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Interview
11/15/2019

CEU-Rektor Ignatieff: „Wien ist kein Airbnb für uns“

Soros-Uni in Wien. Nach der Teilübersiedelung ist die CEU in Wien eröffnet worden. Rektor Michael Ignatieff im Interview

von Karoline Krause-Sandner

Ein politischer Streit mit der ungarischen Regierung hatte eine Teilübersiedelung der Privatuni notwendig gemacht. Wien freut sich über den wissenschaftlichen Zuwachs, was Bürgermeister Michael Ludwig mehrmals klarmachte. „Wir werden unser Zuhause in Budapest behalten, aber Wien ist unsere Zukunft“, sagt Rektor Michael Ignatieff. Der Standort in Budapest soll etwa durch Archiv und Bibliothek erhalten bleiben. „Aber das hängt von der Politik ab“, sagt der Kanadier in seinem Büro in Wien. Der KURIER traf ihn zum Gespräch:

Es klingt immer ein wenig nach einer Trotzreaktion, dass die CEU in Budapest bleiben will. Ist das eine „Jetzt erst recht“-Situation?

Wir wurden zu einem Symbol der akademischen Freiheit in Ungarn und Europa. Wir werden die Flagge nicht einholen. Aber ich will betonen: Wir sind eine Universität – keine politische Einrichtung. Ich bin nicht da, um politische Gesten zu machen. Wir wollen in Budapest präsent bleiben, weil das für 25 Jahre unser Zuhause war. Aber es muss rechtmäßig und rechtens sein. Wir werden sehen, was sich ausgeht.

Das Thema ist nicht nur juristisch, sondern tief politisch...

Sehr politisch. Das Regime hat ein Gesetz kreiert, um uns aus Budapest zu vertreiben. Wir haben dann versucht, dem Gesetz gerecht zu werden, aber sie sagten, sie würden die Übereinkunft nicht unterzeichnen, die unser Bleiben erlaubt hätte. Es hat nichts mit dem Gesetz zu tun. Ganz ehrlich, es ist ein geradeheraus politisches Manöver.

Wir hätten bleiben können, aber zu den Konditionen der Regierung. Nicht als US-Institution. Das ist eine Attacke auf unsere institutionelle Autonomie und unsere akademische Freiheit und daher nicht akzeptabel. Aber es wäre für jede Institution inakzeptabel – wir sind kein Spezialfall. Das wäre dasselbe für die Uni Wien oder die WU. Das ist ein Skandal und hätte nicht passieren dürfen, aber ich werde hier nicht in Wien sitzen und Viktor Orbán kritisieren. Ich habe interessantere Dinge zu tun.

Für Orban dürfte es nicht nur eine politische, sondern auch eine persönliche Angelegenheit sein, die er mit dem Gründer dieser Universität, George Soros, hat.

Überlegt lange. Ja. Klar. Es ist persönlich. Aber auch institutionell und politisch. Es ist ja nicht nur, dass die CEU von George Soros gegründet wurde. Sondern, dass CEU eine freie und unabhängige Institution ist – in einem Land, in dem Orban jede Institution kontrollieren will. Es ist nicht nur eine Fehde zwischen zwei Männern, sondern auch eine politische Strategie. Deshalb ist es ernst! Das ist ein Modell, das sehr gefährlich für die Demokratie ist. Gleich nebenan! Zwei Stunden entfernt!

Ist diese Nähe auch ein bisschen eine Genugtuung für die CEU? Sie ist vertrieben, aber nicht sehr weit weg?

Sicher! Aber das ist hier kein Airbnb für uns! Wir kommen hier nicht kurz her und gehen dann wieder. Wir sind hocherefreut, hier zu sein.

Sie sind herzlich empfangen worden.

Das möchte ich auch betonen. Es ist sehr unüblich für eine neue Universität, ein offizielle Willkommensfeier zu bekommen, dass der Bürgermeister zu den Feierlichkeiten kommt. Das ist eine wundervolle Geste der Unterstützung. Ein willkommener Wechsel für uns!

Positionieren sich Wien und Österreich damit als Konterpart zu Ungarn?

Österreich macht hier keine negative Geste, sondern eine positive. Es sagt: Wir wollen, dass Wien eine internationale Universitätsstadt ist. Der Bürgermeister versteht, dass Unis Einfluss auf die Wirtschaft haben.

Sie erwähnten die akademischen Freiheiten. Welchen Ausblick haben Sie für Ungarn?

Ein Grund für uns, in Budapest zu bleiben war, unseren ungarischen Kollegen unsere Soldiarität zu zeigen. Zu zeigen: Wir sind immer noch hier! Die Akademie der Wissenschaften, die wichtigste ungarische wissenschaftliche Institution, wurde gerade vom Regime beschnitten. Wir wollen mit denen stehen, die noch da sind. Und auf bessere Tage hoffen.

Ich kann nichts gegen die Situation tun, außer Solidarität aussprechen. Wir sind keine politische Institution. Es ist eine Entscheidung der ungarischen Bürger, wie ihre Zukunft aussehen soll.

Bei den Wahlen in Budapest haben sie ja ein Zeichen gesetzt, als sie den Oppositionskandidaten Gergely Karácsony gewählt haben...

Nicht nur. Eines der ersten Dinge, die der neue Bürgermeister gesagt hat, war, dass er CEU in Budapest halten will. Aber er kann unsere Probleme nicht lösen, nur der Premierminister.

Was passiert mit dem Gebäude in der Quellenstraße, wenn Sie auf das Otto-Wagner-Areal siedeln?

Das ist ja noch gar nicht geklärt. Die Stadt weiß das. Aber auch, wenn viele sich fragen, was wir hier machen – ich muss sagen: Wir mögen es hier in Favoriten! Es ist eine gute Nachbarschaft. Gut für uns.

Können Sie garantieren, dass ein CEU-Diplom denselben Stellenwert hat wie andere – trotz des politischen Streits?

Absolut. Während dieser politischen Krise hat sich die Zahl der Bewerbungen sogar erhöht. Ich habe gerade zwei wunderbare Spezialisten für Geistiges Eigentum angestellt. Gute Lehrende heuern nicht auf einem sinkenden Schiff an. Gute Studenten auch nicht.

Hat CEU durch den Streit mit Orban vielleicht sogar an Reputation gewonnen?

So weit würde ich nicht gehen, aber wir haben nicht einen Zentimeter an akademischer Qualität verloren.

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