeräts selbst – zum Teil basierend auf russischen Konstruktionen. Damit hat Putin einen bedeutenden Trumpf weniger in der Hand.

Signalisiert Xi seinem Gegenüber auch direkt, dass er nicht mehr an ihn glaubt, würde das ein Ende des Kriegs tatsächlich wahrscheinlicher machen. Xi könnte davon doppelt profitieren: Er könnte sich als Vermittler inszenieren und seine Wirtschaft wäre endlich von der Last der US-Sekundärsanktionen befreit.

Nur ob ein solches Gespräch nach außen dringen würde, ist fraglich. Möglicherweise bleibt es bei einem Gipfel der schönen Bilder: Bei früheren Treffen tranken Xi und Putin Wodka, sahen sich Eishockey an oder backten Pfannkuchen.

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