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Politik Ausland
10/04/2020

Geteiltes Berlin: Wie Menschen die Zeit vor und nach der Wende erlebten

Die Mauer gehörte zu ihrem Leben, teilte ihre Stadt. Vor 30 Jahren vereinten sich Ost und West wieder. Zwei Menschen aus Berlin, die auf der jeweils anderen Seite lebten, erinnern sich

von Sandra Lumetsberger

Den Glanz kann man nur noch erahnen: Bis auf die Rundbogenfenster in der Grundmauer ist vom Ballhaus Riviera nicht mehr viel übrig. Das letzte Fest fand hier in Grünau, einst Ost-Berlin, vor der Wende statt. 30 Jahre stand das Haus leer, verfiel und brannte kürzlich aus. "Ein heißer Abriss", sagt Angelika Stündel und schaut von den Stufen des Cafés hinüber zum Grundstück, wo ein Bagger rollt. Altes wird gekauft, abgerissen, Neues gebaut – "für viele kaum noch leistbar", sagt Stündel. Sie kennt es anders.

Fast die Hälfte ihres Lebens hat die 1951 Geborene in einem Staat gelebt, der einem Wohnung und Arbeit zugewiesen hat. Wer das System nicht wollte, konnte es anfangs noch verlassen, dann musste er flüchten. Angelika Stündel hat nie daran gedacht.

Sie war eine gute Schülerin und so sprachbegabt, dass man sie auf die Russische Schule schickte. Sie interessierte sich für Technik und lernte ab 1968 als eine von wenigen Frauen den Beruf der Flugzeugmechanikerin bei der staatlichen Interflug. Später übersetzte sie russische Texte, flog als technische Fachkraft nach Moskau, Minsk und Kiew oder führte Reisegruppen durch die befreundeten sozialistischen Nachbarländer. Dass der Himmel für sie begrenzt war, fand sie nicht schlimm. Klar wäre eine Reise nach Skandinavien schön gewesen, "aber was nicht ist, ist nicht". Sie zuckt die Schultern und rührt in ihrem Milchkaffee.

Zwischen den Welten

Was auf der anderen Seite passiert, hat Robert Hall immer interessiert. Geboren 1957 in Charlottenburg, West-Berlin, hatte er als Sohn einer Deutschen und eines Briten "Alliierten-Status" und konnte zwischen den Welten reisen. Oft fuhren sie "rüber", um Onkel und Tante zu besuchen. Gut erinnert er sich an die "exorbitanten Kontrollen", die Fahrt in der U-Bahn, vorbei an Schießscharten und den Geschmack der Bockwurst, die ihm sein Onkel ausgab. Auch später zog es ihn oft rüber. Der Sozialarbeiter und Leiter der "Kontakt- und Beratungsstelle" (kuB) nahm Jugendliche mit – "alles Punks, die dabei hatten, was nicht erlaubt war: Kassetten und Westgeld. Da gab’s Stress".

Dennoch war ihm wichtig, dass sie diese Welt kennen, die extrem grau wie schön sein konnte, sagt er und hat dabei den Müggelsee vor Augen. "Ich fand es immer absurd, dass West-Berliner keine Ahnung hatten, wie die Menschen 50 Meter weiter leben." Es gelang ihm sogar ein Treffen mit Jugendlichen aus dem Osten zu arrangieren: "Das waren auch Punks, aber viel angepasster mit bunten Haaren, Job und Wohnung." Ein paar Mädchen aus seiner Gruppe hätten sich sofort in die Ost-Jungs verknallt.

Er hatte für den Sozialismus gewisse Sympathien, diskutierte viel darüber – dass es keine Arbeits- und Obdachlosigkeit gab oder die medizinische Versorgung durch Polikliniken gesichert war. Die andere Seite des Systems, wie Menschen überwacht und drangsaliert wurden, nahm er erst später wahr.

Dallas und Denver in den DDR-Wohnzimmern

Wenn man Angelika Stündel danach fragt, erzählt sie von Kollegen, die sich beim Kaffee über "Dallas" und "Denver" unterhalten haben, US-amerikanische Serien aus dem Westfernsehen. Sie hielt sich zurück, "man musste aufpassen, was man erzählt". Gesehen hat sie die Serien trotzdem, "war aber nichts Besonderes".

Ob sie denn gar nichts vermisst habe? "Nicht unbedingt", sagt sie. Von der Arbeit bekam sie Freiflüge. Einmal flog sie mit ihrem Mann Budapest – "da wurde dir auch eine Welt eröffnet".

1989 begann sich ihre zu verändern. Als immer mehr Menschen auf die Straße gingen, war Angelika Stündel beunruhigt - "es wusste ja keiner was kommt". Ihr Vater hat das damals nicht verkraftet, sie versteht es heute besser: "Da waren nur mehr alte Männer an der Macht, die für sich regiert haben und nicht für die Jungen." Worüber nie offen gesprochen wurde, was sie aber immer öfter zu hören bekam – "dass der eine oder andere arbeitslos war". Nie hätte sie gedacht, dass sie später ihren Job verlieren würde.

Endloser Strom an Autos

Der Tag, der alles veränderte, war der 9. November 1989. Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros der SED, kündigte auf einer Pressekonferenz beiläufig an, die DDR werde umgehend die Grenzen öffnen. An den Übergängen setzte ein Massenansturm ein. Robert Hall, der die Proteste und Berichte seit Wochen mitverfolgte, hat am Abend noch ferngesehen, ging dann aber ins Bett. Als er früh morgens seinen Sohn zum Kindergarten bringen wollte, kamen ihnen 11- bis 12-Jährige entgegengerannt, die nach der U-Bahn-Station fragten. Statt zum Kindergarten sind sie zu dem Grenzübergang gelaufen. Was er dort sah, hat ihn ergriffen: "Ein endloser Strom an Autos, die im Schritttempo über die Grenze fuhren und von jubelnden Westberlinern empfangen wurden."

"Dann drücken dir fremde Menschen Geld in die Hand"

Auf der anderen Seite, im Ost-Berliner Ortsteil Baumschulenweg, haben Angelika Stündler und ihr Mann das alles "nicht für bare Münze genommen". Während andere sofort rüber sind, haben sie einige Tage abgewartet, um das Begrüßungsgeld abzuholen. "Es war ein komisches Gefühl. Du fährst über die Grenze und dann drücken dir fremde Menschen Geld in die Hand." Wenn sie an diese Zeit zurückdenkt, spricht sie weniger über neu gewonnene Freiheit, mehr über Ängste. Die Währung sollte sich ändern, "da gingen wir davon aus, dass vieles seinen Wert verliert".

So fühlte es sich an, als sie mit Arbeitskollegen in einem Saal stand und ihnen "ein paar Wessis" erklärten, dass Interflug "abgewickelt" wird und sie umschulen sollen. "Einige Frauen haben ihnen dann schon die Meinung gesagt, was sie denn glauben, was alle in den letzten Jahren gemacht haben. Die hätten die Männer fast gelyncht."

Einige ehemalige Interflug-Mitarbeiter haben die "Berline" gegründet – "mit fünf alten Iljuschin Il-18 aus der Sowjetunion, die aber 30 Jahre alt waren", sagt Angelika und zeigt auf ihrem Smartphone ein paar Fotos der Maschinen. Zwei davon ließen sie zu Frachtmaschinen umrüsten, doch die Aufträge blieben aus. "Die Lufthansa hat damals alles abgegrast." 1995 war die Gesellschaft pleite. Darunter hat sie sehr gelitten, sagt sie – "die Arbeit, das war Herzblut". Weder sie noch ihre Kollegen wurden wie versprochen weitervermittelt. Beim Arbeitsamt bekam sie es wieder zu hören: Umschulung.

 

Für Robert Hall hat sich in Westberlin auch einiges verändert. Er wurde Vormund von ostdeutschen Jugendlichen  und hatte neue Mitarbeiterinnen, die in der BRD nicht mehr unterrichten durften: Frauen Anfang 40, die umschulen und sich gleichzeitig um ihre Familie kümmern mussten. Eine neue Kollegin wiederum musste zusehen, wie einer in der Nebeneinrichtung zum Geschäftsführer aufstieg, der sie zuvor bei der Staatssicherheit angeschwärzt hatte – "die mussten viel mitmachen", findet er.

Von Ossis und Wessis

Angelika Stündel würde ihm das bestätigen, wenn sie einander gegenübersäßen. Sie sagt, sie habe dennoch Glück gehabt. Nach einer Weiterbildung arbeitete sie beim Deutschen Rundfunkarchiv. Ihr Mann blieb bei der Flugsicherung. Er hatte viel mit Wessis zu tun, meinte aber, "die kochen auch nur mit Wasser". Natürlich gibt es Nette, aber einige wären arrogant "und meinten, sie hätten die Welt erfunden". Dabei gab es Sinnvolles, das man aus der DDR übernehmen hätte können. "Kennen Sie den grünen Abbiege-Pfeil?“ Er erlaube trotz Rotlicht das Rechtsabbiegen an der Kreuzung. In Berlin ist das Blechschild an manchen Orten noch zu sehen, in den meisten Großstädten wurde es aber abmontiert. Mit dem Begriff "Einheit" tut sie sich schwer. Es wird noch ein paar Generationen brauchen, bis sich das mit den "Ossis" und "Wessis" aufhört.

Robert Hall kann den Frust und das Gefühl benachteiligt worden zu sein, sehr gut nachvollziehen. Man hätte sich mit dem Wiedervereinigungsprozess mehr Zeit lassen müssen, sagt er. Und respektieren, dass sich nicht alles angleicht. Er schätzt den Föderalismus in Deutschland und dass jedes Bundesland seine Eigenheiten hat: "Die Sachsen sind die Sachsen, das ist wie in Österreich mit den Kärntnern". Und wie ist das mit den Berlinern, die so lange getrennt waren? Sie eint heute das gleiche Problem: In der Stadtmitte regiert das Geld, Wohnraum wird immer knapper und teurer – das betrifft Ost und West gleichermaßen.

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