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Interview
08/24/2021

Ein Syrer in Österreich: "Hier wird wenig über Emotionen gesprochen"

Jad Turjman floh 2015 von Damaskus nach Österreich. Seine Fluchtgeschichte spiegelt sich auch in seinem neuesten Buch wieder.

von Naz Kücüktekin

Eine Liebesgeschichte im syrischen Bürgerkrieg und ein Bericht über Unterdrückung, Revolution und den Terror des IS – so beschreibt Jad Turjmann sein neues Buch „Der Geruch der Seele“.

Der Autor floh 2015 von Damaskus nach Österreich. Bei seiner Ankunft kannte er zwei deutsche Wörter. Heute schreibt er neben Büchern auch Kolumnen und tritt als Stand-up-Comedian auf. Oft verarbeitet er dabei seine eigene Fluchtgeschichte.

Wie lange schreibst du schon?

Ich habe circa mit 15 meine Leidenschaft für das Schreiben entdeckt. Das löste in meiner Umgebung aber keine Begeisterung aus. In der Schule bekam ich eine Bestrafung, meistens zwei Schläge mit dem Stock auf die Hände, wenn ich beim Schreiben erwischt wurde. Als mein Vater mal einen Text von mir fand – ein satirischer Text über den Diktator - war das auch ein No-Go. Er war durch meinen Onkel ziemlich traumatisiert. Dieser setzte sich für Menschenrechte ein und wurde verhaftet. Das ist 16 Jahre her. Seitdem wissen wir nicht, wo er ist. Danach habe ich nichts mehr geschrieben.

Wann hast du wieder begonnen?

In Österreich habe ich eine Traumatherapie angefangen. Mein Therapeut meinte, ich soll alles aufschreiben und mir so Strukturen verschaffen. Zuerst habe ich das nicht ernst genommen, weil ich dachte, es wird mir eh nicht helfen. Dann ging es mir richtig schlecht und ich habe es tatsächlich versucht.

Wie war es für dich auf Deutsch zu schreiben? Konntest du vorher schon Deutsch?

Ich kannte vorher nur die Wörter „Hitler“ und „scheiße“ (lacht). Es war daher schon eine spannende Erfahrung. Mir kam es vor, die zwei Sprachen, Deutsch und Arabisch, ergänzen sich. Ich glaube, jeder der zwei Sprachen beherrscht, kennt das. Ich habe aber bemerkt, dass ich auf Deutsch über belastende und traumatische Sachen besser schreiben kann. Auf Arabisch kann ich nicht über meine Flucht schreiben.

Ist arabisch emotionaler für dich?

Die Wörter sind anders geladen.

Verarbeitest du mit deinen Texten. Büchern oder auch Auftritten noch immer deine Vergangenheit?

Durch und durch. Es ist schon ein Prozess des Reflektierens. Schreiben ist nicht wie reden. Man muss sich gezielt die Zeit nehmen und es machen. Für mich ist es ein bisschen wie meditieren. Stand-up-Comedy und Humor sind natürlich auch eine Art der Therapie, weil man einfach viele Dinge herauslassen kann. In erster Linie mache ich all diese Sachen für mich.

Siehst du dich dann trotzdem als Künstler?

Ich sehe das, was ich mache auf jeden Fall als Kunst. Jeder Mensch, der seine Spiritualität zum Ausdruck bringt, ist ein Künstler. Es geht eigentlich immer darum, wie wir einen bestimmten Subtext zum Ausdruck bringen, egal ob durch Text, Bild oder Vorlesen.

Ist es für dich ein Unterschied, ob du dich auf Deutsch oder Arabisch ausdrückst?

Ich komme im Laufe des Schreibens immer wieder auf Begriffe, die nicht auf Arabisch übersetzen könnte, oder eben umgekehrt. Zum Beispiel das Wort „Wanderlust“ Bei uns würde kein Mensch freiwillig auf den Berg gehen. Das wäre unverständlich.

In Österreich ist eher das Kabarett groß. Was ist eigentlich der Unterschied zu Stand-up-Comedy?

Kabarett ist eher politisch bezogen, oft Stellen Kabarettisten dann auch mehrere Figuren dar. Stand-up hingegen ist: Du bist und du erzählst. Von Anekdoten bis hin zu Witzen. Es geht auch nicht darum gewissen Klischees oder Vorurteile zu reproduzieren, sondern sie ins Lächerliche zu ziehen und so quasi aufzulösen. Es geht bei Stand-up auch darum Tabus aufzulösen. Die Kunst dabei ist es, nicht verletzend zu sein.

Siehst du dich gewissermaßen als Stimme von geflüchteten Menschen?

Früher habe ich das manchmal gedacht. Aber das ist ein Blödsinn. Jeder Mensch hat eine eigene Stimme. Man kann nicht die Stimme von jemand anderem sein. Flüchtlinge sind zudem keine homogene Gruppe.

Du bist 2015 nach Österreich gekommen. Was war dein erster Eindruck?

Ich war sehr begeistert von der Hilfsbereitschaft und Engagement der Menschen. Am Anfang, wenn man in einem neuen Land und Kultur ist, erlebt man oft eine Art „Honeymoon-Phase“, wo man nur positive Sachen sieht. Je länger man hier ist, desto mehr Facetten kommen dann zum Vorschein.

Was für Facetten sind dir später aufgefallen?

In Österreich wird sehr wenig über Emotionen gesprochen, oder zumindest über tiefergehende Gefühle. Das war für mich anfangs irritierend. In Syrien war es für mich, auch als Mann, in Ordnung zu weinen oder einem Freund meinen Kopf auf die Schulter zu legen. In Österreich wird das oft gleich sexualisiert.

Welche Vorstellung hattest du von Österreich, bevor du hergekommen bist?

Eigentlich kannte ich Österreich so gar nicht. Ursprünglich wollte ich auch nach Schweden, weil ich dort Bekannte hatte. Ich wurde aber im Zug aufgegriffen.

Bist du auf Vorurteile gestoßen?

Vorurteile sind gang und gäbe. Und eigentlich auch das Schlimmste. Das ständige Bemühen, den Vorurteilen zu widersprechen, war zermürbend. Wenn man in so eine Rolle kommt, ist man einfach nicht mehr authentisch. Wenn man ständig damit konfrontiert ist, bekommt man irgendwann auch das Gefühl, dass man minderwertig ist. Wie kürzlich beim Mordfall von Leonie. Da würden auch alle Afghanen diffamiert. Man fühlt sich fremd, weil man als fremd angesehen wird. Das Gefühl der Fremdheit wird ja vom gegenüber ausgelöst.

Wie geht man damit um?

Es ist sehr schwierig. Ich habe das Privileg, auf der Bühne sagen zu können, was ich will. Da bin ich auch oft sehr provokant. Das ist für mich eine Art Ausgleich, weil ich da so sein kann, wie ich bin. Das ist ein Weg. So auch auf der Straße sein zu können, wäre aber auch wichtig. Ich merke immer wieder, dass ich schief angeschaut werde, wenn ich z.B. abends etwas unternehme. Und den Menschen irgendwie nonverbal zu kommunizieren, dass man nicht so ist, wie sie es sich gerade denken, ist sehr anstrengend.

Was fandest du an Österreich ungewöhnlich?

Ich war vom Alkoholkonsum sehr überrascht. Auch in Syrien wird zwar Alkohol konsumiert, und ich wusste auch, dass man davon betrunken werden kann, aber „Alkoholleichen“ waren für mich neu. Das war für mich ein Kulturschock. Ich habe nicht verstanden, wieso man so übertreibt. Ich fand es auch komisch, dass man nicht unangekündigt bei Freunden auftauchen kann. Hier gelten schon andere soziale Grenzen. Wobei ich mittlerweile auch so bin. Als letztens ein Freund spontan bei mir auftauchte, habe ich mich selber ertappt, dass ich mich darüber aufgeregt habe. Da dachte ich dann auch: Jetzt bin ich hier angekommen.

Du bist seit kurzem auch österreichischer Staatsbürger. Wie war der Prozess für dich?

Sehr mühsam, obwohl ich sehr viel Glück hatte. Ich arbeite seit mehr als drei Jahren durchgehend und habe dadurch die finanziellen Voraussetzungen erfüllt. Zudem verfüge ich über C1-Niveau Deutsch. Deshalb war es nicht so schwierig. Aber die Befragung etwa war schon schikanös. Da waren Fragen wie: “Wenn ich wähle, kann ich für meine Frau auch wählen?” oder “Kann ich als Frau meinen Mann hinschicken?” Da denkt man sich dann schon: Super, so sieht der Staat uns.

Flüchtlinge aus Syrien scheinen sich besonders gut zu schlagen, auch im künstlerischen Bereich. Woran liegt das?

Hinzu kommt, dass der Krieg in Syrien, so grausam er auch ist, relativ jung ist. Sollte der Krieg noch lange ohne Lösung andauern und Menschen, die in Krieg geboren sind und nichts anderes kennen, flüchten, werden sie ganz anders sein. Natürlich kann man nicht verallgemeinern, aber Tatsache ist, dass der Geist und die Seele der Menschen leidet, wenn in deinem Land seit Jahrzehnten Krieg herrscht. Man wird klein gehalten und kann sich nicht entfalten.

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