Gorgy Walid, Gut Behütet

Gorgy Walid lebt in Wien seinen Traum. Vor ein paar Jahren hing sein Leben am seidenen Faden.

© Kurier / Juerg Christandl

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11/14/2021

Die filmreife Überlebensgeschichte des Herrn Walid

Gorgy Walid entkam der Kriegshölle im Irak. Dort geriet der Filmemacher und Journalist zwischen die schiitische Regierung und IS-Staat. Nun ist er Mitinhaber eines Hutladens im Wiener Zentrum.

von Mirad Odobašić

Ohne Kopfbedeckung fühlt man sich von einer partiellen Nacktheit befallen. Kein Wunder, denn im kleinen Laden in der Rauhensteingasse 7 im 1. Wiener Bezirk ist das Angebot von Hüten und Hauben überwältigend. "Ich nehme meine Hüte nur zum Schlafen ab", gibt Alexandra Pomper lächelnd zu.

Sie ist Mitbesitzerin des kürzlich eröffneten Geschäfts, das einen Namen trägt, der passender nicht sein kann: "Gut behütet". Ihr Partner Gorgy Walid gehörte einst zu ihrer Kundschaft. Nachdem der Laden, in dem Alexandra Pomper zwanzig Jahre gearbeitet hatte, schließen musste, entstand die Idee, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Die Chemie zwischen den beiden passte von Anfang an. Abgesehen von der Leidenschaft für die Kopfbedeckung verbindet sie nämlich eines - die positive Lebenseinstellung. 

Zwischen den Fronten

Diese hat Walid geholfen, am Leben zu bleiben. Dieses findet seit 2015 in Wien statt. Seine irakische Heimat musste der leidenschaftliche Filmemacher verlassen. Nachdem er sich entschieden hatte, die Wahrheit zu verbreiten. "Ich habe damals als Reporter für einen staatlichen Sender gearbeitet. Ich berichtete live von einer Demonstration gegen die Regierung. Es kam zu einer blutigen Auseinandersetzung mit vier Toten“, erzählt der ehemalige Journalist. "Die Demonstranten warfen Steine. Die Soldaten antworteten mit Schüssen. Der Regisseur wollte, dass ich das verschweige. Ich konnte aber nicht, das waren doch unschuldige Opfer."

Eine Verweigerung, die ihm fast zum Verhängnis geworden wäre. Walid wurde ins Regierungshauptquartier bestellt. "Auf der Vorladung wurde der berüchtigte Paragraf 'Terror 4' erwähnt. Das bedeutet: Du wirst ins Gefängnis herein und nicht mehr heraus, denn dort wirst du zu Tode gefoltert."

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Flucht als Rettung

Walid musste sich verstecken. Aber wo? "In meiner Heimatstadt Falludscha, wo der IS regierte, konnte ich nicht untertauchen. Dort galt ich als Verräter, weil ich als Sunnit für den Sender der schiitischen Regierung gearbeitet habe. Also wurde ich sowohl vom IS-Staat als auch der Regierung verfolgt".

Einziger Ausweg: die Flucht aus dem Land. "Meine Mutter sagte mir, es sei schwer für sie, aber ich könne hier nicht bleiben", schildert Gorgy Walid, warum er den Weg ohne Rückkehr einschlug. "Ich habe meinen Journalistenausweis vor der Abreise weggeworfen. An einem Checkpoint zerrten mich IS-Leute dennoch aus dem Auto. 'Warum bist du so modern angezogen', fragten sie mich. Ich log, ich sei ein Student auf dem Weg nach Bagdad", beschreibt Walid jene Augenblicke, in denen sein Leben am seidenen Faden hing: "Ich hatte zuvor gesehen, wie Männer aus den Autos vor mir die Augen verbunden und gefesselt wurden. Sie wurden abgeführt und exekutiert." 

Nach 30 langen Verhandlungsminuten, viel Überzeugungsarbeit und vor allem dank einer riesigen Portion Glück ließen ihn die Männer der IS-Miliz passieren. Für den damals 29-Jährigen ging es über Kurdistan und die Türkei nach Österreich. Wien war von Anfang an seine Wunschdestination. Warum ausgerechnet Wien? "Bei uns gibt es ein Folklorlied namens 'Die schönsten Nächte in Wien'. Ich habe immer davon geträumt, es irgendwann herzuschaffen", offenbart Walid mit breitem Lächeln. Der für ihn typische Hinweis auf seine positive Grundeinstellung, die ihm über harte Schicksalsschläge hinweggeholfen hat.

Gorgy Walid, Gut Behütet

Zerstörter Traum

Der IS zerstörte seine Träume. Vor seinem Engagement für das irakische Fernsehen war er zwei Jahre lang als Kriegsberichterstatter unterwegs, fuhr dank seinen guten Englischkenntnissen für die BBC und CNN mit amerikanischen Panzern an die  Frontlinien. "Natürlich habe ich viele heftige Sachen gesehen. Bei einem Einsatz habe ich einen sehr guten Freund verloren. Er war Dolmetscher. Wir fuhren in einem Konvoi, sein Wagen stieß auf eine Miene. Ich habe meinen Sohn jetzt nach ihm benannt".

Der Journalismus habe es ihm ermöglicht, einer Leidenschaft nachzugehen. Das verdiente Geld investierte er in die Mode, eröffnete in seiner Heimatstadt mehrere Modegeschäfte. Die Freude über das neue berufliche Standbein währte nicht lange. Der IS brannte alle Geschäfte ab, weil er ein Ungläubiger sei, hieß es.

Die Fundamentalisten entführten auch einen seiner fünf Brüder. "Sie wollten wissen, wo ich bin. Drei Tage lang befragten sie ihn. Nachdem er freigelassen worden war, habe ich ihn hergeholt", erzählt Walid. Inzwischen hat seine gesamte Familie den Irak verlassen. Die Eltern leben heute in Ankara, ebenso wie drei Brüder und zwei Schwestern.

Platz 163 von 180 belegt der Irak in puncto Pressefreiheit. „Morde an Journalisten bleiben ungestraft“, konstatiert "Reporter ohne Grenzen". Vor allem die Milizen im Land stellen ein Problem dar.

63 Prozent der Iraker sind Schiiten, was nach dem Sturz des Sunniten Saddam Hussein zu einem bedeutenden politischen Faktor im Land wurde: Die sunnitische Minderheit wurde in einigen politischen Fragen benachteiligt - und damit ein Nährboden für den Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" geschaffen. Doch auch unter den Schiiten gibt es Gegensätze - etwa das künftige Verhältnis zum Iran.

Dem Film verfallen

In Wien hat Gorgy Walid, der sich immer noch im Besitz eines Flüchtlingspasses befindet, relativ schnell Fuß gefasst. Anfangs wohnte er in einer Flüchtlingsunterkunft, besuchte einen Deutschkurs, der ihn, wie er selbst sagt, nicht wirklich weitergebracht hat. "Sehr wohl aber der Kontakt und das viele Reden mit den Menschen - und die Filme", betont der zweifache Vater, der gleich nach einer Möglichkeit suchte, seiner weiteren Leidenschaft nachzugehen.

"Ich wollte in die Filmakademie. Ich habe drei Projekte absolviert, aber leider haben meine schlechten Deutschkenntnisse verhindert, dass ich da reinkomme", erinnert er sich. "Im Nachhinein musst du sagen 'Gott sei Dank', denn dadurch hast du eine Abkürzung genommen", mischt sich seine Geschäftspartnerin Alexandra ergänzend ein. "Ja, stimmt, heute wollen die von der Filmakademie mit mir arbeiten", erwidert Walid, ohne sein ansteckendes Lächeln vermissen zu lassen.

Gorgy Walid, Gut Behütet

Ein wahrer Spezialist

Das Filmgeschäft läuft gut. Mehr als gut. "Ich bin seit Kurzem selbstständig und derzeit tatsächlich ausgebucht", erzählt Walid, dessen Karriere in Österreich bei Puls4 begann. Dort gestaltete er ein paar Jahre lang die Beiträge für das Frühstücksfernsehen. Sein Background kam ihm dabei zugute. "Den Leuten dort war klar, dass ich mein Wissen einbringen und viele Beiträge über die Lage im Osten, Syrien oder dem Irak liefern kann." 

Momentan produziert er für den ORF. "Ich habe aber auch ein paar Kurzfilme gemacht und einen Film mit Silvia Schneider in der Hauptrolle produziert. Die Teilnahme an Filmfestivals sind mein Ziel."

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Übrigens, seine Liebe zum Hut hat Gorgy Walid einem gewissen Clint Eastwood zu verdanken. Vor 30 Jahren sah ein kleiner Junge im Irak dessen Western-Streifen und entdeckte, wie cool Hüte sein können. Dieser Junge dreht nun Filme.

Genau wie sein Idol. 

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