Meinung
04/07/2019

Jetzt bleibt beim Brexit-Chaos nur noch eines: Don’t go

Wenn Großbritannien die EU verlässt, demnächst oder irgendwann, sind alle Verlierer.

von Gert Korentschnig

Fünf Tage noch, dann tritt Großbritannien aus der EU aus. Dann ist Europa um vieles ärmer. Dann wird ein harter Brexit, den niemand wollte, Realität.

Möglicherweise – oder höchstwahrscheinlich – dauert es aber auch noch einige Wochen, bis die Rasselbande von der Insel, angeführt von den rebellischen Engländern, diesen Schritt setzt. Oder vom genervten Brüssel vor die Tür gesetzt wird: Wer sich andauernd danebenbenimmt, muss irgendwann die Konsequenzen tragen. Aller Voraussicht nach wird die Scheidung nicht am 12. April, sondern Ende Juni vollzogen. Oder in einem Jahr. Oder vielleicht nie.

Nie? Nicht die schlechteste Lösung.

Wir reden seit Monaten, nein, seit Jahren, vom Brexit, von dem längst alle die Nase voll haben. Umfragen zufolge wären sogar die Wähler in England inzwischen dagegen. Wozu also der Blödsinn? Nur weil ein paar wildgewordene Politiker vor knapp drei Jahren aufgehetzt und gelogen haben? Nur weil sich Ehepartner entfremdet haben und im Streit Kränkungen passiert sind? Jeder bessere Paartherapeut könnte so einen grundlosen Konflikt bereinigen.

Wenn Großbritannien die EU verlässt, demnächst oder irgendwann, sind alle Verlierer. Daher gibt es eine einzige sinnvolle Lösung: Don’t go! Versuchen wir es noch einmal miteinander. Leider nicht sehr realistisch, weil Streithansln die Schuld ja nie bei sich selber suchen.

WIR! SIND! DAGEGEN!

Es gibt ein Lied von Groucho Marx, in dem heißt es: „Whatever It Is I’m Against It!“ Das bringt die Situation im Londoner House of Commons auf den Punkt. Die Abgeordneten haben nicht die geringste Ahnung, wofür sie sind, aber sie sind dagegen (dass zuletzt die einzige positiv ausgegangene Abstimmung jene GEGEN einen harten Brexit war, beweist diese These). Mit dieser Anti-Haltung, die man auch aus der in London entstandenen Punk-Bewegung kennt, sind die Abgeordneten leider adäquate Repräsentanten.

Nicht nur auf der Insel, auch bei uns, positionieren sich mittlerweile die meisten nur GEGEN etwas. Wir sind: Gegen die Rechten, ohne wirklich Linke zu sein; gegen die Linken, ohne bei den Rechten anstreifen zu wollen; gegen die Mitte, weil dort nur die Warmduscher sitzen, die in sozialen Netzwerken keine Likes kriegen; gegen Politiker, ohne uns aber selbst zu engagieren; gegen unsere Nachbarn, obwohl uns ohne sie fad wäre; sogar gegen uns selbst, weil es die anderen besser haben. Auch unser Eintreten FÜR den Klimaschutz ist im Prinzip nur ein Eintreten GEGEN zu hohen CO₂-Ausstoß oder die herrschende Klasse.

Kein Wunder, dass uns ausgerechnet Großbritannien diese Entwicklung vor Augen hält. Die Isn’t-it?-Nation wurde erst nach dem Tod von Charles de Gaulle in der damaligen Europäischen Gemeinschaft akzeptiert, stellte zwei Jahre nach dem Beitritt gleich wieder die Sinnfrage, stimmte damals (1975) zwar mit 67 Prozent für den Verbleib, grenzte sich jedoch stets von Kontinentaleuropa ab.

Der Brexit zeigt aber auch die Grenzen des freien Mandats: Im englischen Parlament sind Mandatare nicht ihrer Partei, sondern ihrem Wahlkreis verpflichtet. Da soll sich noch einer über Föderalismus bei uns empören.

Eine Gruppe übrigens, die mittlerweile für die EU wäre, sind die schottischen Fischer. Sie hatten mehrheitlich für den Brexit gestimmt, weil sie gehofft hatten, dass ihre Gewässer nicht von anderen EU-Booten leergefischt würden. Mittlerweile haben sie verstanden: Es gäbe künftig zwar keine Konkurrenz mehr, sie könnten ihren frischen Fisch aber nicht mehr zeitgerecht zu Toprestaurants auf dem Kontinent bringen. Hätte man früher draufkommen können.

Was wir an den Briten vermissen würden, ist klar: alles. Europa ist dann wirtschaftlich, sprachlich, musikalisch, literarisch, humoristisch so viel ärmer. Wo bleibt der junge John Cleese, der um die Ecke springt und sagt: Alles nur ein Scherz? And now for something completely different.

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