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01/12/2022

Um die Gesundheit der Migranten in Österreich ist es schlecht bestellt

Eine Studie zeigt, dass die Menschen mit Migrationshintergrund seltener den Weg zum Arzt antreten. Eine Ursachenforschung.

von Mirad Odobašić

In der Vergangenheit wurde eine Reihe von Studien gemacht, die sich mit der Lebenslage von Migranten und Migrantinnen in Österreich auseinandersetzen. Was aber gefehlt hat, war eine empirisch orientierte Zusammenschau ihrer sozialen und gesundheitlichen Lage. Ein vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) in Auftrag gegebener und von den beiden Wiener Gesundheitsökonomen durchgeführter Forschungsbericht sollte diese Lücke schließen. 

Durch die Berechnung der Kosten für alle Bereiche des Gesundheitswesens und durch Vergleiche der Inanspruchnahme und der Kosten zwischen Herkunftslandgruppen konnte man sich Einblicke verschaffen. Erstmals wurden dabei detaillierte Auswertungen für Geflüchtete aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, die mehrheitlich zwischen 2014 und 2017 nach Österreich kamen, vorgenommen.

Türkischstämmige Sorgenkinder

In Österreich leben etwa zwei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das sind 24 % der Bevölkerung. Dem gegenüber steht ein Gesundheitsausgabenanteil der Migranten und Migrantinnen von rund 7,6 Milliarden Euro oder 19,4 Prozent der gesamten laufenden persönlichen Gesundheitsausgaben, die 38,9 Milliarden betragen. Bereits frühere Untersuchungen der Gesundheitsökonomen hätten ergeben, dass Migranten und Migrantinnen mehr an Steuern und Abgaben leisten, als sie an öffentlichen Gütern und Transferleistungen bekommen. 

Die Analysen würden zeigen, dass insbesondere Menschen, die ihre Wurzeln in der Türkei schlagen, sozial und gesundheitlich schlechter gestellt sind. "Ihre Versorgung muss besser werden", lautet die Empfehlung der Studienmacher. Der Gesundheitszustand von Menschen mit afghanischem, irakischem und syrischem Migrationshintergrund sei hingegen gut und biete "eine Chance, die Integration dieser Gruppe auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu fördern. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass es zu Vererbungen von Schlechterstellung kommt, eine Situation, die Menschen mit türkischem Migrationshintergrund bis heute betrifft".

Ambulante Versorgung bevorzugt

Die hohe Krankheitslast von Menschen aus der Türkei und Ex-Jugoslawien würde laut Forschern einen Zusammenhang zwischen physischen und psychischen Krankheiten nahelegen. "Multidisziplinäre Versorgungsformen wie beispielsweise Primärversorgungszentren erhöhen die Chance, dass Migrant/innen ganzheitlich betreut werden. So scheint der ambulante Sektor das bevorzugte Versorgungssetting zu sein. Primärversorgungszentren bieten zudem die Möglichkeit, Dolmetscher/innen zur Verfügung zu stellen, und gegebenenfalls werden Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen, die den Patient/innen nicht bekannt sind", 

Schwierige rechtliche Rahmenbedingungen

Die gesundheitliche und soziale Lage der Migranten und Migrantinnen müsse mehr ins Zentrum von Initiativen und Maßnahmen zur Integration rücken, lautet die Forderung der Autoren. "Erstens, die Höhe der Kosten spiegelt die Inanspruchnahme, die vom Alter abhängt. Zweitens, ungedeckter Bedarf wegen hoher Kosten ist in vielen Gruppen häufig. Drittens, während im Gegensatz zu Menschen ohne Migrationshintergrund alle Migrantengruppen eine überdurchschnittlich hohe Meinung vom Gesundheitswesen haben, vertiefte sich gleichzeitig zwischen 2014 und 2019 die gesundheitliche Ungleichheit", heißt es in der Studie. 

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Integration stellen aber immer noch eine Herausforderung dar. "Während Österreich angesichts der Gesetze und Maßnahmen im Bereich Gesundheit im internationalen Vergleich sehr gut abschneidet, sind die Bedingungen für gelungene Integration in anderen Bereichen unterdurchschnittlich. Besser schneidet Österreich in den Kategorien Arbeitsmarkt und Ausbildung ab. Diese Bereiche sind essenziell für die Integration und für die gesundheitliche Entwicklung von Migranten und Migrantinnen", lautet die Schlussfolgerung. 

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