Putins Zeit läuft ab: Warum er den Krieg schon verloren hat
Moskau vor der Militärparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai: Putins Zustimmungswerte sinken.
In den letzten Monaten – selbst nachdem die USA ihre Unterstützung für die Ukraine weitgehend zurückgezogen haben und Russland erhebliche Vorteile aus dem Anstieg der Ölpreise zieht – hat Kiew seine Angriffe intensiviert, just in dem Moment, als der Kreml eine kurze Waffenruhe anstrebte, um seine geliebte Militärparade am 9. Mai auf dem Roten Platz zu organisieren. Nachrichten aus Russland deuten darauf hin, dass die ukrainischen Angriffe zunehmende Unordnung verursachen, da sie erfolgreich Öllager, Militäreinrichtungen und Infrastruktur bis zu 1.500 Kilometer von der Frontlinie entfernt treffen – und selbst Loyalisten beginnen, die Effektivität von Putins Militärstrategie zu hinterfragen.
Russlands Wirtschaft hat sich vier Jahre lang als relativ widerstandsfähig gegenüber äußeren Herausforderungen erwiesen und könnte sich sogar heuer noch von einer kurzen Rezession, die durch Putins wirtschaftliche Strategien verursacht wurde, erholen – doch die Stimmung in der russischen Gesellschaft scheint irreparabel gebrochen. Viele Analysten räumen ein, dass die Menschen Putin nicht mehr zuhören; dass er selbst zunehmend wirkungslos wird, da er Dutzende Male Befehle erteilt, ohne dass etwas geschieht; dass die Zahl der für die Armee angeworbenen Söldner sinkt; und dass es an der Front seit fast einem Jahr keine nennenswerten Fortschritte gibt. Offen gesagt glaubt niemand mehr an Russlands „Sieg“, da sich immer mehr Menschen fragen, warum Putin so zögerlich auf US-Friedensinitiativen reagiert, die den langwierigen Konflikt beenden könnten.
Blitzkrieg als Chimäre
Wenn man Russlands Krieg in der Ukraine betrachtet und ihn mit vielen Konflikten vergleicht, von den beiden Weltkriegen bis hin zum derzeitigen US-Krieg mit dem Iran, fällt auf, dass sie eines gemeinsam haben: Jedes Mal glaubten jene, die den Krieg begonnen hatten, an eine Art Blitzkrieg (auch Putins innerer Kreis war fast sicher, dass Kiew in drei Tagen fallen würde). Doch wenn das strategische Ziel nicht erreicht wird, verwandelt sich der Konflikt in einen Abnutzungskrieg – und einen solchen hat nie die Seite gewonnen, die anfangs so vielversprechend aussah. Der Kreml wirkt heute – nachdem seine Truppen 2022 an den Außenbezirken Kiews gesichtet wurden – wie das Dritte Reich, das 1941 ähnlich nah an Moskau herankam, nur um wenige Jahre später kläglich zu scheitern. Putin träumt heute vielleicht von einem „totalen Krieg“, so wie es Goebbels 1943 tat, doch die Ergebnisse könnten ähnlich ausfallen. Ohne entscheidenden Sieg zu Beginn führt ein Konflikt entweder zur Niederlage oder zu einem Kompromiss – aber zu nichts anderem.
Ich würde sagen, es gibt dabei drei mögliche Enden: Das erste wäre eine vollständige Niederlage und/oder der Zusammenbruch der Aggressormacht – das beste Beispiel dafür ist Deutschlands Schicksal im Zweiten Weltkrieg. Ein solches Szenario ist im Falle Russlands unwahrscheinlich, da niemand von einem vollständigen militärischen Sieg über Russland träumt.
Die zweite Möglichkeit besteht im politischen Zusammenbruch bzw. der Zerstörung einer Krieg führenden Macht: Dafür gibt es zahlreiche Beispiele im Ersten Weltkrieg, als viele der Hauptmächte – vom Deutschen Kaiserreich und Russland bis hin zu Österreich-Ungarn und der Türkei – intern zusammenbrachen, entweder vor oder gleichzeitig mit einer militärischen Niederlage.
Die dritte Variante wäre ein harter Kompromiss, bei dem die Grenzen entweder unverändert bleiben oder leicht angepasst werden (wie es in Korea in den 50er-Jahren oder nach dem Iran-Irak-Krieg der 80er-Jahre der Fall war). Doch sobald ein Krieg wirtschaftlich untragbar und gesellschaftlich unpopulär wird, kann er – sobald er in eine langfristige Pattsituation übergegangen ist – nicht mehr gewonnen werden.
Der Verlierer ist leicht zu erkennen
Angesichts der Länge des Russland-Ukraine-Krieges – vergleichbar mit der des Ersten oder Zweiten Weltkriegs – sollte man nicht davon sprechen, die Ukraine „habe keine Karten“ oder sei „militärisch besiegt“. Der Verlierer ist leicht zu erkennen, und es ist Putins Russland. Die kommenden Entwicklungen könnten überraschen, doch viele Anzeichen deuten auf Moskaus unausweichliches Scheitern hin. Selbst wenn die russische Wirtschaft noch stark genug ist, um die Kriegsanstrengungen zu finanzieren, sind weder das russische Volk noch die politischen Eliten bereit, sich für den alternden „Führer“ des Landes und seine wahnwitzigen Ambitionen zu opfern. Putins Zeit läuft ab – je eher er einem vernünftigen Frieden zustimmt, desto besser. Vor allem für ihn selbst, aber auch für alle anderen Beteiligten.
Zum Autor:
Wladislaw Inosemzew ist ein russischer Ökonom und Soziologe; aktuell Analyst bei Chatham House, London; Mitgründer des Center for Analysis & Strategies in Europe, Zypern.
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