Showdown in der Ärztekammer: Kommt es zu Neuwahlen?
Es ist ein Schicksalstag für Johannes Steinhart, Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer: Bei der Vollversammlung der Wiener Standesvertretung am 9. Juni will die Fraktion rund um Ex-Präsident Thomas Szekeres, unterstützt von mehreren kleineren Fraktionen, mit einem Antrag auf vorgezogene Neuwahlen die Amtszeit des Präsidenten vorzeitig beenden.
Abseits vom Team Szekeres haben Funktionäre zusätzlich einen Misstrauensantrag eingebracht. Findet er die nötige Zweidrittelmehrheit, würde Steinhart (der zur ÖVP-nahen „Vereinigung“ gehört) die Führung in beiden Kammern sogar umgehend verlieren.
Die Hintergründe des eskalierenden Konflikts.
Wie kam es zu dem Machtkampf in der Wiener Ärztekammer?
Unmittelbarer Anlass für den Neuwahlantrag war die Freistellung der bisherigen Kammeramtsdirektorin bei vollen Bezügen, ohne dass dieser Schritt ausreichend begründet wurde, wie die Steinhart-Kritiker monierten. Wobei die Absetzung nur der letzte Tropfen gewesen sei, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.
Tatsächlich begannen die Probleme bereits vor drei Jahren, als die Aufklärung massiver Ungereimtheiten in der kammereigenen Handelsfirma Equip4Ordi zu schweren inneren Grabenkämpfen führte. Schon damals stand Steinhart unter Beschuss und kurz vor der Abwahl. Nur ein Bündnis mit seinem langjährigen Rivalen, den SPÖ-nahen Szekeres, sicherte ihm das politische Überleben.
Ruhe sei aber auch danach nicht eingekehrt, so die Steinhart-Kritiker. Unter den Mitgliedern herrsche große Unzufriedenheit: Trotz hoher Beiträge sei das Service der Kammer mangelhaft, obendrein habe sie in den vergangenen Jahren, geschwächt durch die inneren Konflikte, massiv an politischem Einfluss verloren.
Johannes Steinhart ist seit 2022 Präsident beider Kammern.
Wie wahrscheinlich ist ein Sturz Steinharts?
Das ist schwer vorhersehbar, die Kräfteverhältnisse in der Vollversammlung (dem Kammerparlament) sind sehr unübersichtlich. Bei der Wahl 2022 schafften 14 Fraktionen den Einzug, seitdem gab es diverse Abspaltungen und Umgruppierungen.
Das Kalkül der Kammer-Rebellen: Schon 2023 hatte der Misstrauensantrag gegen Steinhart die Zweidrittelmehrheit nur knapp verfehlt. Damals stimmte das Team Szekeres aber noch für den Präsidenten. Zwar hat Szekeres selbst zuletzt betont, den jetzigen Antrag nicht zu unterstützen, ob alle seiner Mandatare dieser Linie folgen, ist aber alles andere als sicher.
Thomas Szekeres war Steinharts Vorgänger als Präsident.
Was bezweckt man mit dem Neuwahlantrag?
Je früher ein Neustart, desto besser, heißt es bei den Initiatoren. Geht der Antrag durch, würden die Wahlen im Oktober oder November statt regulär im März stattfinden. Eine Rolle dürften auch taktische Überlegungen spielen. Eine Vorverlegung würde den Wahlkampf verkürzen, was den kleineren Parteien gegenüber der finanziell gut ausgestatteten „Vereinigung“ einen Vorteil verschaffen würde.
Wie könnte es nach einer Abwahl Steinharts weitergehen?
Geht der Misstrauensantrag durch, dürfte bis zur Wahl ein Übergangspräsident bestimmt werden. Wie es nach der Wahl weitergeht, ist offen. Spekuliert wird in Kammerkreisen, dass Szekeres oder aber der AKH-Betriebsrat Johannes Kastner Präsident werden könnten. Beide bestreiten derzeit entsprechende Ambitionen.
Entscheidend ist aber ohnehin, was sich in den Strukturen der Kammer ändert, die von vielen Mitgliedern als völlig überkommen betrachtet werden. Es geht um Punkte wie mehr Transparenz und eine drastische Reduktion der in den vergangenen Jahren völlig überbordenden Zahl an Referaten, wobei viele Posten allein als Gegenleistung für politische Gefolgschaft geschaffen wurden.
Weiters auf der Agenda steht die Schaffung einer effizienteren Kammerverwaltung, eines politisch neutral agierenden Kammeramts sowie ein geschlossenes Auftreten nach außen. Was davon nach der Wahl umsetzbar ist, ist offen, sind doch einmal mehr komplizierte Koalitionsverhandlungen zu erwarten.
Was sind die Auswirkungen auf die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK)?
Mit dem Verlust seiner Präsidentschaft in der Wiener Kammer könnte Steinhart nicht mehr Präsident der ÖÄK sein. Wie in einem solchen Fall der Nachfolger zu bestimmen wäre, darüber konnte man bei der ÖÄK auf Anfrage keine Auskunft erteilen. Denkbar ist eine Neuwahl bei der nächsten Vollversammlung.
Mit den jüngsten Machtkämpfen in der Wiener Ärztekammer steuert die jahrelange Rivalität von Präsident Johannes Steinhart und seinem Vorgänger Thomas Szekeres einem neuen Höhepunkt zu.
Sie begann bereits nach der Kammerwahl 2012. Damals hätte der Urologe Steinhart, Kandidat der stimmenstärksten ÖVP-nahen „Vereinigung“, Nachfolger seines Parteikollegen Walter Dorner als Präsident werden sollen. Völlig überraschend gelang es aber dem SP-nahen Szekeres, Labormediziner im AKH, eine bunte Koalition aus mehreren Parteien gegen den Wahlsieger zu zimmern. Die Dominanz der „Vereinigung“ in Wien war erstmals gebrochen.
In der Kurie der niedergelassenen Ärzte blieben Steinhart und seine Mitstreiter weiterhin tonangebend. De facto gab es in den folgenden Jahren zwei Ärztekammern in Wien, schildern Funktionäre.
Bei der Wahl 2017 konnten sich Szekeres und sein Bündnis behaupten. Steinhart blieb einmal mehr nur der Posten des zweiten Mannes in der Kammer, während Szekeres auch zum Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer gewählt wurde.
In seiner Amtszeit setzte er sich für einen rigorosen Kurs bei der Pandemiebekämpfung ein und wurde so Zielscheibe radikaler Maßnahmengegner.
Nach der Wahl 2022 drehte Steinhart den Spieß um und bildete seinerseits eine Mehrparteienkoalition, die ihn endlich an die Macht brachte. Diese zerbrach aber schon ein Jahr darauf, als massive Ungereimtheiten rund um die kammereigene Firma Equip4Ordi zutage traten.
Ausgerechnet Szekeres und seine Fraktion sprangen Steinhart zur Seite und verhinderten so seine Abwahl. Doch auch dieses Bündnis sollte nicht lange halten: Vor wenigen Wochen kündigte Szekeres an, einen Antrag auf vorverlegte Neuwahlen einzubringen.
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