© Galerie Crone/Matthias Bildstein

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09/20/2020

Ein Herbst der Hybride in Wiens Kunstwelt

Corona zwingt zu Kompromissen. Dass die Kunst diese auch inhaltlich fruchtbar machen kann, zeigen Wiens Galerien in diesen Tagen

von Michael Huber

Zu gewissen Zeiten scharen sich Assoziationen um einen vormals exotischen Begriff – wohl, weil er für gewisse Aspekte der Realität ein besonders passendes Gefäß abgibt.

Das Wort „Hybrid“ – es bezeichnet die Mischform zweier unterschiedlicher Komponenten – ist nicht nur dank der Autobranche in den Sprachgebrauch eingedrungen. So stellten 24 Wiener Galerien das Festival „Curated By“ heuer unter das Motto „Hybrids“: In temporären Ausstellungen zeigen sie Mischformen im Werk zeitgenössischer Künstler.

Der Markt wird hybrid

Und prompt taucht der Begriff auch anderswo auf: Der Wiener Kunsthandel „Lilly’s Art“ etwa – bekannt für sein ungewöhnliches Misch-Programm aus antiken Uhren und zeitgenössischer Kunst seit 1960 – kündigte vergangene Woche eine „Hybrid-Vernissage“ an – was primär bedeutete, dass die aktuelle Ausstellung auch in einem virtuellen 3-D-Rundgang zu betrachten ist.

Derlei „Hybride“ aus analoger und digitaler Kunstwelt haben zuletzt Auftrieb erhalten, denn die Reisefreiheit des Publikums ist eingeschränkt. Die Kunstmesse „Viennacontemporary“, die trotz aller Widrigkeiten am Donnerstag (24. 9.) eröffnen möchte, bietet ganz selbstverständlich auch eine Digital-Version an. Schon vorab ging ein Webshop mit Arbeiten im niedrigeren Preissegment (300 – 10.000€) online, Zielpublikum sind Einsteiger im Feld des Kunstsammelns.

Die Kunst denkt weiter

Doch abseits solcher praktisch motivierter Mischformen spielt die Kunst im Wiener Galerienherbst auch ihre Stärke aus, distanzierte Standpunkte zu ermöglichen und Erscheinungen über Zeitgrenzen hinweg zusammenzudenken. So erinnert etwa eine „Curated By“-Schau in der Galerie Steinek daran, dass Mischwesen immer wieder mythologisch aufgeladen wurden: Ovids „Metamorphosen“ berichten vom Jäger Aktaion, der die Göttin Diana nackt erblickte und zur Strafe in einen Hirsch verwandelt wurde, oder von Daphne, die sich dem Begehren des Gottes Apollon entzog, indem sie sich in einen Lorbeerbaum verwandelte. In der Schau findet sich der hirschköpfige Aktaion nun in einem häuslichen Umfeld wieder (in einem Werk von Jana Sterbak), und Daphne wird zur politischen Symbolfigur umgedeutet (Ian Hamilton Finlay, s. unten).

Macht und Flucht

„Hybridität bei Frauen ist entweder eine Form von Flucht oder von Kontrolle (...) Tiere sind Mischwesen, weil wir etwas in sie hineinprojizieren, sei es eine Art Freiheit (bei geflügelten Wesen) oder Unterwürfigkeit (etwa bei Maultieren)“, schreibt die Theoretikerin Orit Gat in einem Impulstext zu „Curated By“. „Doch was, wenn man das Menschsein außerhalb des Binären denkt? Dann könnte Hybridität gar eine Art Befreiung sein!“

Jakob Lena Knebl nahm den Faden auf, indem sie einen Teil der Galerie Crone kurzerhand als Filiale der Baumarktkette Hornbach gestaltete (s. oben) und Modepuppen, einem Video kopulierender Roboter sowie mit Gemälden von Robert Zeppel-Sperl und Ashley Hans Scheirl dazu platzierte. Im Clash der Symbole – Baumärkte sind oft männliche Reservate, brechen dieses Klischee aber zunehmend auch auf – generiert Knebl auf witzige Art eine „Verschiebung in normierten Systemen“, wie sie sagt.

Strenge K(l)ammer

Ein Meister des Hybriden ist auch der Künstler TOMAK, der bis 30.9. in der Galerie UnttldContemporary – wiewohl nicht als Teil des „Curated By“-Programms – neue Arbeiten zeigt. Häufig kommen bei TOMAK Maschinen, medizinische Geräte oder anatomische Ansichten als Motive vor, die der Künstler handwerklich perfekt auf Leinwände überträgt – und dann mit groben Strichen, Kritzeleien und „niederen“ Bildmotiven bis hin zu Klosprüchen konterkariert.

In TOMAKs neuen, sehr reduziert und fokussiert gehaltenen Bildern dienten Menschenbilder aus kolonialistischer Zeit als Ausgangsmaterial. Sie erscheinen auf der Leinwand nochmals reduziert auf Verdauungstrakte oder Sitzmöbel sowie auf krude blaue Formen, die wiederum auf Yves Klein (1928 – 1962) verweisen, der nackte Frauen als menschliche Pinsel „nutzte“.

Im Rückgriff auf Codes der Vergangenheit gelingt es dem Künstler aber, repressive Darstellungsweisen zu enttarnen und eine distanzierte Perspektive für den Blick auf heutige Bildwelten zu schaffen – auch hier ist das Hybride eine Art Befreiungsschlag.

Fortgeführt wird dieser noch auf der Messe „Parallel Vienna“, wo ab Dienstag nicht weniger als 150 Kunstpräsentationen versammelt sind: TOMAK zeigt hier Gemeinschaftsarbeiten, die mit Sophia Süssmilch entstanden. Ihre hyper-femininen Bildformen scheinen so gar nicht zu TOMAK zu passen – und tun es doch: Derart ist das Wesen eines Hybrids.

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