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Politik Ausland
03/04/2020

Traumaexperte über die Folgen des Anschlags in Hanau

Der Hanauer Traumapädagoge Thomas Lutz betreut Betroffene und erklärt, warum die Opfer Namen brauchen.

von Sandra Lumetsberger

Die Trauer ist in Hanau allgegenwärtig. Nicht nur durch die vielen Blumen, Kerzen und Botschaften an die Ermordeten. Was die Menschen in der hessischen Kleinstadt erlebt haben, wird noch lange nachwirken. Hilfe bekommen sie an verschiedenen Stellen in der Stadt, koordiniert von zwei Opferbeauftragten. Das Zentrum für Traumapädagogik war unmittelbar nach den Anschlägen Anlaufstelle für Krisenintervention. Thomas Lutz hat hier Menschen erlebt, die auf mehreren Ebenen traumatisiert wurden, erzählt er im Gespräch mit dem KURIER. Bei einigen im Umfeld des Tatorts kamen durch die hörbaren Schüsse und bewaffneten Polizeieinheiten Erinnerungen an frühere Kriegserfahrungen hoch, etwa im damaligen Jugoslawien. Bei anderen wiederum wurden erneut diskriminierende Erlebnisse getriggert: "Sie haben Angst in die Öffentlichkeit zu gehen, die Wohnung zu verlassen und wenig Vertrauen, dass die Polizei sie schützen kann und will. Das ist eine enorme Lebensbeeinträchtigung, die noch länger anhalten wird - auch wenn die Menschen wieder zu ihren Treffpunkten in die Shisha-Bar oder in den Dönerladen gehen."

Wenn der "Schutzmechanismus" anläuft

Thomas Lutz und sein Team haben zunächst einmal versucht, den Menschen zuzuhören und ihnen dabei geholfen, Worte zu finden. Bei Menschen, die direkt mit Toten oder Verletzten konfrontiert waren, zersplittert das Gehirn alle Wahrnehmungen und Erlebnisse in kleine Teile, die ungesteuert und unkontrolliert ihr Eigenleben führen, erklärt er und spricht von einem "Schutzmechanismus". Dabei stehen Menschen unter Spannung, haben Gedächtnisstörungen, wissen nicht mehr, wo sie gerade sind. "Wir versuchen ihnen zu erklären, dass alles was sie wahrnehmen, wie sie sich selbst erleben, normale Reaktionen auf die Umstände sind und dass sie einem auch Angst machen."

Zu 75 Prozent verarbeiten Betroffene das selbst mit ihren Freundes- und Bekanntenkreis, in dem sie darüber reden, 25 Prozent brauchen darüber hinaus therapeutische Unterstützung. Menschen, die extrem betroffen und traumatisiert sind, müssen auch vorübergehend Psychopharmaka nehmen, um zur Ruhe kommen zu können, erläutert der Experte.

Von Medien überrumpelt

Was in Hanau erstmal nicht einfach war. Medien aus dem ganzen Land bzw. Ausland kamen unmittelbar nach dem Anschlag in die Stadt. Fernseh- und Radioteams waren an den Tatorten unterwegs, wo Menschen Blumen niederlegten, trauerten – und sie dann "mit Fragen überrumpelt wurden", so Lutz. Was in der Situation ein weiteres Ohnmachtsgefühl auslöste. "Menschen haben in dieser traumatischen Situation keine Kontrolle über sich und nicht die Möglichkeit, sich ruhig und gefasst zu äußern."

Auch die anschließenden Politikerbesuche waren aus seiner Erfahrung mehr für die Außenwirkung gedacht, als für die Angehörigen. "Es ist ihnen nicht gelungen, den Kontakt zu den Betroffenen herzustellen, vielleicht einen auf die Bühne zu holen, mit ihnen zu sprechen. Das hätten sich einige gewünscht." Wenig hilfreich und sensibel, sagt er mit Blick auf die kurdische Community, waren die Kondolenzgrüße der Bundeskanzlerin an den türkischen Präsidenten. "Der kurdische Zusammenhang kam nicht zur Sprache, das war für viele, die dort vor Verfolgung und Vernichtung geflohen sind, ein weiterer Schlag ins Gesicht."

"Die Menschen werden nicht anonym behandelt"

Sinnvoller und intensiver waren dagegen Initiativen und Trauerkundgebungen, wo die Menschen selber mitwirken konnten und es danach zu längeren Gesprächen kam. Noch am Donnerstag gab es einen Marsch zu den Tatorten, dabei wurden die Namen der Toten über einen Lautsprecher genannt. Bei einem der Hochhäuser in Kesselstadt, wo der Täter im Erdgeschoss den Kiosk und die Bar stürmte, standen die Menschen auf den Balkonen und riefen ebenfalls die Namen. Später kamen sie herunter. Es wurde geredet, geweint, diskutiert, Menschen sind sich in den Armen gelegen. "Das war für sie wichtig und ein Zeichen, dass sie nicht alleine gelassen werden."

Dass heute in der Stadt an vielen Orten die Namen der Ermordeten zu sehen sind, ist im Sinne der Verarbeitung. "Die Menschen werden nicht anonym behandelt, sondern klar benannt. Es ist für sie ein wichtiges Zeichen, dass sie eine Rolle spielen und nicht vergessen werden."

Generell beschreibt er die Stimmung in der Stadt als zwiegspalten. Es gäbe bei allen Solidaritätsbekundungen auch Menschen, die sich ärgern, weil sie wegen der Trauerkundgebung nicht in der Innenstadt einkaufen gehen können, berichtet er. Bei den Betroffenen ortet er Misstrauen gegenüber den Behörden, da viele Fragen und Gerüchte kursieren, wonach manche einen zweiten Täter gesehen haben wollen. Laut Lutz erinnern sich viele an die rassistischen NSU-Morde, wo zunächst von einer Person die Rede war bzw. zuvor sogar in die Milieus hinein ermittelt und Opfer kriminalisiert wurden.

Obwohl er durch die Ereignisse bei den verschiedenen Communities, egal ob Kurden, Türken, Russen, Syrer oder Afghanen, hinweg eine "kollektive Traumatisierung" beobachtet, entwickelt sich dort auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl. "Bei manchen sind keine Betroffenen oder Angehörigen dabei, sie fühlen sich trotzdem verwundet und rücken zusammen."

Info: Thomas Lutz ist Traumapädagoge und Diplom­sozialarbeiter. Er hat 19 Jahre lang an einer Beratungsstelle für Opfer von Straftaten gearbeitet. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Welle gGmbH, die mit verschiedenen Initiativen wie "Solidarität statt Spaltung" oder "Kein Mensch ist illegal" zusammenarbeitet.