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Mehr Platz
06/20/2021

KURIER bietet Mehr Platz: "Man wird immer mit Stereotypen konfrontiert"

Mirad Odobašić und Naz Küçüktekin kümmern sich im KURIER um das Thema Integration. In heimischen Redaktionen sind Menschen wie sie immer noch selten.

von Philipp Wilhelmer

Mirad Odobašić (40) und Naz Küçüktekin (25) verantworten das neue Angebot mehrplatz.kurier.at, in dem Menschen mit Migrationshintergrund in den Fokus gerückt werden. Ein Gespräch über Medien, Migranten und die Hürden, in diesem Job Fuß zu fassen.

KURIER: Wie schwer ist es, als Mensch mit Migrationshintergrund, in den Journalismus zu kommen?

Naz Küçüktekin: Es ist schon mal eine generelle Herausforderung, als junger Mensch im Journalismus Fuß zu fassen. So wie es jetzt ist, muss man sich durch eine Handvoll gar nicht oder schlecht bezahlter Praktika kämpfen. Als Frau mit Migrationshintergrund hat man es noch einmal schwerer. Ich hatte das Glück zu studieren, das hat sehr geholfen.

Mirad Odobašić: Prinzipiell ist in Österreich der Journalismus sehr alt. Ich glaube, dass Journalismus noch immer ein Traumberuf ist. Und dass es sich die Menschen in diesem Beruf zu bequem machen und selbst wenn es Zeit ist zu gehen, weiter bleiben, zum Beispiel als Kolumnisten. Das macht es jungen Menschen natürlich schwerer. Dazu kommt das Thema Migrationshintergrund. Es geht in der Frage aber auch um die Migranten selbst. Da fehlt bei vielen das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis, so einen Beruf anzugehen.

Liegt es daran, dass es im österreichischen Journalismus zu wenig Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund gibt?

Küçüktekin: Dass sich viele österreichische Medien um Nachwuchs bemühen, kann man glaube ich nicht sagen. Und dann stellt sich die Frage, wer die Kontakte und Beziehungen in die Redaktionen hat: Oftmals nicht die Migrantenfamilie.

Odobašić: Bei mir war es eine Glücksgeschichte, wie ich in den Job gekommen bin. Gerade im Fußballjournalismus ist es wie bei mir sicher kein Nachteil, wenn man ein -ić im Namen hat, nachdem die tragenden Säulen in der Fußballnationalmannschaft Leute mit diesem Background sind. Aber: Ich war in meinem früheren Ressort in die Vergabe von Praktika involviert und da gab es 19-Jährige mit drei, vier Praktika. Das ist ja absurd. Der Druck, etwas vorweisen zu müssen, steigt enorm.

Eure Namen verraten, dass ihr oder eure Familien zugewandert seid. Habt ihr persönlich Benachteiligung erfahren?

Odobašić: Ein Chefredakteur hat meine Deutschkenntnisse infrage gestellt. Ich hatte in einer Story einen inhaltlichen Patzer. Da kamen dann Sätze wie: Bist du sicher, dass dein Deutsch für uns reicht?“ Was das Leben wirklich wesentlich erleichtert, ist der Magistertitel. Das hat allem Nachdruck verliehen, wenn ich etwas im Alltag gebraucht habe, vor allem schriftlich.

Küçüktekin: Österreich steht auf Titel! (lacht) Ich kann nicht sagen, ob ich einen Job oder eine Stelle nicht bekommen habe, weil mein Name nicht Kathi Bauer ist. Aber: Ich bin gut ausgebildet, ich bin gut in meinem Job. Es wäre auch komisch, wenn ich Benachteiligung erfahren hätte.

Ihr beide seid Akademikerkinder, insofern fällt diese Hürde weg. Aber wenn man aus den sogenannten bildungsfernen Schichten kommt, wird es als Migrant in so einem Beruf deutlich enger.

Odobašić: Das fängt schon viel früher an. Ich merke das im Umfeld meiner eigenen Kinder. Da sind die Wege schon in einem sehr frühen Alter vorbestimmt. Da geht man davon aus, dass der Hakim oder der Zoran es sowieso nicht aufs Gymnasium schaffen. Eine Mutter aus der Schule meines Sohnes hat geglaubt, dass mein Sohn in eine bestimmte Klasse nur gekommen ist, weil er so gut Deutsch kann und ihr Kind es deshalb nicht geschafft hat, weil der Papa bei der MA48 arbeitet: Das sind schon auch Konstrukte, die nicht auf Tatsachen beruhen. Damit muss man mal brechen.

Welchen Anteil hat die Darstellung von Migrantinnen und Migranten in österreichischen Medien daran, wie die Menschen aufeinander zugehen?

Odobašić: Es gibt Communities, die werden so in die Ecke gedrängt, dass man kaum glauben mag, dass es unter ihnen sogenannte Leuchttürme gibt. Auch wenn du nicht dieser Meinung bist, kannst du dich kaum mehr der Auffassung entziehen, dass etwa ein Tschetschene ein Messerstecher ist.

Küçüktekin: Den Spruch, dass über Ausländer nur berichtet wird, wenn es etwas Negatives gibt, kann man glaube ich schon unterstreichen. Die Menschen waren für die Redaktionen nicht wichtig. Sie waren halt die Kassierer und die Putzkräfte. Mehr hat man ihnen nicht zugestanden. Man hatte aber auch nie die Journalisten, die diese Menschen ansprechen könnten. Ein 60-jähriger mittelständischer Österreicher weiß nicht, wie man mit der Zielgruppe umgehen soll.

Ein gutes Beispiel ist die Kopftuch-Debatte, die in den Redaktionen fast ausschließlich von gebürtigen Österreichern verhandelt wird.

Küçüktekin: Ich möchte nicht behaupten, dass jede junge Frau, die ein Kopftuch trägt, das aus freien Stücken macht. Es wird sicher welche geben, die unter Druck sind. Ich finde wichtig, dass man diese Diskussion führt, nur das passiert nicht. Es gibt leider immer nur die Argumentationskette: Kopftuch-Islam-schlecht-Extremismus.

Odobašić: Eigentlich wird man immer mit Stereotypen konfrontiert. Es isst ja auch nicht jeder Österreicher täglich ein Schnitzel.

Man unterstellt Migrantinnen und Migranten oft, sie möchten nicht an der Gesellschaft teilnehmen. Gibt es diese Verweigerungshaltung?

Odobašić: Viele Integrationsmaßnahmen sind für mich ein Ärgernis. Ich habe nie eine ernst gemeinte Absicht dahinter erkannt. Das Motto lautet: „Wir müssen was für die tun, aber wenn die nicht mitmachen, dann kann man nichts machen.“

Küçüktekin: Oft ist es das Problem, dass die ganze Gruppe die „Migranten“ sind. Es wird nicht beurteilt, welches Bildungsniveau wir haben, welches Alter… Laut dieser Wahrnehmung sind Mirad und ich gleich. Obwohl wir sehr verschieden sind.

Wie legt ihr eure Arbeit an?

Odobašić: Es ist in erster Linie wichtig zu zeigen, dass wir nicht alle gleich sind und dass es Lichtblicke gibt, aber auch dunkle Seiten gibt. Und es ist sehr wichtig, dass man den Menschen eine Plattform gibt.

Küçüktekin: Wir wollen eine differenzierte Sicht. So, dass es auch im KURIER normal wird, dass Namen mit ü’s und -ićs vorkommen und man nicht mehr denkt: „Ah, der Türke.“ Sondern: „Der Unternehmer.“

Werden durch eure Arbeit mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den Journalismus kommen?

Odobašić: Ich denke die Menschen brauchen Leitfiguren, an den man sich orientiert. Wenn man nicht das Bewusstsein hat, dass Menschen mit dem eigenen Background solche Berufe ergreifen können, fehlt einfach ein Anknüpfungspunkt.

Küçüktekin: Ich hoffe, dass eine 13-Jährige mit ganz vielen ü’s im Namen sieht: „Da sitzt eine Naz Küçüktekin. Dann kann ich das auch machen.“

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