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Interview
06/20/2021

Aleksandar Dragović: "In dem -ić im Namen suchen viele die Ausrede"

Er gehört seit Jahren zum Stammpersonal im Fußball-Nationalteam. Wie es der Wiener mit serbischen Wurzeln trotz Vorurteilen nach oben geschafft hat.

von Mirad Odobasic

Mit der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft schreibt Aleksandar Dragović derzeit bei der EURO Geschichte. Noch bevor der EM-Wahnsinn begonnen und er sich einen Kindheitstraum erfüllt hatte (Anm.: Dragović unterschrieb einen Vertrag bei seinem Herzensklub Roter Stern Belgrad), fand die langjährige Stütze im ÖFB-Team Zeit, um über seine serbischen Wurzeln, das Aufwachsen in Wien, die Balkanmentalität und die Vorurteile, die diese mit sich bringt, zu plaudern.

Lieber Aleksandar, hätte dieses Gespräch auch auf Serbisch stattfinden können?

Aleksandar Dragović: Mir ist beides Recht. Ich muss aber zugeben, dass ich bei Deutsch auf der sicheren Seite bin.

Wie viele Interviews haben Sie in Ihrer Karriere überhaupt auf Serbisch geführt?

(Schmunzelt kurz) Nicht viele. Immer nur dann, wenn wir gegen Serbien gespielt haben.

Übrigens, diesen Artikel können Sie nun auch auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch lesen:

Ist das nicht etwas komisch – bei so einer großen Anzahl an Menschen mit serbischen Wurzeln hierzulande?

Ich finde grundsätzlich, dass man im Land, in dem man lebt, die Landessprache sprechen sollte – und die ist nun mal Deutsch hier. Natürlich hat hier jeder seinen Background, die kulturelle Vielfalt ist etwas Schönes, man lernt dabei viele tolle Dinge kennen. Dennoch bin ich ein Befürworter dessen, dass jeder die Sprache des Landes, in dem er oder sie lebt, beherrschen sollte.

Wie erklären Sie jemandem, den Sie gerade kennengelernt haben, das KS statt X im Vor-, bzw. das -ić im Familiennamen in Ihrem österreichischen Pass? Wie definieren Sie sich eigentlich?

Die Fußballwelt ist sehr multikulti. Ich bin stolz auf meine serbischen Wurzeln, genauso wie auf meine Heimat Österreich, der ich viel zu verdanken habe. In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Ich hatte zum Glück auch niemals Probleme wegen meines Namens, wurde etwa in der Schule nie gemobbt. Leider hatten viele andere mit ähnlichem Background, wie man immer wieder hört, nicht so viel Glück wie ich.

Haben Sie Ihren Namen während der Karriere oder im Privatleben jemals als Hindernis empfunden?

Gar nicht! Ich muss aber auch sagen, dass ich nie Probleme gemacht habe. In Wien leben verschiedene Landsleute, ob aus Serbien, Kroatien, Bosnien oder der Türkei. Jeder hat gewisse Eigenschaften, dennoch sind wir alle Menschen, haben zwei Beine, zwei Hände, einen Kopf und kochen mit Wasser. Man muss sich respektieren und dann klappt das auch schon. Natürlich gibt es überall Störenfriede, aber die darf man nicht beachten. Das habe ich immer so gehalten und hatte daher auch keine Probleme. Ich bin prinzipiell ein Mensch, der mit allen anderen klarkommt.

Haben Sie denn jemals das Gefühl gehabt, dass Sie aufgrund Ihres Backgrounds mehr leisten mussten als ein „Max Mustermann“?

Schwierige Frage. Natürlich haben es gewisse Leute hier schwieriger als ein „Max Mustermann“. Dennoch bin ich ein Mensch, der immer daran glaubt, dass, wenn man hart an einem Ziel arbeitet, man dafür auch belohnt wird. Wenn ein Aleksandar Dragović alles daran setzt, dasselbe Ziel wie Max Mustermann zu erreichen, dann kann er es auch schaffen. Aber natürlich: Gewisse Vorteile gibt’s für einen Max Mustermann schon. Andererseits kenne ich auch viele Beispiele von Menschen, die in dem -ić in ihrem Familiennamen die Ausrede suchen. „Nur weil ich ein IĆ bin, bekomm’ ich diesen Job nicht“, heißt es dann. Ob sie auch alles dafür gegeben haben, diesen Job zu bekommen? Da lügen sich, leider Gottes, viele Menschen selber an. Da glaube ich einfach, dass viele sich selbst gegenüber nicht ehrlich sind.

Wie definieren Sie die Balkan-Mentalität?

Emotional! Sie hat ihre Vor- und Nachteile. Die Familie wird großgeschrieben. Am Balkan kann es dir zum Beispiel nicht passieren, dass du wie etwa in Österreich oder Deutschland mit 18 Jahren von deinen Eltern vor die Tür gesetzt wirst. Dort bleibst du solange im Elternheim, bis du etwas gefunden hast. Ein Nachteil der Mentalität ist leider, dass man so schnell emotional wird. Die Balkanmentalität ist ein Fluch und ein Segen zugleich.

Für Sie mehr ein Fluch oder ein Segen?

Fluch. Eindeutig. Ich werde auch immer so schnell emotional. Wenn man so schnell aus Emotionen handelt, dann kommt meistens ein Blödsinn dabei heraus, den man im Nachhinein bereut.

Niederlande vs. Oesterreich -  UEFA-Europameisterschaft 2020 Gruppe C

Hat Ihnen Ihre „serbische Identität“ im Ausland geholfen?

Ganz klar: Nein! Serbien ist in der Welt eher verhasst als beliebt, würde ich sagen. Meine Wurzeln haben mir also nicht gerade Vorteile verschafft.

Obwohl so viele Ex-Jugoslawen ihr Brot im Fußball-Ausland verdienen?

In einer Mannschaft selbst gibt es gar keine Probleme. Aber man liest bzw. hört in den Medien ständig Berichte über Überfälle oder Autodiebstähle, die von Serben bzw. Ex-Jugoslawen verübt wurden und wird gleich abgestempelt als „einer von denen“ bzw. als „Bad Boy“.

Stört Sie so etwas?

Ach was, die Medien machen doch nur ihren Job. Die Serben bzw. die Ex-Jugoslawen haben schließlich maßgeblich dazu beigetragen, dass ihre Heimat auf Anhieb negative Assoziationen hervorruft. Dennoch lässt mich das kalt, denn ich weiß, dass man nicht alle in denselben Topf werfen darf.

So dürfte es aber nicht allen Menschen mit diesem Background gehen ...

Gewiss nicht. Man muss sich aber auf sich selbst fokussieren können, nicht so sehr auf die Vorurteile achten. Man sollte die positiven Dinge in Ex-Jugoslawien in den Vordergrund rücken, nicht immer das Negative. Negatives gibt es doch auch hierzulande. Soweit ich mich erinnern kann, hat es in Belgrad oder Sarajevo keinen terroristischen Angriff gegeben, in Wien schon. Wien ist deshalb aber keine schlechte Stadt. Jedes Land hat seine guten und schlechten Aspekte.

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Sie hätten sich damals auch für die Heimat Ihrer Eltern entscheiden können. Warum haben Sie es nicht getan?

Ich bin in Österreich aufgewachsen, Österreich hat mir alles gegeben. Ich bin dankbar, hier geboren worden zu sein.

Viele Ex-Jugoslawen sehnen sich nach der Heimat, träumen von der Heimkehr. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Natürlich kann ich diesen Wunsch nachvollziehen. Ich habe aber auch im Laufe des Lebens gelernt, dass man von seinem Umfeld stark geprägt wird. Wenn man von vielen Ex-Jugoslawen umgeben ist, dann zieht es einen stärker zu den Wurzeln zurück. In meiner Schul- bzw. Akademiezeit (Anm.: Dragović besuchte die Akademie von Austria Wien) hatte ich aber nicht so ein Umfeld, weshalb ich meinen Lebensmittelpunkt nur in Österreich gesehen habe.

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Welche Orte nennen Sie eigentlich Ihr Zuhause?

Ganz klar: Wien! Ich werde nach dem Ende meiner Karriere mit großer Wahrscheinlichkeit nach Wien zurückkehren. Ich liebe Wien, dort habe ich meine Freunde, es ist eine überragende Stadt.

Zum Schluss kommt der ultimative Integrationstest. Leberkäse oder Pljeskavica?

Leberkäse.

Raf Camora oder Ceca (Anm.: Bekannteste serbische Volkssängerin)? Ceca.

Diesen Artikel können Sie auch in Türkisch lesen: 

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