Dr. Natalija Cokić

© Carolin Bohn

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11/15/2021

Intensivmedizinerin Cokić: "Es sind zu viele Halbwahrheiten im Umlauf"

Die Leiterin der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin im Grazer Landeskrankenhaus über Ängste und falsche Zugänge zu Migranten.

von Mirad Odobašić

"Ich hoffe, Ihr Tag war besser als meiner". Dieser Satz folgt dem obligatorischen "Guten Tag" und spricht Bände. Intensivmedizinerin Natalija Cokić hat einen harten Tag hinter sich. In diesen Zeiten quasi Normalzustand - und das ist nicht nur dem Coronavirus geschuldet. "Wir haben das Problem, dass wir derzeit sehr viele Nicht-Corona-Patienten haben, die eine intensivmedizinische Behandlung brauchen", stellt die Leiterin der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin im Grazer Landeskrankenhaus fest.

Die Lage sei noch nicht "ganz kritisch", erklärt Cokić, dennoch müsse das Personal, das ohnehin längst am Stock geht, "nicht auf zwei, sondern auf zehn Hochzeiten gleichzeitig tanzen". Die Gegebenheiten in ihrem, aber auch vielen anderen Krankenhäusern in Österreich, seien nicht für Epidemien vorgesehen, die vorhandenen 16 Betten auf den beiden Intensivstationen optimal zu nutzen eine große Herausforderung. "Man kann es sich zu keinem Zeitpunkt erlauben, nicht ein einziges freies Bett zu haben. Wenn die Gefahr droht, dann müssen wir umschlichten, wo es nur geht. Das erinnert mich oft an Tetris spielen. Und irgendwie geht es sich trotzdem aus“.

Patienten aus vielen Nationen

Nicht leichter mache es der Umstand, dass die Covid-Patienten immer jünger werden. "Je jünger die Infizierten sind, desto länger genügt eine Behandlung daheim. Spezifisch für Corona ist aber, dass es dann sehr schnell gehen kann. Es ist erschreckend zu sehen, wie manche schon Stunden, nachdem sie ins Krankenhaus gebracht wurden, gegen den Tod kämpfen."                         

Die Frage nach der Herkunft der Patienten hält sie für eine sehr politische Frage. "Ich kann lediglich bestätigen, dass bei uns Patienten aus viele verschiedenen Nationen liegen. Zudem lässt sich nicht differenzieren, ob die österreichischen Staatsbürger, von denen es bei uns auch viele gibt, autochton oder aber eingebürgert sind. Eines haben sie allerdings gemeinsam: Sie sind fast alle nicht geimpft", sagt die serbischstämmige Ärztin. Kontakt habe sie zu vielen Patienten, auch aus ihrer alten Heimat. "Viele rufen mich an, sogar aus Serbien, und fragen nach meinem Rat, weil jemand aus der Familie an Covid erkrankt ist. Die Angst bringt sie dazu."

Zu viele Informationen

Das Unbekannte würde überhaupt bei Menschen Angst verbreiten: „Das Virus ist etwas Neues, Unerforschtes. Die Impfung ist neu. Das sorgt für Unsicherheit. Machen wir uns aber nichts vor: Wir alle sind gegen verschiedene Krankheiten geimpft und keiner fragt, welche Art der Impfung das ist?“ Der Umstand, dass eine Unmenge an Halbwahrheiten im Umlauf ist, würde für Verunsicherung sorgen. Und die Leute dazu bringen, sich nicht impfen zu lassen.

"Ich habe überhaupt das Gefühl, dass die meisten Ungeimpften nicht wirklich etwas gegen die Impfung haben. Es wird aus meiner Sicht viel zu viel darüber geredet. Dadurch entsteht Verwirrung. Keiner von diesen Menschen hat sich nach genauem Studieren der wissenschaftlichen Fakten entschlossen, sich nicht impfen zu lassen", ist sich Cokić sicher. Ganz im Gegensatz. "Die Menschen sind verwirrt, denken sich: 'Keine Ahnung, was ich tun soll, also warte ich lieber ab'". Es gebe einfach zu viele Informationen. 

 

Die heikle Info-Angelegenheit

Die "Impf-Sache" habe einen sehr politischen Beigeschmack. Natalija Cokić wünscht sich einen "filigraneren Zugang", vor allem wenn es um den Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund gehe, denen oft Impfunwilligkeit angehaftet werde.

"Um ehrlich zu sein, ich selber mag es auch nicht, wenn man mich als Migrantin bezeichnet, wenn man mich als eine 'erfolgreiche Migrantin' darstellt. Einen Österreicher, der nach Mallorca auswandert, bezeichnet man doch auch nicht als Migrant, sondern Auswanderer, oder?", fragt sich die im Rahmen eines Ferialpraktikums nach ihrem Studium in Serbien nach Österreich ausgewanderte Medizinerin. Wie man Menschen mit Migrationshintergrund über Corona informiert, sei aus ihrer Sicht eine heikle Sache. 

"Ich bedauere es sehr, wenn Menschen aus meiner alten Heimat Deutsch nicht beherrschen. Allerdings muss man sagen, dass auch sehr viele Österreicher nicht wissen, was eine RNA oder DNA ist. Wie also verpacke ich diese notwendigen Informationen über Corona so, dass es für alle verständlich, aber auch politisch korrekt ist?", macht sich Cokić Gedanken darüber, welche Impfkampagnen sinnvoll wären. Einen Vorschlag hat sie parat. 

"Eine 'internationale Plattform' mit allen Informationen zu Corona wäre meine Lösung. Das hört sich doch besser an als eine Plattform eigens für Österreicher oder 'Migranten'. So fühlt sich niemand beleidigt - oder zu direkt angesprochen."

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