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Chronik Wien
11/15/2019

So schaut die Uni von George Soros in Wien aus

Die Central European University - kurz CEU - wird heute, Freitag, offiziell eröffnet. Der KURIER sah sich auf dem Campus um.

von Julia Schrenk

Mit einem Uni-Campus, wie man ihn kennt (oder ihn sich vorstellt), hat jener in der Quellenstraße 51 in Wien-Favoriten wenig zu tun.

Wer weiter kommen will als ins Entrée, braucht eine Zutrittskarte: für die Hörsäle, die Bibliothek, die Aufenthaltsräume.

Auf den Gängen tummeln sich auch nicht hunderte junge Menschen, die mehr oder weniger zu spät zu Lehrveranstaltungen kommen. Sie sitzen einzeln auf stylischen Sofas oder in Gruppen an Tischen und arbeiten.

Ende September hat die Central European University – kurz CEU – nach und nach ihren Betrieb in Wien aufgenommen. Heute, Freitag, wird die von George Soros gegründete Privatuniversität offiziell eröffnet.

Auch Soros selbst, der in Budapest geboren wurde und die Nazi-Diktatur überlebte, wird da sein; am Montag verlieh ihm Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien.

Die Eröffnung der CEU in Wien ist der vorläufige Endpunkt einer sehr langen Vorgeschichte – und einer sehr politischen.

Wie mehrfach berichtet, verweigerte die ungarische Regierung unter Viktor Orbán der CEU eine Unterschrift für die Bewilligung des Universitätsbetriebs in Budapest. Soros und sein Konzept von einer offenen, liberalen Gesellschaft waren dem rechtskonservativen Politiker schon länger ein Dorn im Auge.

Die Verantwortlichen der CEU sahen sich gezwungen, sich im Ausland nach einem Standort für ihre Uni umzusehen. Ein Jahr lang verhandelte die CEU mit Wien, bis man sich einigte.

Der Standort Quellenstraße ist allerdings nur eine Zwischenlösung. Fixe Bleibe der CEU wird das Otto-Wagner-Spital in Steinhof sein. Die Uni wird 17 der historischen Pavillons mieten, der Campus wird sich auf 50.000 Quadratmeter ausbreiten. Im Wintersemester 2023/24 soll der Vollbetrieb starten. Die Verhandlungen sind noch immer nicht ganz abgeschlossen.

An ihrem Standort in Favoriten wirkt die Uni auch tatsächlich wie eine Übergangslösung. Die Schilder an den Türen ("Push", "Pull") müssen noch aufgeklebt werden. Auf den Gängen (mit Teppichboden) sind nur wenige Menschen zu sehen. Alles wirkt gediegen – vor allem ist es leise.

„Versuchskaninchen“

Bis die Uni „auf den Berg“ zieht, wie Student Nick Cosburn sagt, seien sie „hier unten die Versuchskaninchen“. Cosburn ist 23 Jahre alt und macht seinen Master an der CEU in Politikwissenschaft. Den Bachelor hat er in Großbritannien absolviert – seitdem hat er einen offenen Kredit in der Höhe von 40.000 Euro, erzählt er.

Der Master an der CEU kostet ebenfalls. Wie teuer die Abschlüsse sind, will eine Sprecherin der Uni nicht sagen. Sie verweist auf die finanziellen Unterstützungen, die man gewährt. Die Studenten loben die Stipendienprogramme.

Cosburn und die 26-jährige Camilla Pletuhina-Tonev haben sich für das Gespräch mit dem KURIER Zeit genommen. Die Stundenpläne sind dicht. Die akademische Viertelstunde zu spät zu kommen, wird hier eher nicht goutiert.

Aber wie politisch sind Studentinnen und Studenten, die an der CEU ihren Abschluss machen wollen, eigentlich? „Zu Hause hat man mir gesagt, dass ich Probleme bekommen werde, wenn ich hier studiere“, sagt Pletuhina-Tonev.

Die Geschichte-Studentin aus der Republik Moldau hat sich trotzdem für die CEU entschieden. „Ich teile die Werte der Universität zu 100 Prozent“, sagt sie. Die Warnungen ließen sie unbeeindruckt. Wer an der CEU studiert, identifiziert sich mit ihr – und ihrem Gründer.

 

Der Standort in der Quellenstraße ist eine Übergangslösung bis spätestens 2023. Da soll die CEU im ehemaligen Otto-Wagner-Spital in Steinhof ihren fixen Standort beziehen.

Die Bibliothek  ist funktional und schmucklos.

Lehrveranstaltungen finden auch in kleinen Gruppen statt.

Die Cafeteria im Erdgeschoß ist öffentlich zugänglich.

Der Kaffee kommt eigens aus Budapest, es gibt Bagels und Bio-Limonade von „Lemonaid“.

In Budapest sei das nicht so selbstverständlich hingenommen worden. Cosburns Vermieterin etwa sei so lange freundlich gewesen, bis er ihr erzählt habe, wo er studiert. Von Wien haben übrigens weder Cosburn noch Pletuhina-Tonev bisher viel gesehen. Gleich, als sie ankamen, habe der Uni-Stress begonnen. Zum Ausgehen war keine Zeit.