© Michael Gruber/BMeiA

Reportage
11/20/2021

Albanien steigt aufs Gaspedal und will endlich in die EU

Albanien drängt in die EU. Und sagt damit Korruption, Armut und Abwanderung endgültig den Kampf an.

von Caroline Ferstl

Flankiert von zwei Polizeiwagen mit Blaulicht, einer vorne, einer hinten, und zwei Kleinbussen voller Wirtschaftsdelegierter und Journalisten im Anhang passierte Außenminister Michael Linhart (ÖVP) am Donnerstagabend die Grenze zwischen Nordmazedonien und Albanien. Besuch aus dem Westen wird in Albanien immer gern gesehen. Eines der letzten Länder Europas, in denen der Eiserne Vorhang fiel, will endlich in die EU. Dafür werden alle Geschütze aufgefahren.

Kampf der Korruption

Seit 2014 ist Albanien EU-Beitrittskandidat, hat zahlreiche Reformen vorgenommen, vor allem in der Justiz – vorwiegend um Korruption und Geldwäsche zu bekämpfen. Diese gelten als die größten Probleme Albaniens und werden als beinahe selbstverständlich in der Gesellschaft angesehen.

Albanien zählt immer noch zu den ärmsten Ländern Europas, das Durchschnittsgehalt liegt bei 460 Euro. Corona hat die Armut verschärft: Nach dem verheerenden Erdbeben im November 2019 mit 51 Toten und Schäden im ganzen Land sorgte die Pandemie für einen wirtschaftlichen Einbruch – und zahlreiche Tote. Die Sterblichkeitsrate war 2020 um 27 Prozent höher als in den Jahren davor. Trotzdem hält sich die Impfbereitschaft in Grenzen, aktuell gelten nur 32,9 Prozent als geimpft.

Doch mittlerweile pulsiert die Stadt wieder – zumindest tagsüber, nachts gilt immer noch eine coronabedingte Ausgangssperre von 23 bis sechs Uhr. Die Straßen sind verstopft, Porsche reiht sich neben Jaguar und Mercedes.

Bruch mit der Vergangenheit

Autos gelten immer noch als Statussymbole, eine Zeit lang war in Albanien die größte Mercedes-Dichte weltweit zu finden. Ein Relikt des Freiheitsverständnisses aus der Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Bis zum Ende des kommunistischen Regimes 1991 waren Privatautos in Albanien verboten.

An die kommunistische Vergangenheit des Landes erinnert im Stadtbild heute nur mehr wenig, überall wird gebaut, moderne Hochbauten überragen die heruntergekommenen kommunistischen und italienisch-faschistischen Klötze. Nur im Museum "Haus der Blätter" findet man noch Überbleibsel aus der Vergangenheit, Wanzen und Abhörgeräte, mit denen der ehemalige Diktator Albaniens Enver Hoxha die Bevölkerung überwachen ließ.

Wirtschaftspartner Österreich
Österreich investierte im Vorjahr rund 600 Millionen Euro in Albanien. Rund 50 österreichische Unternehmen sind im kleinen Balkanland tätig. Österreich ist damit der sechstgrößte Investor in Albanien. Die albanische Wirtschaft schrumpfte im Coronajahr 2020 um 3,8 Prozent.

Regierung
Im Mai wählte Albanien ein neues Parlament. Der Sozialist Edi Rama gewann zum dritten Mal hintereinander. Albanien hat mit  der Perspektive auf einen EU-Beitritt zahlreiche Reformen vorgenommen, vor allem in der Justiz, vorwiegend, um die grassierende  Korruption zu bekämpfen. Seit mittlerweile sieben Jahren ist Albanien EU-Beitrittskandidat.

Jugend strebt gen Westen

Vielleicht ist man deswegen so bemüht um einen baldigen EU-Beitritt: um endlich offiziell zur "freien Welt" zu gehören. Die albanische Bevölkerung strebt schon lange gen Westen, besonders die Jungen. Und davon gibt es viele: Das Durchschnittsalter liegt in Albanien bei 35 Jahren, in Österreich bei 43. Gleichzeitig ist die Abwanderungsquote hoch. Der EU-Beitritt soll auch dieses Problem lösen.

Linhart betonte in Tirana wie schon am Donnerstag in Skopje Österreichs Forderung nach dem Startschuss der EU-Beitrittsgespräche im Dezember. Die Jungen würden davon besonders profitieren, so Linhart. Zudem sei er dafür, schon jetzt Albanien voll in das EU-Studentenaustauschprogramm Erasmus einzubeziehen. Rund 100 Albaner kommen jährlich zum Studieren nach Wien.

Albaniens Außenministerin Olta Xhaçka schloss sich an: Die EU-Perspektive sei das beste Mittel um Korruption, Armut und Abwanderung im 2,8-Millionen-Einwohner Land zu bekämpfen.

Und das bitte schnell.

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