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Kolumne
11/25/2021

Warum ich mit dem Skifahren nie warm geworden bin

Denn als Austrotürkin muss ich für mich sagen: So toll ist es nicht.

von Naz Kücüktekin

Es folgt wie das Amen aufs Gebet: Die Diskussion, was denn mit dem Wintertourismus während des Lockdowns passiert – sowie wie mein Unverständnis, welch großen Stellenwert Skifahren in Österreich offenbar hat. Ist das denn wirklich so? 

Von einer Außenseiterperspektive ist das nämlich etwas, das schwer nachzuvollziehen ist. Wenn ich das vor autochthonen Menschen laut ausspreche, führt das aber oft zu einer heftigen und äußerst emotionalen Diskussion. In Wahrheit schreibe auch diese Kolumne zum zweiten Mal. Nach einer knapp abgewendeten Beziehungskrise und dem wohl längsten Telefonat, das ich mit dem Kollegen Philipp Wilhelmer geführt habe, sehe ich ein, dass es wohl doch ein sensibles Thema ist. Daher werde ich mich bemühen, verständnisvoller zu sein und das österreichische Heiligtum nicht ganz so schlecht zu machen. Ein Versuch: 

Gewisse Aspekte kann ich ja durchaus verstehen. Klar, Skifahren ist ein Sport, der vielen Menschen Spaß macht. Es ist ein Sport, der in dem Land der Berge gut funktioniert und eine lange Tradition hat. Und es ist der Sport, bei dem ÖsterreicherInnen auch große Erfolge feier(te)n. Seit Marcel Hirscher aufgehört hat zwar nicht mehr so, aber das ist wieder ein anderes Thema… 

Hier hört es dann auch schon auf mit dem Verständnis. Die Begeisterung für einen Sport ist das eine, die Glorifizierung, wie sie in Österreich passiert, eine andere. Fußball, Basketball, Tennis, ja sogar Golf ist hierzulande auch beliebt, werden aber nicht heiliggesprochen. Jetzt könnte man sagen: Aber die Geografie Österreichs ist wie gemacht dafür. Wissen Sie, was man auf diesen tollen Bergen noch so machen kann? Wandern, Klettern, Mountainbike fahren etc. Zur Erinnerung: Wir haben auch Sommertourismus in diesen Gegenden. 

Das andere ist, dass oft so getan wird, als ob jede/r in diesem Land Skifahren würde. Laut einem KURIER-Artikel gehen aber tatsächlich 63 Prozent der Österreicher überhaupt nie Ski fahren. Für über zwei Drittel dieses Landes ist das Herunterfahren auf einer steilen, mit Schnee bedeckten Fläche also kein Thema - wahrscheinlich auch einfach aus finanziellen Gründen. Volkssport? Wohl eher nicht. 

Und dennoch fahren in Nicht-Coronazeiten tausende SchülerInnen in Österreich jährlich auf Skikurse. Eine Woche mit der Schule in eine meist mäßige Unterkunft, mit grottigem Essen, damit man lernt…. Na ja, was eigentlich? Skifahren? Aber weiter? 

Chancengleichheit für alle...

Zudem muss man sich dafür noch eine Ausrüstung besorgen. Entweder man hat sie oder man muss sie sich ausleihen, so wie alle Kinder mit Migrationshintergrund oder ökonomisch schwachem Background. Wobei sich man dann trotzdem etwas dazu kaufen muss: Socken, Skiunterwäsche - und Essen, damit man das Essen auf der Skiwoche nicht wirklich essen muss. Das zahlen dann die Eltern. Mit dem Geld, das sie lieber für etwas anderes ausgeben würden. Es ist zwar teuer, aber für den schlimmsten Fall gibt es eh Hilfen. Chancengleichheit für alle. Auch, wenn man sich danach nie wieder einen Ski-Trip leisten kann oder will.

Im Fernsehen sieht man jeden Winter nur mehr weiße Flecken mit ganz viel Werbelogos und ein paar Menschen dazwischen. Und seit Corona wird diskutiert, warum gerade die Skipisten offen haben müssen. Ich weiß: Wintertourismus, wichtiger Wirtschaftstreiber. Aber sind das Restaurant, Fitnessstudios oder Friseure nicht auch? 

Vielleicht in den nächsten Jahren Geschichte?

Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken: Wie will das eine mit so einem Namen auch verstehen. Aber ich bin in Österreich geboren und aufgewachsen. Ich kenne dieses Land. Nur gibt einem das Diaspora-Dasein in gewissen Dingen einen Blickwinkel von außen auf die Heimat (auf beide übrigens). Das ermöglicht es selbst bei der größten Tradition oder kulturellem Brauch zu sagen: Na, das ergibt keinen Sinn. 

Wenn man den Klimawandel bedenkt, in Österreich stieg die Jahresdurchschnittstemperatur im 20. Jahrhundert um 1,8 °C an, und weiter so wenig dagegen unternommen wird, ist Skifahren vielleicht aber ohnehin in ein paar Jahren Geschichte. Und SchülerInnen kennen die Sportart dann nur noch von Büchern und nicht lausigen Skiwochen. 

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