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Kultur
03/07/2020

Jakob Lena Knebl und ihre Wagnisse in Wohnlandschaften

Österreichs Biennale-Vertreterin zeigt ihre Arbeit derzeit in Linz und in Wien

„Den Bezug zum Alltag finde ich immer wichtig“, sagt Jakob Lena Knebl. „Im Museum wird Kunst ja unbenutzbar. Wenn ich eine Küche zum Ausstellungsdisplay mache, ist das auch eine Anregung, die Kunst zu benutzen mit ihr zu handeln.“

Dementsprechend sind „Ausstellungen“ Knebls, wie sie derzeit das Linzer Lentos, und die Wiener Galerie Georg Kargl zeigt, keine nobel abgezirkelten Präsentationen: Hier konkurrieren Bilder mit knalligen Wandtapeten, Vitrinen und Podeste mit Resopal-Kredenzen und froschgrünen Waschtischen, Skulpturen mit Pappaufstellern und Gliederpuppen.

Es sind sinnliche Räume, in denen flauschige Wandobjekte oder Werbefotos für Hawaii-Toasts auch andere Sinne als das Auge ansprechen. „Das schönste Kompliment ist, wenn mir jemand sagt: Da möchte ich einziehen“, sagt Knebl, die mit der Schau buchstäblich einen Vorgeschmack gibt: 2021 wird sie mit ihrer Partnerin Ashley Hans Scheirl den Österreich-Beitrag zur Venedig-Biennale 2021 gestalten.

Wien-Linz-Venedig

Dabei lässt sich eine Linie von Venedig nach Linz und von dort weiter ins Wiener mumok ziehen – nicht nur, weil Lentos-Chefin Hemma Schmutz in der Venedig-Auswahljury saß und mumok-Chefin Karola Kraus zur Kuratorin für den Pavillon-Beitrag bestellt wurde.

Kraus ermöglichte Knebl 2017 auch ihre erste Museumsschau, in der die Künstlerin Bestände der mumok Sammlung erfrischend-respektlos neu arrangierte.

Ein ähnliches Konzept realisierte Knebl nun im Lentos. In einem Saal sind museale Werke in eine knallbunte Wohnlandschaft im Stil der 1970er Jahre eingefügt; in einem zweiten, dunklen Raum konterkarierte Knebl Gottfried Helnweins Porträt des Rockers Marilyn Manson mit Modellen jener Reiterfiguren, die Hitler einst für die Linzer Nibelungenbrücke in Auftrag gegeben hatte.

Hoch und Tief

Was ist Popkultur, was ist Elitenkultur? Was ist museumswürdig, was verpönt, was ist wertvoll, was billiger Kitsch? Fragen wie diese treiben die 1970 in Baden geborene Künstlerin um, und sie reibt sie ihrem Publikum oft in schriller Form unter die Nase. Für fotografische Inszenierungen machte Knebl ihren eigenen Körper zur Leinwand und bemalte ihn mit Motiven von Mondrian oder Picasso. Ein andermal stilisierte sie sich wieder selbst zum Sofa oder mischte sich, in einen knallengen Overall gehüllt, in einen Zopf aus Luftballon-Würsten. In roter enger Hülle erschienen Knebl und Scheirl 2019 übergroß am Wiener Rathausturm.

Dabei ist es Knebl wichtig zu betonen, dass sie nicht auf Provokation aus sei. „Ich möchte eher einladen und Grenzen so verschieben, dass die Leute dabei mitkommen“, sagt sie. Sehr oft gelingt ihr das mit Humor, „da stolpert man in etwas hinein und kann sich gar nicht wehren.“

Irritation für alle

Auch wenn Jakob Lena Knebl ständig an den Kategorien der Identität und des Geschlechts schraubt – ihr Künstlername setzt sich aus den beiden Vornamen und dem Nachnamen ihrer Großeltern zusammen – vermeidet die Künstlerin Begriffe wie „queer“ (für „von der Norm abweichend“) eher, wenn sie ihre Arbeit vermitteln soll.„Bei manchen Leuten kann das eine Barriere aufbauen“, sagt sie. „Ich versuche eher klarzumachen, dass eine liberale Gesellschaft allen etwas bringt. Homosexuellenrechte bedeuten ja etwas, wenn man bedenkt, dass es früher auch nicht einfach war, wenn sich heterosexuelle Paare scheiden lassen wollten oder uneheliche Kinder hatten. Für mich ist das alles ein und dasselbe Feld.“

Auch für Venedig soll eine Rauminstallation entstehen, die lustvoll Normen auf den Kopf stellt – der Arbeitstitel „The Soft Machine and its Angry Body Parts“ nimmt Anleihen beim Beat-Poeten William S. Burroughs, der den Körper eine „weiche Maschine“ nannte. So wie Burroughs Texte zerschnipselte und zusammenfügte, zerlegt auch das Duo Knebl/Scheirl Elemente in Skulptur, Malerei, Mode und Design.

Dass es damit auch irritiert, ist Knebl nicht unrecht. „Die Frage ist ja, wie wollen wir leben, was gestehen wir den anderen zu, was halten wir aus?“ sagt sie. „Dabei ist es spannend zu fragen, wo ich selbst mit meinem Leben hinwill: Will ich so bleiben, oder will ich vielleicht in manchen Dingen mutiger werden?“

Anstöße zu solchen Fragen, sagt Knebl, kamen dabei gar nicht so sehr aus der Kunstwelt, wo sie erst relativ spät heimisch wurde. „Davor war ich Altenpflegerin. Und ich fand es spannend zu hören, wie Menschen auf ihr Leben zurückblicken“, erzählt Sie. „Denn die Menschen bereuen ja nicht das, was schiefgegangen ist. Sondern das, was sie nicht gewagt haben.“