Putin schwächelt, doch Europa schaut nur zu
Die Russen sind meisterhaft darin, die Realität zu beschönigen – perfektioniert haben sie das schon in der UdSSR. Putin zeigt sich gerade nicht so oft wie sonst? Kein Grund zur Sorge: Der starke Mann im Kreml sammle nur seine Kräfte für die nächste Attacke gegen den Westen, heißt es aus dem Kreml. Die Ukraine setzt Moskau mit Hunderten Drohnen in Brand? Das ist sogar Grund zum Jubeln – schließlich wurden zwei Drittel abgefangen.
Tatsächlich läuft in Putins Russland derzeit einiges schief. Ähnlich wie in den 1980er Jahren versucht der Kreml, seine Bürger vor der Wahrheit abzuschirmen. Doch trotz massiver Zensur, Internet-Abschaltungen und Social-Media-Verboten gelingt das kaum: Die Wirtschaft stottert schmerzhaft, die Menschen fühlen sich dank
Kiews Drohnen erstmals richtig bedroht, und Putins Beliebtheitswerte sinken – so schlecht waren sie seit der Mobilmachung 2022 nicht mehr. Dass er selbst bei der großen Siegesparade am 9. Mai statt Panzern ausgesprochen schlechte KI-Videos präsentierte, wirkte darum wie ein Eingeständnis der Schwäche. „Ungestört“ von ukrainischen Angriffen wolle man sein, hieß es – ein bemerkenswerter Euphemismus für die eigene Angst.
Selbst China glaubt nicht mehr an einen Sieg
Diese Schwäche hat nun auch China bemerkt, Putins größte Stütze. Xi Jinping hat sogar seinem Lieblingsfeind Donald Trump zugeflüstert, dass Putin seinen Krieg gegen die Ukraine wohl noch bereuen werde – schließlich ist ein geschwächtes Russland auch für China ein Risiko.
Die einzigen, die dem Bröckeln von Putins Imperium seltsam regungslos zusehen, sind die Europäer. Dabei hätten sie jeden Grund zu agieren: Die Ukraine hat auf dem Schlachtfeld ein Momentum wie seit Ewigkeiten nicht, weil sie die riesige Lücke, die der Westen mit seiner Zögerlichkeit hinterlassen hat, zu ihrer stärksten Waffe machte: Nicht teure, hochtechnische Langstreckenwaffen aus westlicher Fertigung, sondern von verunglimpften „Hausfrauen“ und „Tech-Nerds“ erdachte, billige Drohnen schaffen es mittlerweile, das Bollwerk Moskau in Brand zu setzen.
Europas Passivität rührt noch immer von der Angst her, Putins viel beschworene rote Linien zu überschreiten. Dabei ist Nichtstun viel gefährlicher als Einmischung: Nicht wenige Beobachter fürchten, Putin könnte aus seiner Schwäche einen Angriff der NATO erfinden, um einen Gegenschlag zu rechtfertigen – seine Geheimdienste behaupten seit Kurzem, Kiew würde seine Drohnen aus dem Baltikum starten.
Was Donald Trump bei einer solchen Eskalation tun würde, weiß niemand. Darum muss Europa in die Gänge kommen: Putins Russland lebt längst von der Inszenierung seiner Stärke. Europa macht den Fehler, diese Inszenierung noch immer für Realität zu halten.
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