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© APA/HELMUT FOHRINGER / HELMUT FOHRINGER

Pro und Contra
07/21/2021

Debatte gewinnt an Fahrt: Soll eine Impfpflicht eingeführt werden?

Die Delta-Variante macht Sorgen, die Impfbereitschaft sinkt. Muss geimpft werden müssen?

Von einer Impfpflicht speziell für Lehrer wollte Heinz Faßmann zuletzt nichts wissen. Man müsse das Thema "breiter diskutieren", sagte der Bildungsminister. Und auch wenn er damit eigentlich den Fokus von den Lehrern, für die die Rufe nach eine verpflichtenden Impfung zuletzt wieder lauter wurden, nehmen wollte, so ließ Faßmann doch damit aufhorchen.

Breiter diskutieren? Also gar eine Impfpflicht für alle, wie das im aktuellen KURIER vom Mittwoch etwa auch ein Gastronomie-Sprecher fordert? Klar ist: Mit steigenden Fallzahlen wird die Debatte um eine Impfpflicht an Brisanz gewinnen. 

Aber ist eine Pflicht zur Impfung überhaupt ein probates Mittel, um Herdenimmunität herzustellen? Und darf der Staat das überhaupt anordnen? 
Ein Pro und Contra von unseren Redakteurinnen Ingrid Teufl und Susanne Mauthner-Weber:

Pro 

Nein, ich bin kein Fan von Law and Order oder Blockwart-Mentalität. Denunziantentum ist mir zutiefst zuwider. Es geht auch nicht darum, Impfunwillige vorladen zu lassen oder an den Pranger zu stellen.

Heikel ist das Thema allemal, persönlich, juristisch und arbeitsrechtlich. Doch schon jetzt gibt es Pflichten, denen wir uns unterziehen (müssen): Schulbesuch, Anschnallen beim Autofahren oder Rauchverbote in der Gastronomie. Und in anderen Ländern gibt es bereits Pflichtimpfungen, um etwa Masernausbrüche zu verhindern. Deutschland führte 2020 eine Verpflichtung zur Masernimpfung zum Besuch eines Kindergartens ein. Auch in vielen US-Bundesstaaten gibt es verpflichtende Impfungen. Auf Corona bezogen, könnte eine Impfpflicht möglicherweise sogar weitere Lockdowns verhindern.

Weil eine große Zahl Ungeimpfter zu weiteren Wellen führen und das Gesundheitssystem erneut an seine Grenzen bringen könnte. Die Folgen betreffen dann aber wieder die Gesellschaft als Ganzes. Hier geht es nicht mehr um das Individuum allein, um seine Selbstbestimmung. Die Freiheit des einzelnen endet dort, wo andere gefährdet werden. Hier haben wir alle als Gesellschaft eine Verantwortung, jene zu schützen, die aus verschiedensten Gründen nicht geimpft werden können. Das wäre etwa in Gesundheitsberufen wünschenswert.

Aus der Wissenschaft weiß man außerdem, dass eine Impfpflicht besser angenommen wird, wenn damit eine Verhaltensveränderung angestoßen wird. Der Impfforscher Saad Omer beschrieb das in der Zeit so: Sich impfen zu lassen müsse einfacher sein, als sich nicht impfen zu lassen. Da könnte etwas dran sein. Mittlerweile haben sich in Österreich viele impfen lassen. Auch, weil das oftmalige Testen lästig geworden ist.

Ingrid Teufl ist Redakteurin im Ressort Lebensart

Contra

Damit kein Missverständnis aufkommt – ich bin contra, weil ich pro bin. Nicht pro Pflicht, sondern pro Impfung. Und das ist einem nüchternen Blick zurück geschuldet: Menschen haben sich durch Zwang noch nie überzeugen lassen. Schon in den 1930ern waren die USA und Kanada mit Propaganda viel erfolgreicher als Europa mit Gesetzen. Appelle, Aufklärung, Plakate, Werbefilme, Radiobeiträge informierten und brachten hohe Impfquoten.

Wer noch nicht überzeugt ist, dass die Impfpflicht eine stumpfes Schwert ist, sei auf Statistiken aus Deutschland verwiesen: Vergleicht man die Impfquoten der verpflichtenden Pockenimpfung (60 bis 80 Prozent) und der zeitgleich freiwilligen Polioimpfung (98 Prozent), erkennt man auch ohne Mathematik-Doktor-Titel, was effektiver ist. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum ich Sie mit deutschen Daten belästige: Österreich hatte es noch nie so wirklich mit der Pflicht. Sanfter Druck erreichte mehr – Schulplätze, Stipendien oder Militärlaufbahn gab es in der Monarchie nur im Austausch gegen den Piks. Erst im Zuge des „Anschlusses“ wurde das erste und einzige Mal auch in Österreich eine Pflichtimpfung eingeführt – die gegen Pocken.

Wobei man kein Psychologe sein muss, um zu wissen, dass Druck nur Gegendruck erzeugt. Also weg mit den Emotionen, her mit der normativen Kraft des Faktischen. Denn: Impfpflicht will nicht nur angeordnet, sondern auch kontrolliert und sanktioniert werden. Das ist ein Riesenaufwand. Und noch was: Wer sich absolut nicht impfen lassen will, den werden auch Sanktionen nicht umstimmen. So geschehen im Land, das ab 1953 mit 17 Pflichtimpfungen Impfzwang-Weltmeister war – in der DDR: Impfverweigerer bezahlten einfach die Strafen oder ließen sich bescheinigen, dass Vorerkrankungen das Impfen nicht zulassen. 

Susanne Mauthner-Weber ist Wissenschaftsredakteurin

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