Kurz und Thiel bei Münchener Sicherheitskonferenz 2017

© Sebastian Kurz / Twitter

Leitartikel
01/02/2022

Kurz und die "Unversöhnlichkeit"

Die Reaktionen auf den neuen Job des Ex-Kanzlers sprechen allen frommen (Neujahrs-)Worten vom Überwinden der Spaltung Hohn.

von Rudolf Mitlöhner

Einmal mehr sprach der Bundespräsident zu Neujahr die Polarisierung in der Gesellschaft an: von den „Gräben in unserer Gemeinschaft“ war da die Rede, von „Misstrauen“ und „Unversöhnlichkeit“ und dass es ein „Fehler“ sei, „andere, die nicht der eigenen Ansicht sind, herabzusetzen“. Vielmehr müssten wir „aufeinander zugehen“, „wieder mehr ins Gespräch kommen“. Es brauche „wieder einen neuen Grundkonsens über alle Grenzen hinweg – rasch und beherzt“, um „diesen Graben, der uns trennt, zu überwinden“.

Das letzte Zitat stammt allerdings nicht von Alexander Van der Bellen, sondern vom ÖVP-Europaparlamentarier Othmar Karas. Deutlich kürzer als das Staatsoberhaupt und via Twitter statt durchgeschaltet auf ORF 1 und 2 präsentierte Karas seine Neujahrsbotschaft, die in Stil und Tonlage wie eine inoffizielle Ankündigung seiner Kandidatur für die im Herbst anstehende Bundespräsidentschafts-Wahl anmutete.

So, und jetzt stellen wir neben diese und so viele andere salbungsvolle Worte die Reaktionen auf das Bekanntwerden des künftigen Jobs von Sebastian Kurz als „Global Strategist“ beim US-Investor Peter Thiel. Da ergießen sich kübelweise Spott, Häme und Hass im Netz und in manchen Medien. Da wird ein Big Player der Digitalisierung als Demokratiezerstörer (Achtung „Trump-Unterstützer“) dämonisiert, um Kurz gleichsam ultimativ moralisch diskreditieren zu können: der Ex-Kanzler, endlich zur Kenntlichkeit entstellt – so der Tenor in den diversen Foren.

Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt mit Sicherheit jede Menge Schattenseiten an Thiel, fragwürdige Positionen und Praktiken – wie bei jedem, der in dieser Liga spielt. Darüber kann und soll man natürlich diskutieren. Aber im Fall von Kurz gelten offenbar andere Maßstäbe: Hier geht es nicht um nüchterne Bewertung, differenzierte Betrachtung, sondern um fortgesetzte Abrechnung mit einem „System“. Wobei der Hang zur Skandalisierung beruflicher Aktivitäten ehemaliger Spitzenpolitiker an sich schon problematisch ist. Weil er neben vielem anderen dazu beiträgt, dass sich immer weniger Top-Leute für die Politik finden.

Bei Kurz stellt sich die Lage freilich noch einmal anders – als beispielsweise bei Alfred Gusenbauer oder Werner Faymann – dar: Was immer er gemacht oder nicht gemacht hätte, er hätte keine Gnade vor den Augen des juste milieu gefunden. Und wenn sich jemand, wie Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, erkühnt, Thiel und Kurz zu verteidigen, dann fällt die Twitteria auch über ihn her.

Denn, merke: Die Spalter, die Unversöhnlichen, die Gräben-Aufreißer sind immer die anderen. So viel moralische Selbstvergewisserung muss sein.

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