Ein Soldat vor dem Parlament in Belgrad, Serbien.

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Politik Ausland
04/06/2020

Balkanstaaten warnen Rückkehrer aus Ausland: "Wäre unser Ende"

In der Corona-Krise orten Serbien, Bosnien und Slowenien ein besonderes Risiko: die Heimreise der eigenen Landsleute. Ein Staatschef macht seinen Bürgern sogar schwere Vorwürfe.

von Lukas Kapeller, Mirad Odobasic

Serbien und Bosnien-Herzegowina sind als Staaten des ehemaligen Jugoslawiens bitter verfeindet, doch in der Pandemie greifen sie zu ähnlichen Mitteln. Harte Ausgangssperren, drakonische Strafen für Quarantänebrecher - und auch Aufrufe an die eigenen Bürger im Ausland, ja nicht heimzukehren.

Sorge vor Ostern

"Bleiben Sie in den Staaten, in denen Sie sich gerade aufhalten", riet etwa das bosnische Außenministerium den Landsleuten im Ausland. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić bat seine Bürger schon Mitte März, aus Risikoländern wie Österreich, Italien und der Schweiz nicht zum Osterfest zurückzukehren. Und auch Sloweniens Außenminister Anze Logar appellierte an die im Ausland arbeitenden Slowenen, über die Feiertage keinesfalls zu kommen, sondern in EU-Staaten mit ohnehin guten Gesundheitssystemen zu bleiben.

Die gemeinsame Angst: Bürger, die im Ausland arbeiten, würden das Coronavirus nach der Rückkehr in ihrer Heimat verbreiten.

Man muss wissen, die Gesundheitsversorgung steht am Westbalkan auf wackeligen Beinen. Ein kurzer Überblick:

  • Serbien: 7 Mio. Einwohner, 6.685 Euro BIP/Kopf (2018), 456 Akutbetten/100.000 Einwohner (2014)*
  • Bosnien: 3,5 Mio. Einwohner, 5.326 Euro BIP/Kopf (2018), keine Bettenzahl bekannt
  • Kroatien: 4,2 Mio. Einwohner, 13.762 Euro BIP/Kopf (2018), 399 Akutbetten/100.000 Einwohner (2014)
  • Slowenien: 2,1 Mio. Einwohner, 24.197 Euro BIP/Kopf (2018), 423 Akutbetten/100.000 Einwohner (2014)

Besonders kompromisslos geht - nach anfänglichem Belächeln des Coronavirus - nun Serbiens Staatschef Vučić vor. Die Regierung in Belgrad hat mittlerweile wochentags eine Ausgehsperre von 17 bis 5 Uhr sowie am Wochenende von Samstag 13 Uhr bis Sonntagnacht verhängt. Seit der Einführung des Ausnahmezustands am 16. März gelten für Serben, die zurückkehren, außerdem nun mindestens 14 Tage verpflichtende Selbstisolation. Für Rückkehrer aus Krisenherden, darunter Österreich, sind es 28 Tage. Der häusliche Rückzug wird von der Polizei kontrolliert, wer die Vorschrift verletzt, dem drohen bis zu drei Jahre Haft.

Vučić macht aber kein Hehl daraus, dass er es vorziehen würde, wenn die Serben im Ausland ihrer Heimat bis auf Weiteres fernblieben. Das ist allerdings schwierig, denn anders als Kroatien und Slowenien ist Serbien kein EU-Land. Serbische Staatsbürger, die nun keine Arbeit in der EU mehr haben - weil Hotels, Fabriken und Baufirmen den Betrieb stoppten - verlieren auch ihr Aufenthaltsrecht.

Dennoch fordert Vučić die Serben zum Fernbleiben auf. Eine Rückkehr zu Ostern wäre "unser Ende", sagte er in einer TV-Ansprache. Dass man Zehntausende Serben im März, noch vor der Grenzschließung, zurückkehren ließ, nannte er rückblickend einen "kapitalen Fehler".

Vorwürfe an Heimkehrer

Am 17. März verschärfte Vučić den Ton gegenüber den Bürgern, die aus dem Ausland heimgereist waren. "Die Menschen, die aus dem Ausland heimgekehrt sind und die wir darum gebeten hatten, nicht zurückzukommen - in nur zwei Tagen kamen 40.000 davon -, legten eine katastrophale Disziplin an den Tag. Von 7.607 Kontrollierten fanden wir 5.954 zuhause in der Heimquarantäne vor, 1.653 aber nicht", rügte der Präsident seine Bürger.

Ausgerechnet Vučić' Drohung, die Grenzen für Gastarbeiter schließen zu wollen, hatte wohl auch die Unentschlossenen dazu gebracht, den Weg in die Heimat doch anzutreten. Vučić' Geheimdienste sammelten Informationen, wie viele Menschen aus Westeuropa bis zum letzten Monatsdrittel im März zurückgekehrt waren. Das Ergebnis: mehr als 300.000.

So kündigte der Präsident noch striktere Präventionsmaßnahmen an und warf dabei serbischen Gastarbeitern vor, nach Serbien zurückkehren zu wollen, um sich "gratis" medizinisch behandeln zu lassen.

Viele Mitglieder der serbischen Diaspora zeigten sich erbost und verletzt.

Gesundheitssysteme nicht vorbereitet

Mit dem Problem der möglicherweise infizierten Heimkehrer haben auch andere Balkanstaaten wie Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Kroatien zu kämpfen. Bosnien und Montenegro haben die Liste zurückgekehrter Staatsbürger sogar öffentlich gemacht. Persönlichkeitsrechte und das Argument der Privatsphäre wischten die Regierungen mit Hinweis auf das Gemeinwohl beiseite.

Tatsache ist, dass die Gesundheitssysteme in den Staaten Ex-Jugoslawiens nur notdürftig ausgestattet sind. Selbst beim Balkan-Musterschüler Slowenien nähert sich das Spitalsystem schnell der Belastungsgrenze. Noch sind die Zahlen der Infizierten im gesamten Westbalkan relativ niedrig. Doch der Kollaps der Krankenhäuser wäre rasch geschehen.

Belgrader Herzklinik betroffen

Die Lage in Serbien bleibt jedenfalls mehr als angespannt. In Belgrads führendem Krankenhaus für Herzoperationen sind 81 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, wie am Montag bekannt wurde. Neben 14 Patienten hat es auch 11 Ärzte und 56 weitere Mitarbeiter erwischt. Das Virus sei offenbar von zunächst symptomfreien Patienten in die Klinik im Stadtteil Dedinje eingeschleppt worden.

*Quelle: WHO, European Health Information Gateway