© EPA/LAURENT DUBRULE

Reportage
11/13/2020

Fünf Jahre nach dem Terror im Bataclan: "Ich möchte keine Rachegedanken"

Bei der Terrorserie 2015 wurden 130 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Catherine Bertrand hat überlebt, doch sie kämpft nach wie vor mit dem Trauma.

Eine Metallbüchse, die lärmend zu Boden fällt – unerträglich für Catherine Bertrand. Eine U-Bahn, die abrupt anhält – ein Grund zur Panik. Und wenn sie an einem Schulhof vorbeigeht und Kinder kreischen hört, denkt sie nicht an Spaß und Übermut, sondern an ein Blutbad.

„Posttraumatische Belastungsstörungen äußern sich durch viele verschiedene Symptome“, sagt die 40-jährige Französin mit einer Sachlichkeit, als sei sie selbst Psychologin. Sie hat sich sehr intensiv mit den brutalen Nachwirkungen auseinandergesetzt, die die Erlebnisse des 13. November 2015 für sie haben. Bis heute.

Mordkommandos

Genau fünf Jahre ist es her, dass Paris von einer blutigen Terrorserie erschüttert wurde. Drei Mord-Kommandos töteten parallel vor dem Fußballstadion Stade de France im Vorort Saint-Denis, vor Bars und Cafés und in der Konzerthalle Bataclan insgesamt 130 Menschen (siehe auch unten). Unter den 1.500 Gästen im ausverkauften Saal des Bataclan, wo die US-Band „Eagles of Death Metal“ spielte, befanden sich auch Catherine Bertrand und ihr damaliger Freund. Sie erlebten – und überlebten – einen Horror, der ihr Leben völlig verändert hat.

Seitdem geht sie wenig aus dem Haus und nimmt die Pariser Metro nur außerhalb der Stoßzeiten: „Ich habe meinen Alltag angepasst, um Angstkrisen zu vermeiden.“ Catherine Bertrand ist auch nicht ihr richtiger, sondern ein Künstlername. Früher arbeitete sie als Archivarin in einer Foto-Agentur, heute ist sie Illustratorin und Autorin von Erwachsenen-Comics.

In ihrem ersten Werk „Kolumnen einer Überlebenden“ arbeitete sie ihren Schmerz auf und beschrieb, was ab jenem Moment passierte, an dem sie mit ihrem Ex-Freund den Bataclan betrat. Da ihr Lieblingsplatz besetzt war, setzten sie sich auf den Balkon – was ihnen das Leben rettete.

Denn die drei Mörder schossen zunächst in die Menge vor der Bühne. Dann stiegen zwei von ihnen ein Stockwerk hinauf und terrorisierten dort Konzertbesucher, bis schließlich zunächst ein einzelner Polizist und dann mehrere Elitebeamte den Saal stürmten und die Attentäter töteten.

Catherine Bertrand und ihrem Ex-Freund gelang noch vorher die Flucht nach draußen. „Ich habe aufgehört, mir die Frage zu stellen, was gewesen wäre, wenn…“, sagt sie heute. „Und ich versuche, die Schuldgefühle loszuwerden: Warum habe ich überlebt und andere nicht?“

Bald nahm sie ihre Arbeit halbtags wieder auf, doch in ihrem früheren Alltag zu funktionieren, fiel ihr schwer. Als ihre Firma schloss, wurde sie arbeitslos und ließ sich zur Illustratorin ausbilden: „Ich mache endlich das, was mir Spaß macht.“ Sie veröffentlichte ihr erstes Buch im Selbstverlag, doch war bald von den vielen Anfragen überfordert. Durch einen „Hilferuf“ auf Twitter fand sie einen Verlag.

Ausnahmezustand

Nach den November-Attentaten rief Frankreichs damaliger Präsident François Hollande die höchste Terror-Warnstufe und den Ausnahmezustand aus. Dieser endete erst zwei Jahre später unter Hollandes Nachfolger Emmanuel Macron, gleichzeitig mit dem Inkrafttreten eines verschärften Sicherheitsgesetzes, das den Behörden noch mehr Möglichkeiten bei der Terrorbekämpfung einräumte.

Im Jänner beginnt der Prozess um die Anschläge. Bei den rund 20 Angeklagten handelt es sich um mutmaßliche Unterstützter der Attentäter sowie um den einzigen überlebenden direkt Beteiligten unter ihnen, den Franzosen marokkanischer Abstammung Salah Abdeslam, der in Haft bisher beharrlich schweigt. Er gehörte zu einer Terrorzelle, die nicht nur für die Morde am 13. November 2015 verantwortlich war, sondern auch für zwei Anschläge am 22. März 2016 in Brüssel mit 32 Toten.

An die Täter denke sie kaum, sagt Bertrand. „Ich möchte keine Rachegedanken. Was mich interessiert, ist die Frage: Wie komme ich da wieder heraus?“ Ganz werde sie das wohl nie. Und doch gewinnt sie all dem Schrecken auch etwas Positives ab: Ihre neuen Freunde aus einer Opfer- und Hinterbliebenen-Vereinigung, ihre Bücher, ein ganz anderes Bewusstsein. „Ich führe heute das Leben, das ich haben möchte. Ich verliere keine Zeit mehr. Es kann so schnell vorbei sein.“

Stade de France

Während eines Länderspiels ist im Stadion eine Explosion zu hören: Der erste von drei Selbstmordattentätern sprengt sich beim Eingang in die Luft, tötet einen Menschen. Keinem der Attentäter gelingt es, in das Stadion mit 80.000 Menschen, darunter Präsident Hollande, einzudringen

Ausgehviertel

Drei Angreifer eröffnen im und nahe des 11. Arrondissements das Feuer auf die Gäste in Lokalen, ermorden 39 Menschen

Bataclan

Drei Islamisten stürmen die Konzerthalle Bataclan, in der die Band „Eagles of Death Metal“ vor rund 1.500 Zuhörern spielt und eröffnen das Feuer. 90 Menschen sterben. Nach zweieinhalb Stunden bringen Einsatzkräfte den Bataclan unter ihre Kontrolle

Die jüngsten islamistischen Anschläge in Frankreich unterscheiden sich klar von den Attacken 2015, die lange innerhalb von Netzwerken vorbereitet worden waren.

Rund 270 Menschen sind in den vergangenen fünf Jahren in Frankreich durch islamistischen Terror gestorben. Im Jänner 2015 griffen insgesamt drei Attentäter die Satirezeitung Charlie Hebdo, eine Polizistin und einen jüdischen Supermarkt in Paris an – derzeit läuft der Prozess gegen mutmaßliche Helfershelfer der Mörder, die damals von der Polizei getötet wurden. Es folgten die November-Attentate 2015 und Anschläge unter anderem an der Uferpromenade in Nizza und auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg.

Zuletzt erschütterten drei Attacken innerhalb weniger Wochen das Land: Ein 25-jähriger Pakistaner verletzte Ende September zwei Menschen vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo schwer. Danach enthauptete ein 18-jähriger gebürtiger Tschetschene Mitte Oktober den Lehrer Samuel Paty, der im Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Und ein 21-jähriger Tunesier tötete Ende Oktober in einer Kirche in Nizza drei Christen.

Hatte sich die Sicherheitsgesetzgebung seit 2015 kontinuierlich verschärft, so kündigte Präsident Macron nun einen noch entschlosseneren Kampf gegen den Islamismus sowie Grenzkontrollen an. Denn anders als bei den Attentaten von 2015 handelte es sich zuletzt bei den Tätern nicht überwiegend um französische Staatsbürger, sondern um Ausländer. Sie agierten nicht in größeren Netzwerken und in direkter Verbindung zu Terrororganisationen, sondern mit Unterstützung weniger. Radikalisiert hatten sie sich im Internet.

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