© REUTERS/POOL

Leitartikel
12/21/2021

Es ist nicht die Stunde der Populisten - aber die kommt wieder

Der einst unverwundbare Boris Johnson wankt. In der Krise suchen Bürger keine Populisten – aber danach umso mehr

von Konrad Kramar

Im gar nicht so guten alten Wien gab es den tiefsinnigen Spruch: „Es san scho Hausherren g’storben“ Soll heißen, auch jene, die Glück, Reichtum oder Macht gepachtet zu haben schienen, kommen eines Tages zu Fall.

Ein solches Hausherren-Schicksal blüht derzeit dem britischen Premier Boris Johnson. Der Spaßvogel und Lebemann konnte über Jahre auf seine Beliebtheit setzen, der scheinbar nichts und niemand etwas anhaben konnte. Egal, ob Korruptionsaffären, alkoholische Ausrutscher oder falsche Versprechen rund um den von Johnson rein aus persönlicher Eitelkeit betriebenen Brexit: Die Engländer liebten ihren Boris – bis die Pandemie kam. Seither funktioniert das „Rezept Boris“ – gegen jedes auch selbst angezettelte politische Chaos helfen Übermut, Optimismus und gute Laune – nicht mehr. Die Bürger wollten einen verlässlichen Steuermann, der sie durch die Krise bringen sollte, mit klaren Positionen und einem ebenso klaren Ziel: Also genau das, was ein Populist wie Boris Johnson nicht zu bieten hatte.

Angst

Eine tiefe Krise wie diese Pandemie ist keine gute Zeit für Populisten, egal aus welcher politischen Himmelsrichtung sie daherkommen. Die Menschen haben Angst, um ihre physische, aber auch materielle Existenz, um ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Sie erwarten, dass ihnen die Politik diese Angst abnimmt. Und da diese Angst ganz konkrete Motive hat, muss die Politik ebenso konkrete Maßnahmen dagegen setzen. Dass die Maßnahmen – ähnlich wie ein Medikament oder eine Impfung – auch Schmerzen und Nebenwirkungen verursachen können, sind die Bürger durchaus bereit zu akzeptieren. Populisten, die Bürgern nach dem Mund reden, ihnen falsche Versprechen machen, Schuldige anderswo suchen, die man für all die Probleme verantwortlich machen kann, werden da bald entlarvt.

Diffuse Ängstlichkeit

Ganz anders, wenn es sich nicht um konkrete Ängste, sondern um diffuse Ängstlichkeit, alltägliche Frustration handelt, die unsere in die Jahre gekommene Wohlstandsgesellschaft prägt. Derartige Stimmungen haben ohnehin oft kein konkretes Motiv, also kann man ihnen nach Belieben eines geben, einen Schuldigen suchen: Ob das nun die Ausländer sind, die ach so bösen Politiker, die ach so faulen Arbeitslosen etc. Das übliche Spiel der Populisten also, das so oft gespielt worden ist, dass es keine weitere Erklärung braucht. Die westliche Welt wird in absehbarer Zeit diese Pandemie einigermaßen im Griff haben, man wird mit ihr zu leben gelernt haben. Wenn also die große Angst vorbei ist, werden die Menschen wohl wieder entdecken, was ihnen alles an dem, was sie während der Pandemie so auf sich genommen haben, auf die Nerven geht, und wer denn dafür verantwortlich gemacht werden könnte. Die Stunde der Populisten kommt verlässlich wieder.

kramar.jpg

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.