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Reportage
03/04/2020

Hanau nach dem Anschlag: "Das wird hier keiner vergessen"

Zwei Wochen nach dem Anschlag ist die Trauer allgegenwärtig; einige bemühen sich um Normalität - auch der Betroffenen wegen.

von Sandra Lumetsberger

Ihre Namen stehen zwischen Tulpen, Kerzen und Fotos am Brüder-Grimm-Denkmal im Stadtzentrum: Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kaloyan, Fatih und Vili. Neun Menschen zwischen 21 und 41 Jahren, die im hessischen Hanau aus rassistischen Gründen ermordet wurden. Seitdem ist nichts mehr wie es war. "Wir sind alle gleich"-Plakate hängen in der Stadt. Es klingt wie ein Mantra, dass die Menschen dieser Tage beschwören.

Im evangelischen Jugendzentrum "k-Town", kurz Juz genannt, lebt man das seit Jahrzehnten. Der Backsteinbau befindet sich in Kesselstadt, einer Gegend, wo Menschen unterschiedlicher Nationalitäten Tür an Tür leben. Jene des Jugendzentrums ist bunt besprüht, drinnen im Eingangsbereich stehen Sofas und ein Billardtisch. Viele Fotos von Ausflügen zieren die Wände.

Hinter dem Tresen steht Günther Kugler, seit 20 Jahren Sozialarbeiter im Viertel. Für die Kinder, die ihn mit Handschlag oder Umarmung begrüßen, ist er "Günther". Eigentlich erzählt er, hätten sie schon geschlossen, aber derzeit ist die Situation eine andere. "Wir versuchen hier etwas Normalität reinzubringen", sagt der Mann, der seit zwei Wochen einen Ausnahmezustand miterlebt.

Die Fotos einiger Ermordeten hängen an der Wand. Sie sehen glücklich aus, lachen. Ferhat, Hamza und Said waren oft im Juz. Günther hat sie alle gut gekannt. Er erzählt, wie er Ferhat an jenem Abend zu Essen mitgegeben hat, bevor er rüber in die Bar ging. "Hätte er ein paar Minuten gewartet und hier gegessen ..." Er ist nicht der einzige, der sich solche Gedanken macht.

Der Angst trotzen

Wer sich in Hanau umhört, trifft auf viele Menschen, die die Ermordeten gekannt haben. Und denen es schwer fällt, etwas zu kommentieren, was sie in der Kleinstadt nicht für möglich gehalten haben. Auch Angst ist ein Thema. Volkan, der in der Innenstadt einen Lebensmittelladen führt, will sich davon nicht einnehmen lassen, sagt er.

Trafikantin Iris hofft, dass die Betroffenen nach der heutigen Gedenkfeier mit der Bundeskanzlerin etwas zur Ruhe kommen können. Aber: "Vergessen wird das hier keiner." Sie kannte einige persönlich, "das waren doch noch Kinder". Und für einige von ihnen war das Juz in Kesselstadt wie ein zweites Zuhause.

Hier können die jungen Menschen lernen, essen, spielen oder Schulsachen ausdrucken. Ein Mädchen macht am Tisch Hausaufgaben, im Nebenraum spielen sie Kniffeln, unten hört man Springschnüre am Boden schnalzen: Zwei Mal die Woche gibt es Boxtraining, dafür wurde das Juz oft ausgezeichnet.

"Seit zwei Wochen läuft hier keine Musik mehr"

Was Günther und seine Kollegen derzeit leisten, lässt sich mit keinem Preis bemessen. Er händigt Tischtennisschläger aus, hilft Kindern, ihre Schlüssel zu finden. Er ist Anlaufstelle für alle. Fast wie immer, und doch ist vieles anders. "Seit zwei Wochen läuft hier keine Musik mehr", erzählt er, das hat er in 20 Jahren nicht erlebt. In den letzten Wochen wurde viel geredet. Einige der Jugendlichen, die überlebt haben, erzählten, was sie gesehen haben. "Und wenn das Reden nicht mehr ging, sind wir hinübergegangen und haben Kerzen angezündet." Neben seinem Tresen steht eine Schachtel mit Grablichtern.

Ein paar Mädchen nehmen sich welche raus, sie haben einen jüngeren Buben bei sich. Er kann gerade nicht zu Hause sein, berichtet Günther. Sein Bruder ist unter den Toten, eine Familie kümmert sich um ihn, weil die Mutter es nicht schafft.

Mehrfach traumatisiert

Mittlerweile ist die psychologische Hilfe für die Betroffenen durch Fachleute angelaufen – hier und an anderen Orten in der Stadt. Wie am Zentrum für Traumapädagogik. Thomas Lutz hat hier Menschen erlebt, die auf mehreren Ebenen traumatisiert wurden. Durch den Anschlag, ebenso durch Pressevertreter, die Menschen "mit Fragen überrumpelten", so Lutz. "Sie haben in dieser traumatischen Situation keine Kontrolle über sich und nicht die Möglichkeit, sich ruhig und gefasst zu äußern." Auch die Politikerbesuche waren für die Außenwirkung gedacht, als für die Angehörigen. "Es ist ihnen nicht gelungen, den Kontakt zu den Betroffenen herzustellen, vielleicht einen auf die Bühne zu holen, mit ihnen zu sprechen. Das hätten sich einige gewünscht."

Dass in der Stadt an vielen Orten die Namen der Ermordeten zu sehen sind, ist im Sinne der Verarbeitung. "Die Menschen werden nicht anonym behandelt, sondern klar benannt. Es ist für sie ein wichtiges Zeichen, dass sie eine Rolle spielen und nicht vergessen werden."

Ein Zeichen haben auch die Familien von Hamza und Said gesetzt. Die Eltern des einen sind aus Bosnien, der andere hat deutsch-afghanische Wurzeln. Sie waren beste Freunde, im Juz gut bekannt, und wurden gemeinsam bestattet, berichtet Günther. Bei allen sozialen Spannungen im Viertel, gab es keine ethnischen Konflikte, sondern multikulturelle Cliquenbildung. Vermutlich war das dem Täter, der nur ein paar Häuser weiter wohnte, ein Dorn im Auge, mutmaßt der Sozialarbeiter. Eigentlich will er nicht über ihn reden, sondern über die Toten.

Ihre Namen sind seit einigen Tagen nicht nur am Grimm-Denkmal oder an der Wand des Juz zu sehen, sondern an einer großen Mauer in der Stadt – schwarzer Hintergrund, weiße Buchstaben.

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