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Game of Drones: Wie die Ukraine vom Bittsteller zum Rüstungsriesen wurde

Nicht der Westen liefert der Ukraine Waffen, sondern umgekehrt – das Pentagon will Drohnen von Kiew, auch Deutschland überlegt Langstreckenwaffen zu kaufen. Das stärkt Kiews Position an vielen Fronten.
Grafik Drohnen

Als Armin Papperger vor einiger Zeit meinte, in der Ukraine sehe er keinerlei sinnvolle Innovation, erntete er viel Gelächter. „Lego-Spielzeug“ würden die „ukrainischen Hausfrauen in ihren Küchen“ herstellen, sagte der stets wortgewaltige Chef des deutschen Rüstungsriesen Rheinmetall über die Drohnenproduktion des Landes. Mit 10 Milliarden Dollar Jahresumsatz im Rücken lässt sich so etwas leicht behaupten.

Mittlerweile kann man sagen: Der Satz ist schlecht gealtert. Am Dienstag wurde publik, dass das US-Pentagon dabei ist, ukrainische Drohnen zu Testzwecken zu bestellen. Und in Berlin debattiert man darüber, ob man die Tomahawks, die US-Präsident Donald Trump aus Zorn über den renitenten Friedrich Merz nun doch nicht in Deutschland stationieren will, durch Systeme aus der Ukraine ersetzen könnte.

Die Welt der Rüstung hat sich damit einigermaßen verkehrt. Die Ukraine, die seit 2022 vom westlichen Waffenkonzernen abhängig war wie kaum ein anderes Land der Welt, hat sich selbst zum Schwergewicht der Rüstungsindustrie gemausert. Bevor Wladimir Putin das Land zu seinem Schlachtfeld machte, wurden gerade mal 3000 Drohnen pro Jahr gefertigt. Mittlerweile sind es 4,5 Millionen, Kapazitäten gäbe es sogar für zehn Millionen.

Findige Soldaten

Möglich machten das genau jene „Hausfrauen“, über die Papperger spottete – sprich Unterstützer aus der Bevölkerung und experimentierfreudige Soldaten. Während Russland die Ukraine bald nach Kriegsbeginn mit iranischen Shahed-Drohnen überzog, wartete man in Kiew monatelang auf westliche Hilfe. Effektive Luftabwehr traf erst ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn ein, Panzer folgten überhaupt erst im ersten Kriegswinter.

An der Front behalfen sich Soldaten darum mit Do-it-yourself-Waffen. Sie kauften Drohnen, oft finanziert durch Crowdfunding-Kampagnen im Netz, montierten Granaten darauf und attackierten den Gegner. Die Streitkräfte machten daraus ein Erfolgsmodell, gründeten 2023 die weltweit ersten Drohnenkompanien; parallel förderte der Staat Firmen, die Drohnen herstellten – in Garagen, Werkstätten, Küchen.

Dank des Geldflusses aus Kiew – 2025 gingen mit 23 Milliarden Dollar fast ein Fünftel des Staatsbudgets in den Drohnenbereich – floriert der Sektor. Seit 2023 schreibt die Branche schwarze Zahlen, mittlerweile gibt es mehr als 500 Drohnenhersteller und ebenso viele Defense-Tech-Start-ups im Land – die Szene ähnelt damit eher einem militärischen Silicon Valley als klassischer Rüstungsindustrie. An der Front macht sich das bezahlt: 85 Prozent der Treffer werden mittlerweile per Drohne erzielt, zu einem Bruchteil der Kosten traditioneller Waffen.

Ukrainian troops test drones with fiber-optic controls

Unabhängiger vom Westen

Das macht Kiew nicht nur unabhängiger von politischen Stimmungsschwankungen im Westen, die ukrainische Produktion wird so auch fürs Ausland interessant. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar etwa haben nach den Angriffen Irans ihre teuren, West-Waffen teils durch ukrainisches Gerät ersetzt. Kanada, Dänemark, Deutschland, Litauen, Norwegen und Großbritannien planen Drohenbau-Joint-Ventures mit Kiew.

Dass nun auch die USA Interesse an ukrainischen Entwicklungen zeigt, ist für das kriegsgebeutelte Land aber das größte Geschenk. „Wir wissen mehr über Drohnen als jeder andere. Wir haben sogar die besten Drohnen der Welt“, sagte US-Präsident ta_chunk_0 noch zur Beginn des Irankriegs, als sein ukrainischer Amtskollege ihm Hilfe anbot. Ganz stimmt das nicht mehr. Zwar war die US-Rüstungsindustrie jahrelang führend im Drohnenbau, die Reaper – mit ihr wurden in Afghanistan und im Irak gezielte Tötungen vorgenommen – war lange Symbol amerikanischer Fernkriegsführung. Doch der Ukrainekrieg hat die Lage verändert. Statt weniger hochkomplexer Systeme zählen plötzlich Masse, Geschwindigkeit und niedrige Produktionskosten. Gegenüber ukrainischen Wegwerfwaffen wirkt eine Reaper heute beinahe absurd teuer: Eine Maschine aus den letzten Produktionsreihen kostete rund 16 Millionen Dollar, 2025 wurde die Fertigung eingestellt.

Hinzu kommt ein weiterer strategischer Vorteil der Ukraine: Über das eigens entwickelte Gefechtsführungssystem DELTA analysiert das Land mit Hilfe von KI alle Bewegungen vom Schlachtfeld beinahe in Echtzeit – ein entscheidender Schritt in Richtung automatisierter Kriegsführung. Für Rüstungsfirmen sind diese Daten eine Goldgrube. Bisher verfügten vor allem die USA über vergleichbare Daten; ihre Konzerne konnten ihre Systeme so schneller trainieren und weiterentwickeln.

Europa hatte diesen Vorteil nie – bis jetzt.

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