© Mirad Odobasic

Reportage
08/12/2021

Bosnien: Ein Land, in dem die Masken längst gefallen sind

In dem kleinen Balkan-Land ist Corona kein Thema mehr. Über das beinah vergessene Gefühl, maskenlos in den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu können.

von Mirad Odobasic

Am siebenten Tag war es dann soweit. "Wenn's Ihnen nichts ausmacht...", antwortete die Dame im Sportgeschäft schüchtern auf meine Frage, ob ich denn die Maske aufsetzen soll während sie mich berät. Ich hatte das Geschäft - wie alle anderen Kunden - ohne sie betreten.  

Ganze sechs Tage meines Bosnien-Aufenthalts hat mir gegenüber niemand das Thema Mund-Nasen-Schutz auch nur erwähnt. Bei diesem "ersten Mal" verdeckte die Maske der jungen Verkäuferin selbst nur die Mundpartie, während die Nase freie Sicht genoss. Das scheint überhaupt der angesagte Style des MNS-Tragens in diesem kleinen Land zu sein, in dem der Impfprozess erst jetzt ins Rollen gekommen ist.  

Angewiesen auf Spenden

Zu Beginn des Jahres hatten sich die zuständigen bosnischen Behörden an die Beschaffung der Vakzinen gemacht. Während das Coronavirus in einigen Teilen Bosnien wütete - allein der Kanton Sarajevo hatte im März 2021 europaweit die höchste Sterberate (siehe Grafik unten) - offenbarte der seit Jahren dysfunktionale Staat all seine Schwächen. Die von Armut und heftigen Abwanderungsströmen schwer betroffenen Bosnier mussten mitansehen, wie viele ihrer Mitbürger starben (Stand 9. August sind es 9.694) während die Regierung daran scheiterte, Impfungen zu beschaffen. 

Zahlreiche Korruptionsaffären und das monatelange Warten auf das schwächelnde System Covax, das für die internationale Verteilung des Impfstoffs verantwortlich ist, sorgten dafür, dass die Impfungen in Bosnien einfach nicht ankamen. Ausnahmen stellten diejenigen, die gespendet wurden dar, u.a. vom benachbarten Serbien, mit dem man sich in den 1990er Jahren bekriegt hatte, oder eben wie zuletzt von Österreich, das zu Beginn dieser Woche 500.000 Impfdosen AstraZeneca per Kühl-Lkw von Wien nach Sarajevo schickte. 

Unterdessen zogen Spitzenpolitiker mit unbedachten Aussagen die Wut der Bürger auf sich. Dabei tat sich vor allem Fadil Novalić, der Premierminister der größeren Entität, der Föderation Bosnien und Herzegowina, hervor. "Hätten wir vorgehabt, so zu tun als, ob wir ein seriöser Staat wären, dann hätten wir die Vakzinen schon im Dezember besorgt. Aber gut ...", sagte Novalić im März bei einer Parlamentssitzung, und zwar vor laufender Kamera. Am Tag zuvor waren in dem muslimisch-kroatischen Landesteil 42 Personen an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben - ein Höchstwert. Novalić, der wegen skandalöser Beschaffung von 100 umstrittenen Beatmungsgeräten im Wert von über 10 Millionen Euro festgenommen und anschließend entlastet wurde, erlangte übrigens auch virale Bekanntheit, nachdem er bei einem TV-Auftritt mit dem richtigen Aufsetzen des MNS-Schutzes gehadert hatte. Ähnlich wie ihm dürfte es in Bosnien vielen gehen. 

Davon habe ich mich kurz nach der Zitterpartie an der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina überzeugen können. Dem Schild an der Eingangstür, aber vor allem der mittlerweile gefestigten Gewohnheit folgend, griff ich vor dem Betreten der Tankstelle in der Nähe der bosnischen Kleinstadt Modriča zu meiner stets in der Hosentasche steckenden FFP2-Maske. Der Tankwart erwischte mich dabei und winkte desinteressiert ab. "Die brauchst du hier nicht", rief der Mann ohne seinen Blick von seiner Kassa abzuwenden. Sein Mund-Nasen-Schutz hing dabei an seinem Kinn. "Okay", sagte ich verwirrt und steckte meinen wieder in die Hosentasche ein. 

"Kinn-Version"

Es dauerte nicht lange, bis ich feststellen durfte, dass der Schutz des Menschen vor dem (Corona)Virus kein Freund des Bosniers ist. Der Mund-Nasen-Schutz scheint in dem knapp 3,5 Millionen Menschen zählenden Land quasi ausgedient zu haben. Die Schilder mit der Aufforderung, sich den Mund bzw. die Nase vor dem Betreten von zu bedecken, hängen in der mittelbosnischen Stadt Zenica zwar auf beinahe jedem geschlossenen Objekt, doch daran scheint sich niemand mehr zu halten. 

Nicht mal im größten Shoppingzentrum der viertgrößten Stadt des Landes, das sich stets großer Besucherzahlen erfreut, sieht man Masken - abgesehen von einigen Verkäufern. "Wir sind verpflichtet, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen und halten uns auch daran. Unsere Kunden tun es eher nicht, aber wir weisen auch niemanden ab", erzählt Mersad O., Leiter der Filiale eines spanischen Modelabels. In dem gegenüber liegenden Supermarkt etwa herrscht ein anderes Sittenbild, denn hier sind die Gesichter der Verkäuferinnen zur Gänze ersichtlich. 

Auch die Dame am Schalter der Filiale einer österreichischen Bank präferiert die "Kinn-Version" des MSN-Tragens. Auf meine Frage am Schalter, ob ich denn eine brauche - während zwei andere Kunden im Hintergrund herzhaft und ohne Stoff um den Mund miteinander quatschen - sagt sie: "Naja, bis sie uns erwischen, müssen wir keine tragen". Mit meiner Bemerkung, ich hätte kein Problem, meine aufzulassen, konnte sie wenig anfangen und ließ ihre am Kinn. 

Befremdliches Gefühl

Ein mittlerweile besonderes Erlebnis bietet die Fahrt mit dem städtischen Bus an. Hier fühlt man sich mit einer FFP2-Maske, an der man inzwischen einen Österreicher auf Auslandsreise auch in einer größeren Menschenmenge erkennen kann, wie der von Sting besungene Engländer in New York. Sprich wie ein kleines Alien. Während ich mit Erstaunen um mich herumschaue, ob ich denn tatsächlich der Einzige sein kann, der sich so etwas traut, fühle ich die kritischen Blicke der anderen Passagiere auf meiner Haut. Und das, obwohl auf mehreren im Bus verteilten Schildern auf die immer noch geltende Maskenpflicht in den Innenräumen verwiesen wird. 

Nach ein paar heimlichen Aufnahmen der schier für unmöglich gehaltenen Gesichtsnacktheit im öffentlichen Verkehr - ja, es fühlt sich nach den eineinhalb Jahren mit Maske in den Öffis befremdlich an - steige ich aus und sehe dem wegfahrenden Bus, auf dem für das gerade im Stadtzentrum stattfindende Sommerfest geworben wird. Ob zumindest dort in der Menge die Menschen vorsichtiger sind?

Distanzlos

Die Antwort bekomme ich an selben Abend. Dem Auftritt eines angesagten serbischen Sängers im Zentrum der Stadt wohnen ein paar Tausend Zuschauer verschiedener Altersstrukturen bei. Den empfohlenen Abstand hält an diesem Abend lediglich der Musiker ein, das Publikum schmiegt sich eng aneinander - vor allem das Junge, das die vordersten Reihen erobert hat.  

Die Frage, ob hier jemand auf die Maske setzt, hat sich längst erübrigt. "Bis zum Herbst", fürchtet Fifi, der in einem benachbarten Lokal kellnert. Er scheint einer der wenigen zu sein, die in die Zukunft schauen. In den Medien wurden die aktuellen Neuinfektionszahlen - die aktuelle 7-Tage-Inzidenz liegt bei 16,2, wobei in Bosnien kaum getestet wird - längst von den steigenden Touristennächtigungen sowie dem täglichen Streit in den politischen Führungsriegen der Bosniaken/Kroaten/Serben verdrängt. Diese klammern sich mit populistischen Parolen an die Macht und lenken so auch von ihrem Versagen in Sachen Corona-Krisenmanagement ab.  

Dennoch scheint man hier - zumindest der Politik - leicht verzeihen zu können, denn dieselben Parteien sind seit Beginn der 1990er Jahre an der Macht. In Bosnien ist man es seit dem Krieg gewohnt im Hier und Jetzt zu leben. Und zwar ohne Maske. 

Die aktuelle 7-Tage-Inzidenz liegt in Bosnien bei 19,8. Allerdings werden täglich im Schnitt nur etwa 1.000 Testungen durchgeführt. Seit Beginn dieser Woche kann man sich ohne einen Termin impfen lassen, allerdings ist das Interesse mäßig. Dasselbe Problem haben auch die Nachbarländer.

In Serbien, das früh reichlich Impfstoff hatte und diesen auch gratis seinen Nachbarn anbot, ist immerhin 41,1 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. EU-Land Kroatien hält bei nur 37,2 %, während Beitrittskandidat Montenegro, der Kosovo und Bosnien bei unter 10 Prozent liegen.

Mit Anreizen versucht man, die Menschen zur Spritze zu bewegen. Die überall steigenden Infektionszahlen - in Serbien waren es am Mittwoch fast 800, in Kroatien 381 (Vorwoche: 186) - scheinen nicht motivierend genug.
 

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