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ngen
05/08/2021

Männerberatung: "Man weiß nie, wozu man fähig ist"

Andreas schlug seine Frau, jetzt absolviert er ein Anti-Gewalt-Training.

von Raffaela Lindorfer

Erleichterung. Als Andreas (Name von der Redaktion geändert) seiner Frau mit der Faust ins Gesicht schlug, da fühlte er sich erleichtert. „Weil dann Ruhe war“, sagt er. Sie hatten einen Streit, beschimpften einander wüst. Sie gab ihm eine Watsche, er schlug sie zu Boden.

Andreas flüchtete zu einem Freund, der ihm Zuspruch gab. „Das kann doch passieren“, meinte der. „Die soll sich nicht so anstellen.“ Das sei genau das Falsche gewesen, sagt Andreas, als der KURIER ihn in der Männerberatung in Wien trifft. Die Gewaltspirale drehte sich weiter.

Erst Jahre später, vor der Scheidung und als Andreas ihr drohte, sie umzubringen, zeigte seine Frau ihn wegen des Faustschlags an. Andreas – jung, eloquent, mit überdurchschnittlichem Einkommen – bekam nur eine bedingte Strafe. Es brauchte eine weitere Verurteilung, wieder wegen einer Morddrohung, bis ihm ein Gericht ein Anti-Gewalt-Training verordnete.

Der 30-Jährige wünschte, man hätte ihn schon früher hierher geschickt. Bei der Männerberatung gelten keine Ausreden, niemand zwinkert auch nur freundlich, wenn es um die Tat geht, sagt Psychotherapeut Alexander Haydn.

„Wir führen dem Täter schonungslos und sehr detailliert vor Augen, was er angerichtet hat. In einer Gruppe hat er Gelegenheit, vor anderen über sein Empfinden zu sprechen. Viele Männer kennen das nicht, sie haben sich selbst überhaupt noch nie hinterfragt.“ Die Runden, an denen pro Jahr rund 100 Männer teilnehmen, seien keine „Therapien“, betont Haydn, sie seien „Trainings zur Verhaltensänderung“.

Gewalt kam nicht von heute auf morgen

Für die Teilnehmer bedeutet das kontinuierliche Arbeit an sich selbst. Am Anfang saß Andreas noch mit verschränkten Armen in der Gruppe und zählte die Minuten. Nach einer ersten Bestandsaufnahme sagte ein Diagnostiker zu ihm: „Wenn du glaubst, du hast kein Problem, du bist hier falsch, dann geh’ – da ist die Tür.“ Andreas ging nicht, er öffnete sich.

Was er seither über sich gelernt hat, notiert er in einem schwarzen Büchlein. Die Gewalt sei nicht „von heute auf morgen gekommen“, weiß er. Es begann, wie bei vielen, in der Kindheit. Im Freundeskreis werde man als „starker Mann“ respektiert. „Wenn der Druck zu groß wird, nutzt man seine körperliche Überlegenheit. Auch, weil man merkt, dass man jeden Kampf gewinnen kann und es bisher kaum Konsequenzen gab.“

"Point of no return"

Andreas behauptet nicht, jetzt ein neuer Mensch zu sein. Aber er kennt die Mechanismen, hat sich Strategien zurechtgelegt, und er erkennt die Frühwarnsignale. „Ich werde laut, mir wird heiß, ich schwitze ein wenig. Wenn ich mir dann auf die Unterlippe beiße, weiß ich: das ist der ‚point of no return‘. Ab da kann alles passieren. Man weiß nie, wozu man fähig ist.“ Die Kunst sei, gar nicht dorthin zu kommen.

Andreas erzählt seine Geschichte dem KURIER, weil andere Männer sie lesen und wissen sollen, dass es Hilfe gibt – Männer, die diesen „Punkt ohne Wiederkehr“ auch kennen (Infos unten). Elf Frauen wurden heuer bereits ermordet.

In dem Moment, als seine Frau vor ihm am Boden lag, war die Erleichterung nur kurzfristiger Effekt, sagt Andreas. Es folgten Verwirrung, Flucht, Verdrängung. Erst, seit er in der Lage ist, sich in die Frau, die er da verletzt hat, hineinzuversetzen, redet er sich nicht mehr heraus. Er weiß jetzt, dass er ein Täter ist.

11.652 Betretungs-  und Annäherungsverbote wurden im Jahr 2020 verhängt.

2.994 Frauen wurden im Jahr 2020 in 26 Frauenhäusern betreut.

31 Frauenmorde wurden im Jahr 2020 verübt, im Jahr davor waren es 39 und 2018 sogar 41. Heuer gab es bereits elf.

20 % aller Frauen erleben ab dem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt (Erhebung 2014)

Frauenhelpline gegen Gewalt:
Unter  0800 222 555 finden Betroffene und ihr Umfeld an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr, anonym, kostenlos und mehrsprachig Hilfe und Unterstützung. Infos unter: frauenhelpline.at

Krisen-Telefon für Männer:
Unter 0720 70 44 00, täglich aber nur zwei Stunden erreichbar. Infos unter: maennerinfo.at

„Gewalt von Männern gegen Frauen gibt es in allen sozialen Schichten, Nationen, Familienverhältnissen und Berufsgruppen. Morden an Frauen werden auch als Femizide bezeichnet. Der Begriff soll ausdrücken, dass hinter diesen Morden oft keine individuellen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Probleme wie etwa die Abwertung von Frauen und patriarchale Rollenbilder stehen.

Hilfe für Gewalt-Betroffene gibt es hier:

Frauenhelpline (Mo – So, 0 – 24 Uhr, kostenlos), 0800 / 222 555

Männernotruf: (Mo – So, 0 – 24 Uhr, kostenlos), 0800 / 246 247

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