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01/09/2022

Warum Austrotürken die höchste Impfrate in Österreich haben

Und was das auch über Österreich aussagt, erklärt Soziologe Kenan Güngör im Interview.

von Naz Kücüktekin

Migranten waren in der Corona-Krise oftmals die Sündenböcke. Ob als diejenigen, die das Virus mitbringen, diejenigen, die Intensivstationen belegen oder auch als Impfmuffel.

Kürzlich veröffentliche Statistiken zeigen nun: Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft führen die Liste mit einer Impfquote von 73,6 Prozent an. Bei Österreichern liegt sie bei 67,6 Prozent (Stand 30. November). Warum sich prozentuell so viele türkische Staatsbürger impfen lassen, erklärt Soziologe Kenan Güngör.

KURIER: Herr Güngör, wie kann man die hohe Impfrate bei Türkeistämmigen erklären?

KENAN GÜNGÖR: Das Ergebnis hat in dieser Eindeutigkeit alle überrascht. Zumal die Studie belegt, dass mit niedriger Bildungs- und Erwerbsbeteiligung, die Impfbereitschaft auch sinkt. Doch wie kommt es, dass trotz einer niedrigen Bildungs- und Erwerbsbeteiligung, die Impfquote bei den Türkeistämmigen österreichweit am höchsten ist? Dies ist auf den ersten Blick „kontra-soziologisch" und erklärungsbedürftig.

Nun ein erheblicher Teil der türkeistämmigen Menschen nutzen hauptsächlich türkische Medien. Obwohl die türkische Regierung zur Kaschierung ihrer eigenen Fehler und Missstände gerne zu Verschwörungsmythen neigt, wurde im Gegensatz zu Österreich oder Deutschland, den Impf- und Coronagegnern in den Medien und der Politik kaum Raum gegeben. Das konnten sie auch, weil die Meinungs- und Medienfreiheit sehr eingeschränkt ist, die Medien von der Erdoganregierung nahezu gleichgeschaltet wurden. Im Gegensatz dazu wurde hierzulande Coronaleugnern und Impfgegnern überproportional viel Raum gegeben. Befeuert wurde dies auch von Parteien wie der FPÖ. Damit wurde eine False-Balance erzeugt, die es in der Türkei so nicht gab. Das hat sicher eine große Rolle gespielt.

Ist das etwas Türkei spezifisches?

Nein. Wir sehen zum Beispiel, dass die Impfquote von Mitbürgern aus dem Balken insgesamt sehr niedrig ist. In den jeweiligen Herkunftsländern ist die politisch-mediale Impfskepsis hoch und die Impfrate sehr niedrig. Über Verbreitungsmedien schwappt dies offensichtlich auf die jeweiligen Migrantengruppen hier über. Da gibt es schon einen latenten Zusammenhang.

Demokratie hat in der Türkei nicht den besten Stand. Warum vertrauen Menschen dem Staat?

Die Türkei ist in dieser Frage sehr widersprüchlich. Einerseits ist das Vertrauen in die Politik, staatliche Institutionen und Medien sehr niedrig. Dennoch wird der Staat als nationalistisch idealisiert und sakrosankt gesehen. Man widerspricht daher der staatlichen Autorität nicht, sondern unterwirft sich ihr. Daher ist Vertrauen und Autorität hier nicht gleichzusetzen. Der Grund liegt im Erziehungs- und Bildungssystem, dass auf einem autoritären Staat und Nationalismus eintrichtert. Auch hier in der Diaspora wirkt die höhere Regelbefolgung. Das ist natürlich weit entfernt vom Konzept des mündigen Bürgers. Daher werden in der Türkei Demonstration auch schnell als Verrat an den Staat verstanden und nicht als ein Grundrecht.

Welchen Anteil haben türkische Organisation bei der hohen Impfquote?

Viele muslimische Organisationen, darunter auch die IGGÖ (Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich) haben proaktiv Werbung für die Impfung gemacht. Das dürfte insbesondere religiöse Menschen mobilisiert haben.

Welche Rolle spielt die Familie in der Türkei?

Im Gegensatz zu Migranten aus den Nachbarländern, müssen viele in die Türkei fliegen, wenn sie dort hinwollen. Und das Reisen mit dem Flugzeug erfordert mehr Kontrollen, im Sinne von Impfung, Tests und Quarantäne, als wenn ich einfach mit dem Auto über die Grenze fahren kann. 

Und die Impfkampagnen der Regierung und Stadt? Haben die Ihrer Meinung nach auch einen Unterschied gemacht?

Es gibt natürlich sehr viele Bemühungen auf Bundesebene und der Stadt Wien. In Ergänzung mit den anderen Faktoren dürften diese auch einen Effekt gehabt haben. Aber das muss man noch evaluieren.

Gibt es für sie sonst noch entscheidende Faktoren?

Im Vergleich zu der österreichischen Bevölkerung leiden viel mehr, vor allem ältere, Türkeistämmige Menschen an einem schlechteren Gesundheitszustand und sind häufiger von somatischen Krankheiten betroffen. Das ist bedingt durch physisch belastende Jobs, beengten Wohnraum und insbesondere auch der geringeren sportlichen Bewegung. Ein schlechter gesundheitlicher Zustand führt zur höheren Impfbereitschaft. Aus Rücksicht zu den älteren Familienmitgliedern lassen sich auch die Kinder eher impfen. Gerade, weil sie einen intensiveren Kontakt zueinander pflegen.

Glauben Sie, diese Zahlen werden einen Effekt auf das schlechte Image von MigrantInnen in der Impf- und Corona Debatte haben? 

Das ist jetzt natürlich ein positives Zeichen, dass vielen Ressentiments das Fahrwasser wegnimmt. Auf einmal sind die Türkeistämmigen, die ein sehr schlechtes Image in Österreich haben, die Klassenbesten. Das passt nicht so recht in die eingefahrenen, zum Teil begründeten und zum Teil unbegründeten Bilder. In Wahrheit hätte es so eine Statistik schon viel früher gebraucht.

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