© David Bohmann

Mehr Platz
12/07/2021

Wie Mario Dujaković zur Stimme der Migranten in der Pandemie wurde

Der Pressesprecher des Wiener Gesundheitsstadtrats im Interview über Teilhabe und seine Identität als Oberösterreicher.

von Philipp Wilhelmer

Mario Dujaković ist eine der Stimmen der Pandemie: Er ist einer der drei Pressesprecher vom Wiener SPÖ-Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, hat in der COVID-Zeit jedoch eine wichtige Doppelrolle gefunden, die ihn auf den zweiten Teil seiner Identität zurückführt: Der Oberösterreicher Dujaković war Flüchtlingskind aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mit diesem Background erreicht er über Social Media Bevölkerungsgruppen, die für Politik und Medien sonst schwerer adressierbar sind. Ein Sprecher in die Community sozusagen. Mit "Mehr Platz" sprach Dujakovic über Teilhabe in der Öffentlichkeit und wie er in der Corona-Zeit unerwartet seinen inneren Migranten fand.

KURIER: Ist es aus Ihrer Sicht schwer, als Migrant in der politischen Öffentlichkeitsarbeit Akzeptanz zu finden?

Mario Dujaković: Ehrlich gesagt hatte ich mich bis vor Kurzem in dieser Rolle nicht als Migrant verstanden, sondern primär als Oberösterreicher, auch wenn ich erst 1991 nach Österreich gekommen bin. Das hat sich interessanterweise durch die Pandemie gewandelt: Viele Personen aus Ex-Jugoslawien haben die von uns kommunizierten Informationen wahrgenommen und eh richtig verstanden, wollten sich aber z.B. direkt per Mail bei einem „Landsmann“ noch einmal absichern. Tweets von mir werden in Familien-Whatsapp-Gruppen verschickt, weil die Information von „einem von uns“ kommt. Das war am Anfang ganz komisch, ich konnte mir nicht erklären, wo dieses Bedürfnis herkommt. Mittlerweile eines meiner wichtigsten Learnings in dieser Pandemie: Da geht es eben nicht darum, ob eine Botschaft medial rübergekommen ist. Da gibt es tatsächlich Leute, die sich auf den Inhalt meiner E-Mails so stark verlassen, dass sie ihren Urlaub danach planen oder den Schulalltag ihrer Kinder.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in punkto Teilhabe und Perspektive auf migrantische Themen in den österreichischen Medien verbessert?

Ich finde es sehr gut, dass es in österreichischen Medien – das gilt aber auch für Presseabteilungen und Agenturen genauso – mittlerweile ein Bewusstsein oder zumindest eine Art Bauchgefühl gibt, dass „etwas fehlt“. Bisher war es mehr Unverständnis und Beleidigt-Sein, wenn man auf strukturelle Mängel in dem Bereich hingewiesen hat. Da bewegt sich gerade viel, habe ich das Gefühl. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Enkelkinder der GastarbeiterInnen vermehrt auf den Zug des sozialen Aufstiegs aufspringen. Viele studieren mittlerweile und damit öffnen sich eben auch Türen. Das braucht seine Zeit und geht freilich über mehrere Generationen. Das spürt man an allen Ecken und Enden unserer Gesellschaft. Ob es tatsächlich gescheit ist, „migrantische“ RedakteurInnen für „migrantische“ Themen abzustellen, weiß ich nicht. Für mich fühlt sich das dann wieder so an, als wäre es etwas Separates wie eine eigene Musikrichtung anstatt das, was es im echten Leben immer schon war: Querschnittsmaterie.

Menschen aus vielen Ländern wandern aus unterschiedlichen Gründen nach Österreich ein. Gibt es aus Ihrer Sicht Gruppen, die sich in der Öffentlichkeit besser etabliert haben?

Das spricht jetzt der Pessimist aus mir: Nein. Man kann sich als Person mit fremdem Namen so hart anstrengen, wie man will, es wird maximal für 99 Prozent Etablierung reichen. Das verbleibende Prozent wird – gerade in politischen Debatten – zum Teil sehr schirch ausgeschlachtet. Darum hat die Antwort auf diese Frage immer eine gewisse Saisonalität. Hetze geht selten pauschal gegen alle MigrantInnen an und für sich, sondern immer nur gegen bestimmte Teilgruppen. Bei Türkis und Blau waren das TschetschenInnen und AfghanInnen. Früher waren es NigerianerInnen und AlbanerInnen. Davor TürkInnen und Menschen aus Ex-Jugoslawien. Das Traurige und gleichzeitig auch Verständliche dabei ist, dass die „nicht-saisonalen“ Gruppen einfach froh sind, wenn der jeweils aktuelle Kelch an ihnen vorübergeht. Dabei wäre das doch etwas, was wir allen Menschen hier zugestehen könnten: Dass sie in Ruhe arbeiten und leben können.

Gibt es spezielle Herausforderungen im Gesundheitsbereich, bestimmte Communities zu erreichen?

Selbstverständlich, ja. Die Sprachbarrieren bei all jenen, die erst kurz in Österreich sind, das liegt ohnehin auf der Hand. In Wien haben wir ein 27-sprachiges Beratungs- und Informationsangebot rund um Fragen zu COVID-19 geschaffen. Das klingt jetzt einmal pompös, ist es auch, aber selbst damit stehst du irgendwann an. MigrantInnen sind in Berufen mit harter körperlicher Arbeit und in atypischen Beschäftigungsverhältnissen deutlich überrepräsentiert. Wenn wir in unseren Bürojobs von Lockdowns, Homeoffice, Präventionskonzepten reden, wird dich ein türkischstämmiger Lkw-Fahrer zuerst einmal fragen, wovon du eigentlich redest - zurecht. Ein Foodora-Lieferant genauso. Für sie ist es nicht selbstverständlich, zum Impftermin freizubekommen. Sie haben nicht einmal die Chance auf einen Impftermin in der Arbeitszeit. Oder verlieren in der Zeit der Impftermine Geld, weil sie da nicht arbeiten können. Darum haben wir uns entschlossen, die Impfung so unbürokratisch wie möglich in so viele Lebensrealitäten wie es nur geht, zu bringen. Das ist weniger eine Frage des Komforts als eine Frage von Lebensrealitäten, die wir als Gesellschaft leider zu stark aus dem Blickfeld verloren haben. Was sicher auch nicht nützlich war, war zB die von der ÖVP losgetretene Diskussion letzten Sommer, als sie der zweiten COVID-Welle einen Migrationshintergrund andichten wollen. So etwas nährt die Skepsis gegenüber staatlichen Institutionen. Wieso sollte ich jenem Staat meine intimsten Anliegen anvertrauen wollen, der mich vor fünf Minuten noch für die zweite Welle verantwortlich gemacht hat?

Welche Gruppen sind in den kommenden Jahren für mediale Arbeit aus Ihrer Sicht relevant?

Die gesamte Gesellschaft in ihrer realen Zusammensetzung. Deshalb andersrum: Wann sind MigrantInnen so selbstverständlich Teil von Redaktionen, Führungsebenen, Berichterstattung und Presseabteilungen, dass wir dieses Rätselraten einfach komplett lassen können? Alleine sich die Frage stellen zu müssen, was denn für MigrantInnen interessant und wichtig sei, zeigt doch drastisch, wie unterrepräsentiert sie in all diesen medialen Komplexen sind. Als würde sich eine Runde 55-jähriger Boomer fragen, was die Anfang-20-Jährigen gerne auf Snapchat sehen würden. Diese Frage kann sich erst gar nicht stellen, wenn genug Anfang-20-Jährige in diesen Entscheidungsstrukturen mitentscheiden und mitdiskutieren. Das Rätselraten ist in Wahrheit extrem ineffizient.

Wo beginnt echte Teilhabe für Sie?

In Entscheidungsstrukturen. Natürlich finde ich es gut, wenn es z.B. mehr JournalistInnen mit Migrationshintergrund in den Redaktionen gibt. Mir gefällt es, dass es auch vermehrt „migrantische“ Stories gibt und spezifische Lebensrealitäten sichtbarer werden. Das Problem ist aber, wenn es dabei bleibt. Eine Story über das Leben eines ex-jugoslawischen Installateurs lese ich in der Zeitung interessiert, blättere um und weg ist sie. Dasselbe auch, wenn Zeitungen eigene Sparten für migrantische Stories anbieten. Da befürchte ich, dass es – schlecht umgesetzt – zu keiner neuen Bewusstseinsbildung führt. MigrantInnen kennen die Stories eh, sie leben sie jeden Tag. Alle anderen überblättern sie, weil sie sich nicht angesprochen fühlen. Zwischen den Gruppen ist real dadurch nichts passiert. Es ist ein bisschen wie ein Besuch im Tiergarten. So fühlen sich – schlecht gemachte – „migrantische“ Medienangebote auch an. Spannender fände ich, wenn auch migrantische RedakteurInnen über ganz „normale“ Innenpolitik- und Wirtschaftsthemen schreiben könnten und in den Themen ihre Perspektive einbringen, an denen niemand vorbei kann. Das wäre völlige Sichtbarkeit. Dazu bräuchte es sie aber auch in Chefredaktionen und Entscheidungsgremien. Das wäre echte Teilhabe, wenn man an MigrantInnen nicht mehr vorbeikäme, in dem man einfach an ihnen vorbeiblättert.

Wann ist das Bemühen um migrantische Gruppen nur ein Feigenblatt?

Das kommt eben darauf an, ob das Ergebnis dieser Bemühungen zu echter Einbindung führt, oder ob es beim metaphorischen Zoobesuch bleibt. Wenn es Medien und Kommunikationsabteilungen nicht gelingt, die Gesellschaft, wie sie da draußen auf der Straße eben ist, abzubilden, werden diese Bemühungen letztlich nicht mehr sein, als bloßes Marketing.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.