Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der Demokraten

© REUTERS/BRENDAN MCDERMID

Politik Ausland
04/19/2020

Biden erhält Schützenhilfe vom „Feind“

Prominente Republikaner treten für den Demokraten ein. Sie wollen vier weitere Amtsjahre von Präsident Trump verhindern.

von Dirk Hautkapp

„Dieses Land sehnt sich nach einem Präsidenten mit einem Rückgrat, das von Tragödien gestählt ist, der eine von Erfahrung geprägte Weltsicht besitzt und ein Herz, dessen Kompass in Richtung Anständigkeit zeigt. Es ist unsere Hoffnung, wenn der nächste Präsident im Januar den Amtseid leistet, dass Joseph Robinette Biden Jr. der Präsident eines wirklich vereinten Amerikas sein wird.“

Hätten demokratische Wahlkampfstrategen diese reichlich weihevollen Sätze über Joe Biden fabuliert, der Sarkasmus mancher US-Kommentatoren und Late-Night-Talker wäre programmiert gewesen. Geschrieben in einem für Raunen sorgenden Text in der Washington Post aber hat sie sozusagen der Feind.

Prominente Langzeit-Republikaner wie der Publizist Rick Wilson und der Mann von Donald Trumps Allzweck-Beraterin Kellyanne Conway, George T. Conway, haben sich im „Lincoln Project“ zusammengeschlossen. Sie flehen ihre Landsleute rechts der politischen Mitte an, sich am 3. November gegen alle Usancen für den 77-jährigen demokratischen Arbeitersohn aus Pennsylvania zu entscheiden.

Warum?

Keine „Speichellecker“

Weil Biden eine „angeboren Güte“ besitze. Weil er weder „internationale Beschämung“ auslöse noch „krankhaften Narzissmus“ an den Tag lege. Weil er sich mit Beratern voller „Kompetenz, Expertise und Weisheit“ umgeben werde und nicht mit einem „unendlichen Aufzug austauschbarer Speichellecker“.

Und: Weil die USA nach den „Schäden von drei Jahren Korruption und kultischer Amateurhaftigkeit“ weitere vier Jahre unter Donald Trump nicht überlebten.

Diese spektakuläre Wahlkampfhilfe markiert den Schlusspunkt einer Woche, die für Joe Biden kaum besser hätte laufen können. Der Umfragewind steht landesweit günstig für ihn, obwohl die Corona-Krise ihn daheim in seinem provisorischen Keller-Studio medial auf Heinzelmännchen-Format geschrumpft hat.

In Schlüsselstaaten wie Pennsylvania, Wisconsin und Michigan, wo Trump 2016 rund 78.000 Stimmen mehr als Hillary Clinton einsammelte und damit später im Wahlmänner-Gremium den Sack zumachte, schlägt Biden Wohlwollen entgegen. Auch in Florida, Arizona, Georgia, Nevada und North Carolina, Staaten, denen ebenfalls große Bedeutung beigemessen wird, liegt er leicht vor Trump.Nach seinen ehemaligen Rivalen Bernie Sanders und Elizabeth Warren sprach sich auch sein ehemaliger Boss Barack Obama in einem Video mit eleganter Rhetorik für eine Präsidentschaftskandidatur des Mannes aus, der vor zehn Wochen zum Auftakt des Vorwahl-Marathons so gut wie erledigt schien.

Es wäre das dritte Scheitern binnen 33 Jahren gewesen. 1988 kupferte Biden im Präsidentschaftswahlkampf eine Rede des britischen Tory-Führers Neil Kinnock ab und musste aufgeben. 2008 wurde er beim Vorwahl-Auftakt in Iowa Fünfter und überließ Shootingstar Obama das Feld, der ihn später als Vize einkaufte.

2016 ließ er sich von Obama davon abbringen, den Hut gegen Hillary Clinton in den Ring zu werfen. Obwohl er, wie im Buch „Promise me, Dad“ zu lesen ist, seinem 2015 an einem Gehirn-Tumor gestorbenen Sohn Beau am Krankenbett versprechen musste, sich für Amerika in die Pflicht nehmen zu lassen.

Kann diesmal das, was Beobachter in Washington lange als „Mission impossible“ betrachteten, gelingen? Kann Biden fünf bis zehn Millionen weiße Arbeiter und andere Wähler-Segmente zu den Demokraten zurückholen, die 2016 aus Enttäuschung zum Populisten Trump abgewandert sind?

Kann Biden, der vor fast 50 Jahren zum ersten Mal in den Senat gewählt wurde, den politischen Rufmord, die „character assassination“ überleben, die das Trump-Lager generalstabsmäßig vorbereitet?

Trumps Attacken

Den Versuch Trumps, Biden und seinen Sohn Hunter in der Ukraine-Affäre als korrupt erscheinen zu lassen, hat er überstanden.

Die nächste Attacke unter dem Schlagwort #BeijingBiden wird noch heftiger. An breiter Front wird von Trumps Strategen der Versuch unternommen, Joe Biden als China-hörig darzustellen. Als Kollaborateur der rivalisierenden Supermacht, die für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich gemacht wird.

Und ein neuer Vorwurf tauchte auf: Eine frühere Mitarbeiterin Bidens wirft ihm vor, ihr sexuelle Gewalt angetan zu haben. Wie die „New York Times“ berichtete, sagte Tara Reade, Biden habe sie 1993 im Senatsgebäude gegen eine Wand gedrückt, unter ihren Rock gefasst und sie mit einem oder zwei Fingern penetriert. Eine Sprecherin Bidens wies die Darstellung als falsch zurück: „Das ist definitiv nicht passiert.“

Ob das verfängt oder als Ablenkungsmanöver durchschaut wird, hat nicht Biden sondern Trump in der Hand. Sein Corona-Krisen-Management verliert nach anfänglichem Aufwind in den Umfragen deutlich an Rückhalt. Nur noch 43 Prozent der Amerikaner, so das Gallup-Institut, sind zufrieden. Flankierend haben die Meinungsforscher von Pew ermittelt, das 75 Prozent der Überzeugung sind, das Schlimmste stehe dem Land noch bevor.

Für Biden, dem die republikanischen Dissidenten Attribute wie „unaufgeregt, anständig, beruhigend, verantwortungsvoll und vor allem emphatisch“ bescheinigen, eröffnet das ständige Lavieren Trumps die Möglichkeit, sich als Einheitsstifter eines zerrissenen Landes zu empfehlen, der die von Trump täglich angezettelten ideologischen Grabenkämpfe beendet.

Wie formulieren es die Herren Wilson, Conway & Co.? „Joe Biden wird der überlegene Führer in der Krise unserer Generation sein.“

Und wer wird Vize des früheren Vizes?

Eines ist fix: Joe Biden will eine Frau als Stellvertreterin im Weißen HausKalkül. Alter Mann und junge Frau als Doppelspitze im Weißen Haus?

Die Republikaner wissen: Das kann schiefgehen. John McCain war bereits in seinen 70ern, als er 2008 die aus Alaska kommende Tea-Party-Krawallkomikerin Sarah Palin, damals Mitte 40, als „Veep“ (Abkürzung für Vizepräsident) aufs Kandidaten-Ticket nahm. Das Projekt fuhr gegen die Wand – worüber McCain im Nachhinein ganz froh war. Er hielt Palin für überschätzt. Der Demokrat Barack Obama siegte und nahm sich den weißen Senator Joe Biden als Vize.

2020 ist es an Biden, sich eine Kandidatin auszusuchen. Dass es eine Frau wird, hat der 77-Jährige öffentlich in Stein gemeißelt. Biden will sich als modern präsentieren und vom amtierenden Alt-Männer-Duo Trump/Pence absetzen.
 Weil Biden im Falle seiner Wahl weit über 80 wäre, wenn er die Wahlperiode 2024 beendet, wächst die Erwartung, dass „Uncle Joe“ eine Nachfolgerin aufbaut, die den demografischen Veränderungen Rechnung trägt:

Das weiße Amerika wird Minderheit, das Land wird bunter, asiatischer, hispanischer, schwärzer. Darum werden neben Elisabeth Warren (70), Amy Klobuchar (59) und Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer (48) – alle weiß – Afro-Amerikanerinnen wie Kaliforniens Senatorin Kamala Harris (55) und Stacey Abrams (46) genannt. Letztere ist  in Georgia 2018 beinahe Gouverneurin geworden und gilt als politisches Ausnahme-Talent.

Auf der Latino-Seite gelten Catherine Cortez Masto (Senatorin aus Nevada) und Michelle Lujan Grisham (Gouverneurin von New Mexico) als aussichtsreich.

Die Entscheidung, von der Biden sich den Effekt einer hoch dosierten Vitaminspritze für den Wahlkampf verspricht, soll ein Komitee von Vertrauten vorbereiten. Bidens  wichtigstes Kriterium: die Dame muss „simpatico“ mit seinen Überzeugungen sein.

Vorwahlen
Wegen der Corona-Epidemie wurden in einigen Bundesstaaten die Vorwahlen bereits abgesagt. Im April (28.) findet nur noch eine in Ohio statt. Ein bedeutender Wahltag wäre noch der 2. Juni: 10 Bundesstaaten würden wählen – falls nicht doch noch anders entschieden wird. Letzte Vorwahl: 11. Juli in Louisiana.

TV-Debatten
Das erste TV-Duell zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden wird am   29.  September stattfinden, das zweite am 15. Oktober, das dritte am 22. Oktober

Der Wahltag
Gewählt wird heuer am 3. November – traditionell immer am ersten Dienstag im November.

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