Wer ein Treffen absagen muss, sollte das vor allem rechtzeitig tun.

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Lifestyle Fragen an das Leben
02/21/2020

Ist es okay, Treffen mit Freunden abzusagen, weil man keine Lust hat?

Kaum jemand sagt eine Verabredung aus purer Unlust ab. Ist doch moralisch verwerflich. Oder?

von Marlene Patsalidis

"Lust, am Wochenende was trinken zu gehen?" "Nein, eigentlich nicht." Zu einer solchen – zugegeben, sehr zugespitzten – Konversation kommt es im Alltag selten. Denn: Sagt man Verabredungen mit Freunden ab, klopft das schlechte Gewissen an.

Aus sozialpsychologischer Sicht erfüllt dieses Dilemma eine wichtige Funktion, weiß Ulrike Kipman, Klinische und Gesundheitspsychologin: "Wir leben in sozialen Gefügen, Verlässlichkeit fungiert als sozialer Kitt. Immerhin sind wir in Gemeinschaften auf andere angewiesen und haben auch einen Wunsch nach sozialem Austausch. Wenn wir andere dauerhaft mit Absagen vergrämen, wird uns diese Möglichkeit eventuell entzogen."

Wir halten fest: Sich sozial verpflichtet zu fühlen, ist ein natürlicher, gesellschaftsfähiger Mechanismus.

Ehrlich statt ungut

Aber bleiben wir beim Einzelfall. Eine unvorhergesehene Stresssituation in der Arbeit, gesundheitliches Unwohlsein, familiäre Verpflichtungen, das simple Bedürfnis alleine zu sein oder Unlust: Eine Verabredung, sei es mit der Familie, Freunden oder Bekannten, abzusagen, hält Kipman weder für heikel noch verwerflich: "Problematisch ist es aber, wenn man schon beim Ausmachen eines Treffens vage bleibt, nie fix zu- oder eben absagt oder sich einfach gar nicht mehr meldet. Damit stößt man Mitmenschen vor den Kopf." Für Letzteres, wenn man ohne Vorwarnung oder Erklärung den Kontakt zu jemandem abbricht, findet sich im modernen Sprachgebrauch ein eigenes Wort: Ghosting.

Was die junge Generation in eine verbale Form gegossen hat, ist keinesfalls ein Phänomen, das nur sie betrifft. "Geghostet wurde schon immer quer durch alle Altersgruppen. Man konnte es früher nur nicht konkret benennen", sagt Kipman. In zwischenmenschlichen Beziehungen macht ein derartiges Verhalten mehr kaputt als eine ehrliche Absage.

Anders sieht die Sache bei Menschen mit psychischen Erkrankungen aus. "Personen, die an Depressionen, Angststörungen oder einem Burn-out leiden, fällt es oft schwer, unter Menschen zu gehen. Betroffene sagen besonders oft und vor allem plötzlich ab. Das ist grundsätzlich zu respektieren", sagt die Psychologin. Hat man als Gegenüber den Eindruck, dass sich ein Freund oder Verwandter zurückzieht und sämtliche soziale Kontakte vernachlässigt, kann es hilfreich sein, ihm konkrete Angebote für gemeinsame Aktivitäten zu machen. "Den anderen zum Beispiel von daheim abzuholen – und auch nicht beleidigt oder böse zu sein, wenn das Treffen kurzfristig doch nicht zustande kommt."

Normal und gesund

Fakt ist: Es ist kein moralischen No-Go, ein Treffen abzublasen. Es ist ganz normal – und sogar gesund. Psychologen kamen 2012 in einer Studie zu dem Schluss, dass das Leben jenseits von Job und Verpflichtungen kein rein soziales sein sollte, sondern dass Zeit für sich mindestens so wesentlich ist wie Zeit mit Freunden. "Wichtig ist, dass die Botschaft eindeutig ist. Dass man unmissverständlich kommuniziert, wenn man aus persönlichen Gründen nicht erscheinen kann." Ob man diese explizit nennt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. "Es kann sinnvoll sein, die Absage zu begründen, weil es die Situation nachvollziehbarer macht. Privates darf aber immer auch privat bleiben."

Wer eine Verabredung absagt, bleibt jedenfalls authentisch. In diesem Sinne können Absagen Beziehungen sogar stärken.