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Politik Ausland
02/05/2020

Atommüll: Kein Klimakiller, aber trotzdem tödlich

In der Klimakrise sieht so mancher Staat die Lösung in der Atomkraft. Doch Atommüllberge wachsen.

von Ingrid Steiner-Gashi

Ein Bauwerk für die Ewigkeit – nichts anderes wäre ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Es müsste eine Million Jahre bestehen – in etwa so lange würde es dauern, bis die tödliche Strahlung wieder abgebaut ist. Weltweit gibt es nur einen einzigen Ort, an dem an einem solchen Lager gearbeitet wird: im Westen Finnlands, unter der Insel Onkalo, wird in 450 Meter Tiefe ein maulwurfartiges Tunnelsystem in den Granit gesprengt und gegraben.

Hier sollen in frühestens drei Jahren 5.000 Tonnen nuklearer Abfall aus finnischen Atomkraftwerken für immer versenkt werden. Denn Finnland hat ein gewaltiges Problem: Seine Zwischenlager für hoch radioaktive, abgebrannte Brennstäbe sind bereits zu 93 Prozent ausgelastet. Doch die Frage bleibt: Kann das Lager Erdbeben überstehen? Bietet es über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinaus absoluten Schutz?

Ungelöste Frage

„Siebzig Jahre nach Beginn des Atomzeitalters hat noch kein Land der Welt eine wirkliche Lösung für die strahlende Hinterlassenschaft der Atomkraft gefunden“, sagt Rebecca Harms. Die frühere EU-Abgeordnete der deutschen Grünen, Initiatorin des gestern in Brüssel präsentierten „The World Nuclear Waste Report 2019“, gab deshalb gleich zu bedenken: „Wenn wir jetzt in der aktuellen Klimadebatte neues Interesse am Atomstrom entwickeln, weil dadurch weniger Treibhausgase entstehen, begehen wir einen schweren Fehler. Ich kann den jungen Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung nur empfehlen“, sagt Harms, „erweitert eure Blickwinkel: Es gilt nicht nur die Treibhausgase, sondern auch das wirklich große Risiko des Atommülls zu reduzieren. Die Frage des nuklearen Abfalls ist noch immer ungelöst.“

Über 900 Meter hoch

60.000 Tonnen hoch radioaktiver Müll wird derzeit in Europa zwischengelagert. Ein Viertel davon findet sich in Frankreich, listet der von der Heinrich-Böll-Stiftung mitfinanzierte Report auf.

Nimmt man den niedrig- und mittelradioaktiven Müll dazu, wird Europas Reaktorenflotte in einigen Jahren rund 6,6 Millionen Kubikmeter Atommüll produziert haben. Zum Vergleich: Ein mit strahlendem Müll gefülltes Fußballfeld würde 919 Meter in die Höhe ragen.

Schwach- und mittelradioaktiver Müll fällt im Übrigen auch in Ländern an, die keine AKW haben. Und so hat auch Österreich ein Problem mit diesem Abfall aus Medizin, Industrie und Forschung. Und noch keine endgültige Lösung dafür – auch wenn das Problem in Österreich vergleichsweise gering ist.

Wohin also mit dem strahlenden Erbe? Abgesehen von Finnland haben nur Frankreich und Schweden einen Ort lokalisiert, wo ein Endlager gebaut werden könnte. Wann es errichtet werden könnte, ist aber völlig offen.

Nicht einmal Pläne

Deutschland will bis 2050, die Schweiz bis 2060 und Tschechien bis 2065 ein Endlager in Betrieb nehmen – alle drei Staaten haben aber noch keinen Standort gefunden. In allen anderen EU-Staaten mit Atomkraftwerken gibt es nicht einmal Pläne für ein geologisches Tiefenlager.

Die Folge: Immer mehr hoch radioaktiver Müll muss immer länger zwischengelagert werden. „Doch diese Zwischenlager waren nicht für langfristige Lagerung geplant“, heißt es im Bericht, „und diese Praktiken bedeuten eine wachsendes, besonderes, hohes Risiko.“

Wasser in den Schächten

Zu sehen etwa im ehemaligen deutschen Bergwerk von Asse (Niedersachsen). Dort lagern verschlossen hinter dicken Betonwänden seit den 70er-Jahren 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen. Die Anlage ist marode, immer mehr Wasser dringt in die Schächte ein.

Der Müll muss raus, das wissen die Behörden. Doch die Bergung des strahlenden Mülls wird so kompliziert, dass sie 2033 erst beginnen kann. Ein Ausweichbergwerk muss gebaut werden, es wird Milliarden verschlingen. „Drei Generationen haben die Kernenergie in Deutschland betrieben“, sagte jüngst Deutschlands Umweltministerin Svenja Schulze bei einem Besuch in Asse, „aber 30 Generationen oder noch mehr werden mit den Folgen zu tun haben.“