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Meinung
03/15/2020

Kein Panikorchester

Das Coronavirus stellt alles auf den Kopf. Dennoch ist eines besonders wichtig: kühlen Kopf zu behalten. Ob mit oder ohne Fieber.

von Gert Korentschnig

Also wenn das jemand vor ein paar Wochen prophezeit hätte, wäre er nicht in Quarantäne, sondern in die Psychiatrie geschickt worden.

Die meisten Geschäfte in Österreich sperren zu; ebenso Theater und Kinos; Restaurants dürfen nur bis 15 Uhr offen halten; an Schulen und Unis gibt es keinen Unterricht; Berufstätige mit Bürojobs sollen daheim bleiben und Homeoffice üben; Reisen ist bis auf Weiteres so gut wie unmöglich, Schwechat ein Geisterflughafen. Und wir müssen davon ausgehen, dass sogar noch mehr auf uns zukommt.

So etwas haben die Menschen in Österreich – die Kriegsgeneration ausgenommen – noch nie erlebt. Und wie bei allem Neuen, diesfalls natürlich ganz besonders, setzt zunächst einmal Unsicherheit ein. Das ist logisch und auch gut so. Was weniger gut ist: Panik. Die ist nicht weniger gefährlich als das Virus selbst.

Panische Hamsterkäufe – schlecht! Der Lebensmittelhandel wird gut versorgt, agiert professionell und wird (ebenso wie etwa Apotheken oder Trafiken) geöffnet bleiben. Kein Grund, das komplette Nudelsortiment oder Unmengen an Toilettenpapier aufzukaufen (warum zeigt sich Angst eigentlich in einem erhöhten Bedarf an Klopapier?).

Aggression auf den Straßen, Skepsis gegenüber jedem, der einem begegnet – extrem schlecht! Wenn es stimmt, dass sich Waffenbesitzer mit Munition eindeckten, bevor das Geschäft ihrer Wahl schließt, kann man sich nur wundern.

Fake News, die wieder einmal überall kursieren, zu glauben – eine Katastrophe!

Nun will freilich kein vernünftiger Mensch die aktuelle Situation herunterspielen oder die Gefährlichkeit ignorieren. Aber im Prinzip sind wir Teil eines großen mathematischen Projekts. Es geht darum, die Infektionsraten zu senken beziehungsweise Richtung null zu bringen. Dafür sollten Menschen möglichst daheim bleiben und vor allem Kontakt zu Älteren, der eigentlichen Risikogruppe, meiden. In ein paar Wochen können wir dann unsere Eltern oder Großeltern wieder abbusseln.

So gesehen macht die Regierung (nach einigem Zögern) mittlerweile das Richtige. Und auch das Hilfspaket ist dringend nötig. Corona darf weder die Gesamtwirtschaft, noch den Einzelnen nachhaltig schädigen.

Steigen wir also ein paar Wochen lang auf die Bremse, seien wir liebe und brave Bürger, gewöhnen wir uns wieder an Zeit mit der Familie, lesen wir Bücher und Zeitungen, helfen wir unseren Nachbarn, die gar nicht rauskönnen, durchleben wir diese Zeit der Anti-Globalisierung ganz bewusst. Passen wir aber gleichzeitig auf, dass wir langfristig in keine Provinzialisierung, in kein neues Biedermeier schlittern. Und dass wir die Freiheiten, auf die wir gerade in aller Welt verzichten, ganz rasch wieder zurückbekommen. Jetzt kommt die Pflicht. Aber dann kommen wieder unsere Rechte.