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Politik Ausland
09/03/2021

Bataclan: "Die Mörder sind immer noch hinter mir her"

130 Menschen wurden am 13. 11. 2015 im Bataclan, vor dem Stade de France und in Lokalen ermordet. Am Mittwoch startet der Prozess, der für die Überlebenden eine schwierige, aber wichtige Etappe ist.

Simone Weiler, Paris

Es ist ein Gefühl zwischen Bangen und Erwarten, hervorgerufen durch das Wissen, dass Wochen und Monate anstehen, die schmerzhaft sein werden. Und doch notwendig, um den Schmerz irgendwann zu überwinden.

So beschreibt Arthur Dénouveaux den Blick auf den Prozess um die Terrorattentate vom 13. November 2015 in Paris, der kommenden Mittwoch beginnt. „Wir wünschen uns, dass der Prozess endet – aber dafür muss er anfangen“, so sagt er es von sich und anderen Opfern und Überlebenden der Vereinigung „Life for Paris“, deren Präsident er ist.

Der 35-Jährige befand sich an jenem Abend in der Pariser Konzerthalle Bataclan beim Konzert der US-Rockband „Eagles of Death Metal“, als drei schwer bewaffnete Männer des selbst ernannten „Islamischen Staates“ dort eindrangen und ein Blutbad anrichteten. Dénouveaux entkam. „Ich war wie automatisch gesteuert, bis ich mich auf der Straße wiederfand“, sagt er heute.

Einziger Überlebender

90 Menschen wurden an jenem Abend im Bataclan ermordet, 40 weitere auf Pariser Café- und Restaurant-Terrassen sowie vor dem Fußballstadion Stade de France im Vorort Saint-Denis, wo ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Frankreich lief. Hunderte wurden verletzt, Tausende traumatisiert.

Die Attentäter gehörten zu einer von Belgien aus operierenden, weit verzweigten Terrorzelle, die weitere Anschläge plante oder durchführte, wie jene am Flughafen und einer Métrostation in Brüssel am 22. März 2016, bei denen 32 Menschen getötet wurden. Von den zehn Pariser Tätern überlebte nur der heute 31-jährige Franko-Marokkaner Salah Abdeslam, dessen Sprengstoffgürtel defekt war. Er konnte in Brüssel gefasst werden, wurde in Belgien bereits zu 20 Jahren Haft verurteilt und gehört nun zu den 20 Angeklagten in Paris.

Bei den übrigen handelt es sich um weitere mutmaßliche Mitglieder des Terror-Netzwerks und deren Helfer. Sechs von ihnen werden in Abwesenheit verurteilt. Zwölf Männern drohen lebenslange Haftstrafen, unter ihnen Abdeslam.

Für das Staatsarchiv

Längst ist die Rede von einem „Jahrhundert-Prozess“, der bis Ende Mai dauern soll und für den extra ein neuer, stark abgesicherter Verhandlungssaal im Pariser Justizpalast entstand. Es gibt 1.765 Nebenkläger, Hunderte Zeugen treten auf, mehr als 300 Anwälte werden kommen.

Für die Zivilkläger gibt es eine Übertragung über ein Web-Radio und die Verhandlung wird für das Staatsarchiv gefilmt. Das ist in Frankreich sehr selten und lediglich bei herausragenden, historischen Prozessen der Fall, darunter jener zu den Anschlägen gegen das Satiremagazin „Charlie Hebdo“, eine Polizistin und einen jüdischen Supermarkt im Jänner 2015.

Auch Arthur Dénouveaux wird als Zeuge aussagen. „Ich mache das vor allem als Präsident der Vereinigung und weniger wegen meiner eigenen kleinen Geschichte“, sagt er. Viele der Überlebenden hätten nicht die Kraft zu einer Aussage, hätten Angst, es nicht durchzustehen. „Man muss vorbereitet sein, Menschen anzuhören, die psychisch, aber auch körperlich schwer verletzt sind“, warnt Dénouveaux.

Zu jenen, bei denen die Wunden allmählich vernarben, gehört Serge Maestracci. Auch er befand sich an jenem Abend des 13. November 2015 im Bataclan und entkam unversehrt. Das Erlebte verfolgte ihn lange. „Ich entwickelte eine Art Paranoia, dachte, die Mörder sind immer noch hinter mir her“, erzählt der 67-Jährige.

Aber auf seine Weise hat der Pensionist Lektionen aus den traumatischen Erlebnissen gezogen – zuallererst jene, dass das Leben sehr schnell vorbei sein kann. Dass er von jetzt an jede Sekunde bewusst leben wolle. Mit seiner Familie, seinen vier Kindern, aber auch den Dingen, die ihm Spaß machen. Zum Prozess will er gehen. Nicht an jedem der 140 Verhandlungstage, aber immer wieder. Es sei wichtig, dass die Justiz gerechte Strafen für die direkt und indirekt Verantwortlichen finde, dass die Gesellschaft sich mit dem Trauma des 13. November 2015 auseinandersetze. „Wir brauchen ein starkes Signal an alle, die etwas Ähnliches vorhaben.“

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